The Halt Lav Diaz

„The Halt“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Im Jahr 20134, nach zahlreichen Vulkanausbrüchen und -eruptionen, hat sich der Himmel über Südostasien dauerhaft verdunkelt. Die politische Elite des Landes, allen voran Diktator Nirvano Navarro (Joel Lamangan), schüren die Angst im Volke durch gezielte Propaganda vor den Bedrohungen, insbesondere einer neuen Form der Grippe, kurz „Dark Killer“ genannt. Überwacht durchs Militär und eine omnipräsente Armada von Drohnen wird die Bevölkerung kontrolliert, jeder mögliche Aufstand im Keim erstickt und Widerständlern das Handwerk gelegt. Angeführt wird Navarros Armee von den beiden Offizieren Mariassa (Mara Lopez) und Martha (Hazel Orencio), die jeden Befehl mit aller Härte durchsetzen. In der Hauptstadt der Philippinen plant derweil der einstige Soldat Hook (Piolo Pascual) ein Attentat auf den Präsidenten. Doch er ist nicht allein mit seinem Vorhaben, denn überall macht sich Wut und Unmut über das Unrechtsregime breit.

Die dunkle Zukunft
Als der neue Film des philippinischen Regisseurs Lav Diaz (In Zeiten des Teufels) bei den Filmfestspielen in Cannes 2019 gezeigt wurde, konnte er selbst aufgrund anderer Verpflichtungen nicht anwesend sein. Dennoch wollte Diaz sein Publikum wohl nicht allein mit seinem über viereinhalbstündigen Film lassen, sodass im Vorfeld eine seiner Schauspielerinnen den Zuschauern den Rat gab, etwas Acid einzunehmen, bevor man sich The Halt ansehe. Diaz beendete seine Ratschläge ans Publikum mit der etwas ernsteren Erkenntnis, dass er feststellen müsse, dass heutzutage immer mehr Menschen weltweit die Hoffnung in die Zukunft verlieren würden. Die Kunst, nicht zuletzt das Kino, müssen Statements gegen diese grassierende Verzweiflung in der Welt setzen.

Wer allerdings einen optimistisch gestimmten Film erwartet, wird von diesem zunächst enttäuscht werden. Das bereits dargestellte Szenario einer Welt versunken in ständiger Dunkelheit, durch die schwarz-weißen Bilder des Filmes betont, bietet kaum Rückzugsmöglichkeiten für die Charaktere. Freiheit sucht man hier vergebens, diese wird mit Pistolen hingerichtet, in noch dunklere Gefängnisse gebracht und irgendwo im Straßengraben eilig begraben. Das allseits präsente Surren der Drohnen erstickt den letzten „Sonnenstrahl“ der Freiheit.

Die gewohnt langsame Herangehensweise des Filmemachers, die man aus früheren Werken bereits kennt, definiert ein Kaleidoskop der Angst, des Wahnsinns und der Verzweiflung. Wie eine Diagnose für die Bevölkerung im Film wirkt die Erkenntnis Hooks, er leide an Anosognosie, einer Form der Blindheit, die immer stärker werde. Trotz der Zugehörigkeit zu einer Rebellengruppe wirkt auch er, ähnlich den Menschen auf der Straße, lethargisch und beinahe exklusiv auf die eigene Person fokussiert. In den langen Aufnahmen gepaart mit der statischen Kamera zeigt sich der Zustand der „totalen Unterdrückung“, wie es an anderer Stelle heißt.

Der verrückte Diktator
Unter den Darstellern hinterlässt die Vorstellung Joel Lamangans als Diktator wohl den nachhaltigsten Eindruck beim Zuschauer. Auch wenn sich in The Halt mit Schauspielern wie Pinky Amador und Hazel Ornecio eine mittlerweile bekannte Besetzung für einen Lav Diaz-Film versammelt hat, sticht Lamangan mit seiner entfesselten Performance hervor. Trotz oder gerade wegen der offensichtlichen Parallele zu aktuellen Diktatoren oder einem ebenfalls entfesselt auftretenden US-Präsidenten wirken die plötzlichen Anfälle von Blutdurst und Manie so beängstigend, schier unerträglich.

Vielleicht ist gerade dies das Kalkül eines Lav Diaz, der diese Unerträglichkeit zu einem Prinzip des Filmemachens für sich erhoben hat. Ab einer gewissen Marke muss sich sein Film allerdings die Frage gefallen lassen, wann diese Vision der Welt unzumutbar wird, mit oder ohne Acid.



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The Halt
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The Halt
„The Halt“ ist ein Film über den Wahnsinn einer Diktatur, eine Schreckensvision der Zukunft. Diese Konsequent muss man respektieren, genauso wie die Leistungen der Darsteller, aber dennoch bleibt bei vielen Szenen der Eindruck der Redundanz.
6von 10

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