Kritik

Neubau

„Neubau“ // Deutschland-Start: 17. Dezember 2020 (Kino)

Markus (Tucké Royale) lebt mit seinen beiden Großmüttern Sabine (Monika Zimmering) und Alma (Jalda Rebling), fern ab des Großstadtlebens in der Uckermark. Während er bereitwillig, den beiden verbliebenen Familienmitgliedern hilft wo er kann, sehnt er sich danach die Einöde zu verlassen und ein buntes, aktiveres Leben inmitten der queeren Gemeinschaft in Berlin zu beginnen. Erst als sich Markus jedoch in Duc (Minh Duc Pham) verliebt, gerät diese Entscheidung ins wanken und Markus steht vor der Frage wo und wie er sein weiteres Leben gestalten möchte.

Neubau ist ein neuer deutscher Heimatfilm von Johannes Maria Schmit, der bereits 2020 während des Max Ophüls Preis Filmfestivals die Auszeichnung Bester Spielfilm entgegen nehmen durfte und zugleich auch als gesellschaftlich relevanter Film geehrt wurde. Im nördlichsten Fleckchen Land Brandenburgs, das für seine unberührten Wälder, die endlosen Kornfelder und vielzählige Seen bekannt ist, spielt eine Post-gay Geschichte (Homosexualität und Geschlechteridentifikation spielen hier keine dramaturgisch primäre Rolle), die den Drang nach Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung porträtiert und die Verpflichtungen und (notwendige) Führsorge in Konflikt mit den ideellen Zukunftsvisionen des jungen Mannes stellt. Neubau ist dabei ein versöhnliches Porträt mit der eigenen Vergangenheit des Hauptdarstellers und Autoren Tucké Royale und der Provinz geworden, die es einem, trotz passender Grundvoraussetzungen, eben nicht immer leicht macht.

Immer mit der Ruhe
In der Uckermarck ticken die Uhren einfach noch ein bisschen anders. Und vor allem wie es scheint sehr viel langsamer. Zäh manifestiert sich der Stillstand, in einer Art von Gefangenschaft. Und die spürt nicht nur Markus, sondern auch das Publikum. Immer wieder, jede Minute, jeden Augenblick. Eine Gefangenschaft in den Sehnsüchten nach Zugehörigkeit, nach freier Entfaltung und dem queeren Lebensgefühl, das Berlin mehr als jede andere Stadt für ihn verkörpert, aber so unerreichbar erscheint. Aufgrund der eigenen Geschichte in der Provinz bringt Hauptdarsteller Tucké Royale das Seelenleben von Markus ungeschönt und authentisch auf die Leinwand. Wenngleich er den Gegebenheiten augenscheinlich gelassen entgegensieht, denn Wut über die prekäre Situation ist hier nie spürbar, und sich Tag für Tag auf lange Joggingtouren begibt, sich mit Sex-Dates bei Laune hält oder seinen Großmüttern behilflich ist, so steht Markus die Traurigkeit ins Gesicht geschrieben.

Eine tiefe Melancholie stützt sich auf ein Umfeld voller unerfüllter Träume, Einsamkeit und zeitloser Existenz. Neubau gelingt dabei eine einfühlsame Dramaturgie, die sich fernab eines Coming-Out bewegt und aufzeigt, dass auch wenn die größten Hürden zum eigenen Glück vielleicht bereits genommen sind, die Seele nie ganz ruht und nach Erfüllung sucht. So taucht Markus Phantasie immer wieder ein in das bunte Leben, das zu seiner persönlichen Zufriedenheit fehlen würde. Fast dämonenhaft begegnet er fremden, manchmal gesichtslosen Menschen am See, in der heimatlichen Gaststätte, während er, immer allein, auf Streifzug durch die fast menschenleere Stadt ist. Dabei ist in den ersten Momenten die Grenze zwischen Fiktion und Realität für den Zuschauer nicht eindeutig auszumachen. Fließend und ohne harte Übergange, man möchte meinen fast zurückhaltend, fügen sich diese Träumereien in die Geschichte ein.

Auf der Suche nach Gefühlen
Fast genauso unspektakulär entwickelt sich währenddessen auch die Liebesbeziehung zu Duc. Obwohl das Markus in eine missliche Lage bringt und die Entscheidung für Berlin damit nicht mehr so einfach wird, ist für den Zuschauer kaum etwas davon spürbar. Das was Regisseur und Hauptdarsteller in vorherigen Situationen großartig auf Leinwand bannen und Neubau zu einem wunderbaren Heimatfilm werden lässt, nämlich den Drang nach Veränderung, die immerwährende Melancholie, das Bedürfnis nach Familie, wird bei der Darstellung der zaghaft beginnenden Liebesbeziehung zu dezent abgehandelt und verfehlt, auch aufgrund seiner Lückenhaftigkeit und in der Hinsicht Unnahbarkeit der Charaktere, die Wirkung eines Konflikts. Gerade das letzte Drittel des Films schließt sich fast ein wenig zu monoton an die vorherige Geschichte an und kann eben das zuvor großartig aufgebaute Gefühlskonstrukt seines Hauptdarstellers leider nicht noch weiter bereichern. Hier und da hätten paar mehr Akzente in der Erzählung dem Drama gut getan, um das Publikum letzten Endes vollends mitzunehmen auf eine Reise durch eine Heimat, in der die Zeit den Charakter eines Menschen anders formt und andere Wünsche hervorruft, als es die Großstadt tun würde.

Credits

OT: „Neubau“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Johannes Maria Schmit
Drehbuch: Tucké Royale
Musik: Nguyen Baly, Tara Transitory
Kamera: Smia Bluth
Besetzung: Tucké Royale, Monika Zimmering, Jalda Rebling, Minh Duc Pham

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Neubau
„Neubau“ ist ein zeitloses wie zeitgenössisches Werk, das als Heimatfilm bewusst minimalistisch den Zwiespalt eines jungen queeren Mannes porträtiert. Verortet in der Uckermark, gleicht sich der Film dem ländlichen, gemächlichen und weitestgehend unspektakulärem Charakter des Ortes an, verpasst aber die Gelegenheit, mit klareren Ecken und Kanten zu von der Tristesse und Monotonie abzuheben.
6von 10

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