Midareru Sehnsucht Yearning
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Midareru – Sehnsucht

Kritik

Midareru Sehnsucht Yearning
„Midareru – Sehnsucht“ // Deutschland-Start: 3. August 2020 (Arte)

18 Jahre ist es inzwischen schon her, dass Reiko (Hideko Takamine) ihren Ehemann im Krieg verloren hat. Doch noch immer liebt sie ihn, ist seinetwegen auch bei seiner Familie geblieben, um deren Laden neu aufzubauen. Darin war sie sogar sehr erfolgreich, sie und die anderen haben einen treuen Kundenstamm aufgebaut. Ein Kundenstamm, der jetzt aber droht, zur Konkurrenz überzulaufen, hat schließlich vor Kurzem ein Supermarkt aufgemacht, der die anderen Läden unterbietet und nach und nach in den Ruin treibt. Und das ist nicht die einzige Sorge, die sie umtreibt: Koji (Yuzo Kayama), der jüngere Bruder ihres verstorbenen Mannes, gerät seit seiner Rückkehr aus Tokio immer wieder in Schwierigkeiten …

Derzeit ist es ein regelmäßig wiederkehrendes Thema in den Zeitungen und Nachrichten: Was wird aus unserem Einzelhandel? Gibt es für ihn noch eine Perspektive, nachdem der Corona-Virus durch die Innenstädte gefegt ist und nichts mehr ist, wie es vorher war? In dem Zusammenhang ist es interessant, sich noch einmal Midareru – Sehnsucht anzusehen, das schon vor mehr als 50 Jahren vom Ende des Einzelhandels sprach. Nur dass es damals kein gefährliches Virus war, von dem die Bedrohung ausging, sondern das Aufkommen der großen Supermärkte, die alles anboten, was die spezialisierten Läden hatten, dabei deutlich günstiger waren. Und das Jahre, bevor Discounter anfingen, alles komplett umzukrempeln.

Porträt eines ländlichen Japans in den 60ern
Doch dieses Thema, so spannend es auch ist, macht nur einen Teil von Midareru – Sehnsucht aus. Regisseur Mikio Naruse erzählt in seinem Film von einer Gesellschaft, die im Wandel ist, zeigt uns ein Japan, das noch immer unter den Kriegsfolgen zu leiden hat, beleuchtet das Verhältnis zwischen Mann und Frau, stellt die eine oder andere ethische Frage und findet dann sogar die Zeit, um noch eine Liebesgeschichte hineinzuquetschen. Denn dass Reiko und Koji mehr eint als ein verstorbener Angehöriger, das ahnt man früh. Das ist viel Stoff, vor allem bei einem Film, der nur rund anderthalb Stunden lang ist, also eigentlich gar nicht den Raum lässt, um das alles sinnvoll unterbringen zu können.

Das hört sich jetzt furchtbar stressig an, ist es aber gar nicht. Tatsächlich ist Midareru – Sehnsucht, international auch unter dem Titel Yearning bekannt, ein ausgesprochen ruhiger Film, der über weite Strecken auf größere Dramatisierung verzichtet. Von einer etwas unbeholfenen Exposition einmal abgesehen, welche die Vorgeschichte von Reiko erzählt, fügt sich schlüssig Szene an Szene. Naruse gelingt es sehr schön, die diversen Themen und Elemente harmonisch miteinander zu verknüpfen und eher beiläufig unters Volk zu bringen. Ein Mittel sind die vielen Figuren, welche größtenteils der Familie entstammen oder anderen Ladenbesitzer, die alle im selben lecken Boot sitzen.

Ein Melodram aus dem Nichts
Dafür hat Midareru – Sehnsucht ein anderes Problem: Es fehlt ein wenig der Fokus. Eben weil vieles hier am Rande aufgebaut wird, gehen angesprochene Themen nie in die Tiefe. Konflikte, die anfangs im Mittelpunkt stehen, werden irgendwann einfach fallengelassen. Umgekehrt nimmt die Liebe zwischen Reiko und Koji derart rasant an Fahrt auf, dass das schon ziemlich aus dem Nichts kommt. An der Stelle wandelt sich der bislang so stille, zurückhaltende Film in ein Melodram, das ganz besonders tragisch sein will und dabei von einer dazu passenden Musik begleitet wird. Wirklich bewegend sind diese Szenen nicht, dafür ist das doch zu übertrieben. Und eben zu hastig.

Insgesamt ist Midareru – Sehnsucht aber ein durchaus sehenswertes, schön bebildertes Drama, das einen Einblick in das ländliche Leben Japans Anfang der 60er gewährt. Interessant ist zudem, dass hier eine Frau mit einem deutlichen jüngeren Mann anbandeln würde, was für einen Film aus dem Jahr 1964 nun wirklich nicht selbstverständlich ist. Das wäre es nicht einmal heute. Die Tragik der Figuren besteht dann auch eben darin, dass die Gesellschaft einerseits im Wandel ist, Gewissheiten wegbrechen, aber vieles doch nach alten Regeln erfolgt. Regeln, gegen die man nicht so leicht ankommt, gerade in einem Land, das vieles bereits vorgibt – auch wenn das nicht offen kommuniziert wird und die Sehnsucht sich in flüchtigen Blicken verstecken muss.

Credits

OT: „Midareru“
IT: „Yearning“
Land: Japan
Jahr: 1964
Regie: Mikio Naruse
Drehbuch: Zenzo Matsuyama
Musik: Ichiro Saito
Kamera: Jun Yasumoto
Besetzung: Hideko Takamine, Yuzo Kayama, Mitsuko Kusabue, Yumi Shirakawa, Aiko Mimasu, Mie Hama

Bilder

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Locarno Film Festival 1964

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„Midareru – Sehnsucht“ erzählt von einer japanischen Familie in den 1960ern, deren Laden durch einen neuen Supermarkt zugrunde gehen droht. Dem Drama gelingt es dabei über weite Strecken kunstvoll die unterschiedlichsten Themen miteinander zu verknüpfen und mit schönen Bildern eines ländlichen Japans zu schmücken. Leider gibt der Film zum Ende seine ruhige Erzählweise auf und wird etwas abrupt zu einem tragischen Melodram.
7
von 10