Die Filme des philippinischen Regisseurs Lav Diaz befassen sich mit der Geschichte seines Landes, dessen Politik und der Gesellschaft. Norte, the End of History, The Woman Who Left, In Zeiten des Teufels und The Halt, um nur einige Titel zu nennen, liefen auf internationalen Festivals. Sein neuer Film Genus, Pan, für den Diaz mit der renommierten Orrizonti-Auszeichnung auf dem Filmfestival Venedig dieses Jahr geehrt wurde und der nun im Rahmen des Filmfestes Hamburg gezeigt wird, erzählt er vom Wesen des Menschen, von Gier und von Niedertracht. Wir freuen uns abermals mit Lav Diaz sprechen zu dürfen, dieses Mal über Genus, Pan, über dessen Ästhetik und generell den Zustand des Kinos in Diaz‘ Heimat.

Was war die Inspiration für Genus, Pan?
Der Film behandelt die unsichtbaren Teile der Gesellschaft der Philippinen, jene, die an den Randzonen leben, auf den entlegensten Inseln und denen man kaum Beachtung schenkt. Viele von ihnen sind ungebildet, primitiv und atavistisch von Natur aus, bereits in meinem Film Evolution of a Filipino Family habe ich mich diesen Elementen gewidmet. Ich kenne diese Kultur, denn ich wuchs auf in einer Umgebung, die in vielerlei Hinsicht ähnlich ist. Der Film startet mit ihnen, doch ist er letztlich eine Untersuchung unser aller Dasein.

Bedenkt man die hoffnungslose, oft schon pessimistische Atmosphäre Ihrer letzter beiden Filme The Halt und In Zeiten des Teufels, ist Genus, Pan nicht in gewisser Hinsicht eine Fortsetzung der Themen dieser Filme?
All meine Filme sind ein kontinuierlicher, aufeinander aufbauender Diskurs über die Natur des Menschen, wobei die Kultur und Gesellschaft meiner Heimat so etwas wie den Hintergrund oder die Leinwand bildet. In jedem meiner Filme nutze ich Schwarz-Weiß-Bilder, weil ich deren Optik sehr mag, genauso wie eine statische, distanzierte Kamera, die eine objektive Sichtweise auf die Handlung und die Figuren betont. Sobald die Perspektive in Genus, Pan wechselt, verändert sich auch die Kamera, wie man an vielen Stellen sehen kann.

Dieser Film setzt für mich den Diskurs über das Wesen des Menschen fort. Über das Kino hoffe ich zumindest ein paar Antworten auf meine Fragen bezogen auf unser Leben und unsere Existenz auf dieser Welt zu finden. Das Kino ist für mich ein Weg, um diesen Antworten näherzukommen, auch wenn es scheinbar ewig dauern wird, bis man zu diesen Antworten gelangt.

Können Sie was zu ihrer Besetzung sagen und wie Sie die Dynamik zwischen den drei Hauptdarstellern etabliert haben?
Die Schauspieler habe ich nicht nur auf der Grundlage ihres Talents ausgesucht, sondern auch, weil ich weiß, dass sie verantwortungsvolle, gute Menschen sind. Viele von ihnen kommen vom Theater, einige engagieren sich zudem in der Politik und beteiligen sich am nationalen Diskurs. Ich vertraue ihnen und gab ihnen freie Hand bei der Ausgestaltung ihrer Figuren im Film.

Wie bei Ihren anderen Filmen nutzen Sie lange, oftmals statische Einstellungen, um die Geschichte zu erzählen. Warum erschien Ihnen diese Herangehensweise die einzig richtige für Genus, Pan?
Für mich ist diese, wenn man so will, pure und unveränderte Sicht der Kamera sehr wichtig und ich nutzte sie so oft es geht, und ich möchte, dass mein Publikum diese auch erlebt. Ein Grund für diese Herangehensweise ist, dass die Natur in meinen Filmen eine besondere Rolle spielt, daher greife ich wenig in den Rhythmus einer Szene ein, der durch Schnitte oder Montage verändert, wenn nicht sogar verfälscht wird. Das ist auch der Grund, warum die Perspektive und damit auch die Kamera sich in Genus, Pan ändert, wenn Mariposa ihre Version der Geschichte erzählt: Man merkt, dass sich etwas verändert hat, denn man sieht nun eine sehr subjektiv gefärbte Sicht der Ereignisse. Wenn es um die Ästhetik einer Geschichte geht, gibt es tausend Möglichkeiten, wie man diese gestalten kann und alle sind richtig, solange sie auch auf die Geschichte passen, die man erzählen will.

Können Sie Ihre Herangehensweise bezüglich der Filmmusik bei Genus, Pan beschreiben?
Es gibt keine Musik, nur die Klänge, die wirklich Teil der Geschichte sind. Was ich lediglich mache, ist den natürlichen Klang zu verbessern, sodass er zu dem Gezeigten passt. Bei meinen ersten Filmen, die sehr lang waren, haben viele Zuschauer und Kritiker, welche die Konventionen des Mainstream-Kinos gewöhnt sind, gemeint, der Sound sei schlecht und haben sich gefragt, wo denn nun die Filmmusik sei. Ich habe großen Respekt vor Filmmusik und denen, die sie kreieren, doch in meinen Geschichten brauche ich so etwas nicht. Ich vermeide es, Emotionen zu manipulieren und halte es daher eher einfach.

Was ist Ihr Meinung zu Situation des Kinos in Ihrer Heimat?
Das Kino der Philippinen wird immer progressiver. Viele Filmemacher sind sich einer Verantwortung bewusst, dass man die Filmkunst als einen Diskurs betrachten kann, mit welchem man die Gegebenheiten der Nation diskutieren kann.

Können Sie uns etwas zu neuen Projekten sagen, an denen sie derzeit arbeiten?
Zwei Projekte sind gerade in der Post-Produktionen und befinden sich gerade im Schneideraum. Ich brauche noch etwas Zeit um am Sound und der Farbkorrektur zu arbeiten. Der Lockdown hat eine Situation entwickelt für mich, in der ich mich „vergessenen“ Projekten widmete, wie auch Genus, Pan eines ist. Die Dreharbeiten hatte ich bereits 2017 abgeschlossen. Diese Projekte habe ich nun wiederauferstehen lassen, wenn man es so sagen kann.

Vielen Dank für das nette Gespräch.

Zur Person
Lav Diaz ist einer der bekanntesten Regisseure seiner Heimat, den Philippinen. Am 30. Dezember 1958 als Sohn von Lehrern geboren arbeitete Diaz zunächst bei einem Musikmagazin, bis er schließlich zum Film fand. Am Mowelfund-Film-Institut befasste er sich mit Regie und Filmproduktion, experimentierte aber auch viel in Disziplinen wie der Fotografie und dem Schreiben. Sein Regiedebüt erfolgte 1998 mit Serafin Geronimo: Ang kriminal ng Baryo Concepcion. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen A Lullaby to the Sorrowful Mystery und The Woman Who Left (jeweils 2016). Sein aktuellster Film Genus Pan (2020) feierte in Vendig Premiere.



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Lav Diaz [Interview 2020]
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