Kritik

Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra

„Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ // Deutschland-Start: 13. August 2020 (Kino)

In den frühen 80ern herrscht ein erbitterter Krieg innerhalb der sizilianischen Mafia, die einzelnen Familien kämpfen mit allen Mitteln um die Vorherrschaft. Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino), einer der mächtigen Paten, beschließt daraufhin, erst einmal das Land zu verlassen und sich und seine Familie in Brasilien in Sicherheit zu bringen. Andere haben weniger Glück: Vertraute und Verwandte Buscettas werden daheim brutal ermordet, nach und nach werden sie alle in die blutigen Fehden der einzelnen Clans hineingezogen. Als der Verbrecherboss selbst von der Polizei geschnappt und nach Italien ausgeliefert wird, beschließt er, es seinen Feinden heimzuzahlen. Und so tut er etwas, das zuvor bei der Cosa Nostra als absolutes Sakrileg galt: Er arbeitet mit den Behörden zusammen und tritt als Kronzeuge in einem großen Prozess auf …

Auch wenn es manchmal nicht danach aussieht: Selbst die mächtigsten Männer, die ihr Land nach Belieben kontrollieren, können irgendwann gestürzt werden. Das gilt für Politiker, es gilt aber auch für Verbrecher, die insgeheim das Sagen haben und unantastbar erscheinen. Eines der spektakulärsten Beispiele für einen solchen Niedergang ist die Geschichte um den Kampf gegen die Cosa Nostra in den 1980ern. Im Rahmen des sogenannten Maxi-Prozesses wurden 450 Leute angeklagt, am Ende kam es zu immerhin 360 Verurteilungen, darunter waren viele hochrangige Vertreter. Was vorher undenkbar erschien, wurde plötzlich Wirklichkeit: Es gibt Mittel und Wege, die Mafia in ihre Schranken zu verweisen.

Umfangreicher Einblick in ein Justizereignis
Ein derart monumentales Ereignis erfordert natürlich auch eine entsprechend monumentale Darstellung. Ganze zweieinhalb Stunden lässt sich Marco Bellocchio Zeit, um in die Materie des Prozesses einzusteigen. Wobei der italienische Regisseur und Co-Autor nur einen Teil seines Filmes für die eigentliche Auseinandersetzung aufspart. Vielmehr ist Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra aus dem Blickwinkel von Tommaso Buscetta erzählt, der maßgeblich zu dem Fall seiner ehemaligen Kollegen beitrug. Und da dessen Geschichte eben auch eine Vorgeschichte hat, wagt der Film einen sehr ausgiebigen Ausflug die in die damalige Zeit, schildert die Verhältnisse vor dem Prozess, aber auch wie es im Anschluss weiterging.

Das ist natürlich ambitioniert, dürfte für den einen oder anderen im Publikum vielleicht auch zu viel sein. Umso mehr, da einiges sehr schnell abgehandelt werden muss. Gerade zu Beginn schwirrt einem bei Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra schon ein wenig der Kopf, wenn Figuren am laufenden Band eingeführt werden, nur um kurze Zeit später wieder ermordet zu werden. Begleitet von einem zynischen Counter, welcher die Zahl der Toten minutiös festhält, dürfen wir Zeuge werden, wie sich die Verbrecher gegenseitig abschlachten. Das hat schon etwas von einer Farce, erinnert an Einer nach dem anderen. Um einen Actionfilm handelt es sich hierbei jedoch nicht. Vielmehr sind die verwirrenden Szenen, die kaum Zeit zur Orientierung geschweige denn Figurenbindung zulassen, eine Vorbereitung dafür, weshalb das Ganze doch vor Gericht landete.

Absurde Szenen vor Gericht
Die Gerichtsszenen sind dann sicherlich auch der Höhepunkt des Films. Sie sind nicht spannend in dem Sinn, dass man auf das Ergebnis gespannt ist – das steht schließlich schon seit mehr als drei Jahrzehnten fest. Vielmehr sind es die erneuten Auseinandersetzungen sowohl innerhalb der Cosa Nostra wie auch mit der Justiz, die den Mittelteil tragen. Erneut gewinnt das biografische Drama, das bei den Filmfestspielen von Cannes 2019 Weltpremiere hatte, komische Qualitäten. Die Unverfrorenheit, mit der einige hier auftreten, die offensichtliche Missachtung gegenüber Regeln und Gesetzen, die dreisten Lügen, mit denen um sich geworfen wird, die Provokationen – all das macht zusammen mit dem ohnehin schon kuriosen Setting überraschend viel Spaß. Der Film ist eine Schlammschlacht, wie man sie sonst nur im Trash TV zu sehen bekommt.

Ausstattung und Umsetzung sind hingegen alles andere als Trash. Viel wurde investiert, um die Zeit von damals wiederaufleben zu lassen und ein Gespür für die Ära zu vermitteln. Außerdem ist der Film gut besetzt. Im Mittelpunkt steht natürlich Pierfrancesco Favino (Zuhause ist es am Schönsten), der für seine Darstellung des verräterischen Verbrechers auch eine Nominierung beim Europäischen Filmpreis erhielt. Es gelingt ihm gut, die Ambivalenz seiner Figur herauszuarbeiten, die einerseits Held ist, andererseits ebenfalls skrupelloses Monster, die zur eigenen Bereicherung über Leichen ging. Dass seine Gegenspieler dabei recht kurz kommen und nur durch seine Beschreibungen Leben erhalten, ist zwar etwas schade. Buscetta bringt aber genügend mit, damit man ihm auch die sehr großzügige Laufzeit über die Treue hält.

Credits

OT: „Il Traditore“
IT: „The Traitor“
Land: Italien, Frankreich, Deutschland, Brasilien
Jahr: 2019
Regie: Marco Bellocchio
Drehbuch: Marco Bellocchio, Ludovica Rampoldi, Valia Santella, Francesco Piccolo
Musik: Nicola Piovani
Kamera: Vladan Radovic
Besetzung: Pierfrancesco Favino, Maria Fernanda Candido, Fabrizio Ferracane, Luigi Lo Cascio, Fausto Russo Alesi, Nicola Calì, Giovanni Calcagno, Bruno Cariello

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Cannes 2019 Goldene Palme Nominierung
Beste Darstellerin Maria Fernanda Cândido Nominierung
César 2020 Bester fremdsprachiger Film Nominierung
Europäischer Filmpreis 2019 Bester Film Nominierung
Beste Regie Marco Bellocchio Nominierung
Bestes Drehbuch Marco Bellocchio, Ludovica Rampoldi, Valia Santella, Francesco Piccolo Nominierung
Bester Darsteller Pierfrancesco Favino Nominierung

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Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra
3.63 (72.5%) 16 Artikel bewerten

Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra
„Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ erinnert an einen spektakulären Prozess in den 1980ern, als Hunderte Mitglieder der sizilianischen Mafia verurteilt wurden. Der Film ist insgesamt schon sehr lang, auch weil er sich lange mit der Hauptfigur befasst, ist insgesamt aber lohnenswert. Die Ausstattung ist gut, die schauspielerischen Leistungen ebenfalls, diverse Farce-Elemente sorgen für Kurzweil.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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