(„Enemy“ directed by Denis Villeneuve, 2013)

EnemyDie ganz große Abwechslung bietet der Alltag von Geschichtsprofessor Adam (Jake Gyllenhall) ja nicht. Die Arbeit läuft, er hat eine hübsche Freundin namens Mary (Mélanie Laurent), mit der er zwar nicht viel spricht, dafür aber oft und ausgiebig Sex hat. Eine etwas unerwartete Wendung nimmt sein Leben, als er auf Anraten eines Kollegen einen Film ansieht und darin einen Schauspieler entdeckt, der ihm aufs Haar gleicht. Fasziniert (und verstört) von dieser Gemeinsamkeit, setzt Adam alles daran, diesen Doppelgänger aufzuspüren. Und tatsächlich hat er Erfolg: Anthony St. Claire (Gyllenhaal) nennt sich der Gesuchte, ist Schauspieler und mit der schwangeren Helen (Sarah Gadon) verheiratet. Doch mit dieser Erkenntnis gerät alles erst recht aus den Fugen.

Denis Villeneuve und Jake Gyllenhaal, das ist eine Kombination, die wir vor ziemlich genau einem Jahr schon einmal in Prisoners bewundern durften. Doch mit der harten Entführungsgeschichte hat die zweite Zusammenarbeit – eigentlich die erste, denn Enemy entstand zuvor – nur wenig gemeinsam. So wie der Thriller nur mit wenigen Genrevertretern wirklich vergleichbar ist. Fordernd sind sie jedoch beide, und richtig empfehlenswert auch.

Ausgangsmaterial ist dieses Mal ein Roman, auch wenn sich Villeneuve  bei der Umsetzung von „Der Doppelgänger“ des Schriftstellers José Saramago nicht allzu sklavisch an die literarische Quelle gehalten hat. Wer das Werk des Portugiesen kennt oder auch die Verfilmung von „Die Stadt der Blinden“ gesehen hat, wird aber auch bei Enemy die bekannte Mischung aus Charakterstudie und mysteriöser Atmosphäre vorfinden. Und mysteriös ist dabei noch harmlos ausgedrückt, denn der Film tut alles dafür, um Erwartungen im Nichts enden zu lassen und Vermutungen ad absurdum zu führen.Enemy Szene 1

Schon die erste Szene – eine Art exklusive Orgie à la Eyes Wide Shut, verbunden mit dem großen Auftritt einer Spinne – lässt einen verlegen am Kopf kratzen. Denn einen Kontext oder gar eine Erklärung, die verweigert uns Villeneuve hier, oft genug auch im weiteren Verlauf. War Prisoners bei aller charakterlichen Komplexität ein doch recht geradliniger Film, findet man hier vor lauter Kurven den Weg nicht mehr. Warum sehen die beiden gleich aus? Was hat es mit den Spinnen auf sich? Ist das Geschehen überhaupt real? Fragen gibt es zwangsläufig, Antworten jedoch nicht. Das wird für manche auch tatsächlich ein Problem darstellen: Um Enemy genießen zu können, braucht es sowohl die Bereitschaft zu ausgiebigen Interpretationen als auch eine hohe Frustrationsgrenze. Ein Faible fürs Surreale ohnehin.Enemy Szene 2

Letztere wird nicht nur durch die rätselhafte Geschichte erreicht, sondern auch Bild und Musik. Von einigen Szenen einmal abgesehen, verlässt Enemy beim Gezeigten zwar nie den Boden der Realität, doch durch die farbarme, leicht verwaschene Optik hat man als Zuschauer oft das Gefühl, nie ganz da zu sein. Dass wir keine Orientierungspunkte bekommen, nicht einmal psychologische Andockpunkte – bis auf die drei nicht immer nachvollziehbaren Hauptfiguren gibt es hier kaum Menschen – verstärkt dann noch den Eindruck, in einer Art Parallelwelt gefangen zu sein. Weniger subtil, aber nicht minder effektiv, ist die musikalische Untermalung des atmosphärisch brillanten Films: bedrohlich, hypnotisch, fremd lässt sie selbst in den klareren Momenten keinen Zweifel daran aufkommen, dass hier vieles nicht so ist, wie es erscheint.

Enemy ist seit 10. Oktober auf DVD und Blu-ray erhältlich

Enemy
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Enemy
Das Verwirrspiel um zwei Doppelgänger versucht erst gar nicht, dem Zuschauer plausible Antworten an die Hand zu geben. Das ist fordernd, oft überfordernd, aber doch auch eine faszinierend surreale Interpretationsübung.
7von 10

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