Kritik

Nina Wu

„Nina Wu“ // Deutschland-Start: 3. September 2020 (Kino)

Seit acht Jahren schon lebt Nina Wu (Wu Ke-xi) in Taipei und verfolgt ihren Traum von der großen Schauspielkarriere, doch bis auf ein paar Kurzfilme und Werbeclips hat sie bislang nichts vorzuweisen. Eines Tages scheint sich ihr Glück zu wenden, denn von ihrem Agenten Mark (Lee Lee-zen) bekommt sie das Drehbuch zu einem Spionagethriller zugespielt, für welches die Produzenten noch die weibliche Hauptrolle suchen. Zwar ist Nina skeptisch wegen der expliziten Nacktszenen im Skript, doch ihr Agent erklärt ihr, dies sei eine der Herausforderungen, die sie zu überwinden habe, wenn ihr die Karriere wirklich so wichtig ist. Tatsächlich sind es aber nicht nur die Nacktszenen, die zu einer Herausforderung werden, sondern vor allem das Gehabe des Regisseurs, der nicht davor zurückschreckt Nina vor der Crew zu misshandeln und zu beleidigen, wenn es seiner Meinung nach der Szene dient. Letztlich wird der Film von Kritik und Publikum gefeiert, sodass Ninas Traum sich zu erfüllen scheint. Doch so richtig freuen kann sie sich nicht, hat der emotional zermürbende Dreh tiefe Spuren bei ihr hinterlassen, denn sie leidet an Albträumen und Visionen von einer Frau, wie sich herausstellt eine Mitbewerberin um die Rolle, die sie angreift. Als sich dann noch in ihrer Familie eine Tragödie abzeichnet, droht Ninas Psyche an dem Druck um sie herum zu zerbrechen.

Die Verwandlung der Nina Wu
Spätestens seit Beginn der #MeToo-Bewegung wurde die Öffentlichkeit aufmerksam gemacht auf die Demütigungen und die Belästigungen, denen viele Schauspielerinnen ausgesetzt waren im Gegenzug für Rollen oder Drehbücher. Wahrscheinlich waren es solche Geschichten oder Erlebnisse, die auch Wu Ke-xi, welche schon in vielen Werken des taiwanesischen Regisseurs Midi Z mitgespielt hat, für ihr Drehbuch inspirierten. Midi Z war von dem Ergebnis ihrer Bemühungen so angetan, dass er das Projekt sogleich als sein nächstes auswählte, welches beispielsweise bei den Filmfestspielen in Cannes 2019 gezeigt wurde.

Im Grunde genommen erzählt Nina Wu die Geschichte einer Verwandlung, ausgelöst durch eine Kette von verstörenden und demütigenden Ereignissen. Ein Satz im Drehbuch, welches Nina erhält, spielt darauf an, dass man ihr nicht nur den Körper stehle, sondern auch ihre Seele, was letztlich eine interessante Spiegelung dessen ist, was Nina durchmacht. Schon bald ist es nicht mehr nur eine Rolle im Film, die Nina spielt, sondern eine, die sie auf ihr Leben überträgt, eine andauernde Performance, wenn man so will, bei der sie sich gleichzeitig von außen zu betrachten und zu bewerten scheint. Ähnlich wie Nina selbst, fällt es dem Zuschauer zunehmend schwer, die einzelnen Ebenen, die Fiktion, die Realität und den Traum auseinander zu halten.

Dies ist ein sehr fordernde Erzählweise, springt diese doch immer wieder zwischen den einzelnen Wahrnehmungsebenen hin und her. Allerdings offenbart sich durch diese der tiefe emotionale Zwiespalt innerhalb der Protagonistin, die wegen des äußeren Drucks und der Erwartungshaltung an sich selbst zu zerreißen droht. Ob es innerhalb dieses narrativen Konstrukts noch der Familiengeschichte bedarf, welche eine lange Krankheitsgeschichte definiert von Depressionen und psychischen Störungen nahelegt, sei dahingestellt.

Körper und Seele
Auch auf technischer insbesondere visueller Ebene zeichnet sich dieser Zwiespalt ab. Durch labyrinthisch anmutende Gänge, vornehmlich in rot und schwarz gehalten, irrt Nina beispielsweise auf dem Weg zum Casting oder wenn sie versucht, in ihrer Rolle, vor einem Mann zu fliehen. Mittels einer Ästhetik, die in ihren besten Momenten an Werke wie David Lynchs Blue Velvet oder Denis Villeneuves Enemy erinnert, können diese Schlüssel oder Wege in unterdrückte Erinnerungen, Erlebnisse und Schuldgefühle sein, die mit der Zeit sich dem Zuschauer erst offenbaren und so das Gesamtbild dieser Figur offenlegen.

In der Hauptrolle glänzt Schauspielerin Wu Ke-xi, die in jeder Szene auftritt und in einer engagierten Darstellung die emotionale Zerstörung und die Unterdrückungsmechanismen zeigt, die ihre Figur sich angeeignet hat. Gerade der Versuch, die Übersicht über die vielen Rollen, die ihre Figur spielt, zu bewahren, die Kontrolle zu behalten oder wiederzuerlangen, ist nur einer von vielen eindrucksvollen Aspekten Wu Ke-xis Leistung, die damit Nina Wu auch außerhalb von Bewegungen wie #MeToo zu einer zeitlosen Geschichte über psychische Störungen und emotionale Ausbeutung machen.

Credits

OT: „Zhuó Rén Mì Mì“
Land: Taiwan
Jahr: 2019
Regie: Midi Z
Drehbuch: Midi Z, Ke-xi Wu
Kamera: Florian Zinke
Musik: Giong Lim
Besetzung: Ke-xi Wu , Vivian Sung, Kimi Hsia, Ming-shuai Shih

Bilder

Trailer

Interview

Midi ZWie realistisch ist das Verhältnis zwischen Schauspielerin und Regisseur in Nina Wu? Und wie kam es zu dem besonderen visuellen Stil? Diese und weitere Fragen haben wir Regisseur und Co-Autor Midi Z in unserem Interview gestellt.

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Nina Wu
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Nina Wu
„Nina Wu“ ist ein psychologisches Drama über emotionale Ausbeutung im Filmgeschäft und eine Frau, die daran zu zerbrechen droht. Ästhetisch und narrativ anspruchsvoll und getragen von einer phänomenalen Leistung seiner Hauptdarstellerin ist Midi Z ein kleines Meisterwerk gelungen.
9von 10

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