Kritik

Genus Pan Lahi, Hayop

„Genus Pan“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Das Leben des jungen Andres (Don Melvin Boongaling) ist nicht einfach, denn seine Arbeit in der Goldmine ist hart, gefährlich und es bleibt am Ende wenig von seinem ohnehin schon geringen Lohn übrig. Frustriert über die vielen Kosten, die es ihm unmöglich machen, etwas Geld auf die Seite zu legen und weil er für seien kranke Schwester daheim dringend Medikamente besorgen muss, beschließt er seine beiden älteren Kollegen, den jähzornigen Baldo (Nanding Josef) und den gläubigen Paulo (Bart Guingona), auf ihrer Überfahrt zu der geheimnisvollen Insel Hugaw zu begleiten, eine Unternehmung, von der sie sich einen nicht geringen Geldsegen versprechen. Allerdings kommt es nach kurzer Zeit zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den Männern, insbesondere Andres und Baldo, weil diese sich entweder übergangen fühlen oder meinen, man bringe ihnen nicht den gebührenden Respekt entgegen. Immer wieder versucht Baldo zwischen den beiden zu schlichten, was ihm auch gelingt. Dennoch ist das Geld ein beständiger Quell des Streits unter den Männern, der letztlich eskaliert und in einer Bluttat endet. Der Überlebende der Gruppe versucht die Wahrheit hinter der Tat geheimzuhalten und damit so gut es geht zu leben, doch mit jedem Tag droht das Geheimnis ans Tageslicht zu kommen.

Von Tieren und Menschen
Wie Lav Diaz in seinem Statement zu seinem neuen Langfilm Genus Pan sagt, bildete eine wenig bedachte Äußerung von ihm die Grundlage für die Geschichte des Dramas, welches nun auf den Filmfestspielen in Venedig seine Weltpremiere feiert. Auf die Frage, wie er den Menschen beschreiben würde, gab Diaz an, dieser sein nichts weniger als ein Tier, eine Antwort, die er zunächst bereute, aber im Nachhinein als die einzig richtige empfindet. Von Trieben wie Gier und Eifersucht getrieben ist es fraglich, ob wir uns wirklich von den Tieren entfernt haben und in dieser Hinsicht über diesen innerhalb der Evolution stehen. So ist Genus Pan vor allem eine Meditation über den Menschen, über seine niederen Triebe und ob es ihm gelingen kann, diese zu kontrollieren oder sich gar von ihnen zu emanzipieren.

Innerhalb des Gesamtwerks von Lav Diaz präsentiert sich Lahi, Hayop als eine Geschichte, die sich nahtlos zu Filmen wie The Halt oder In Zeiten des Teufels gesellt. Noch nie war das Welt- und Menschenbild seiner Filme von Optimismus geprägt, betonte immer wieder den Kreislauf von Gewalt, Aberglaube und Niedertracht, der den Kern menschlicher Existenz bildet. Während in seinen beiden letzten Filmen dieser Kreislauf getragen wird von einem zutiefst korrupten und brutalen System, konzentriert sich Diaz’ Drehbuch in Lahi, Hayop vor allem auf die drei Männer, ihr Schicksal und die Dynamik der Gruppe, aus der eben das Ausleben jener niederen Gelüste entsteht.

Auch wenn Diaz im Vergleich zu anderen Werken mit einer für ihn relativ überschaubaren Laufzeit auskommt, ist die Form dennoch gleich geblieben. In teils quälend langen Einstellungen beschreibt er das Leben der Männer und ihren beschwerlichen Weg durch den Dschungel, sodass man den Schweiß und den Dreck fast schon fühlen kann. Fast erinnert man sich an die Körperlichkeit des Kinos von Werner Herzog, der speziell in Filmen wie Fitzcarraldo oder Aguirre – Der Zorn Gottes die Gewalt der Natur mit jener des Menschen gleichsetzte.

Das Erbe Gottes
Abermals ist Diaz’ Kamera eine Art Mikroskop, welches die Ursachen jener Gewalt erforschen will. Der Anspruch auf Zivilisation, auf Familie, Lebenserfahrung oder der Glaube an Gott erscheinen weniger als Schutzschilde vor der Gewalt, die tatsächlich als unvermeidlich erscheint und die Geschichte in mancherlei Hinsicht schon fatalistisch macht. Letztlich ist der Kreislauf einer, der jenseits des Einflusses des Einzelnen zu sein scheint, der Teil eines Systems ist, welches angenommen wurde, wie das Erbe des Kolonisten, auf das sich die Geschichte an mancher Stelle bezieht. Auch könnte es das Erbe Gottes oder des Aberglaubens sein.

Dennoch erscheinen die Figuren in Genus Pan nicht als passiv, auch wenn die Existenz dieser dunklen Triebe nicht verheimlichen können. Die Frage, ob es einen Ausweg aus dem Teufelskreis der Gewalt gibt, lässt Diaz offen oder legt sie gleich ganz in die Hände der Menschen, die er zeigt.

Credits

OT: „Lahi, Hayop“
Land: Philippinen
Jahr: 2020
Regie: Lav Diaz
Drehbuch: Lav Diaz
Musik: Lav Diaz
Kamera: Lav Diaz
Besetzung: Bart Guingona, Don Melvin Boongaling, Nanding Josef, Hazel Orencio, Joel Saracho, Noel Sto. Domingo

Trailer

Interview

Lav Diaz Interview 2020Wie wurde Lav Diaz für seinen neuen Film inspiriert? Und warum verwendet er keine Musik? Diese und weitere Fragen haben wir den philippinischen Regisseur in unserem Interview gestellt.

Filmfeste

Venedig 2020
Filmfest Hamburg 2020

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Genus Pan
4.12 (82.4%) 25 Artikel bewerten

Genus Pan
"Lahi, Hayop" ist ein Drama darüber, ob sich der Mensch von seinen dunklen Trieben emanzipieren kann. Lav Diaz erzählt eine oft sehr düstere, ernüchternde Geschichte über das Wesen des Menschen als Ursache für Leid, Brutalität und Aberglaube, lässt sich aber immer noch eine Hintertür offen, glaubt er insgeheim doch daran, dass es in der Macht der Menschheit liegt, etwas an den Umständen des Lebens zu verändern.
7von 10

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