„A casa tutti bene“, Italien, 2018
Regie: Gabriele Muccino; Drehbuch: Gabriele Muccino, Paolo Costella; Musik: Nicola Piovani
Darsteller: Stefania Sandrelli, Ivano Marescotti, Pierfrancesco Favino, Carolina Crescentini, Valeria Solarino, Giampaolo Morelli, Sabrina Impacciatore, Stefano Accorsi, Elena Cucci

Zuhause ist es am schoensten

„Zuhause ist es am Schönsten“ läuft ab 2. August 2018 im Kino

Die Idee war schön, keine Frage. Zur Goldenen Hochzeit wollen sich Alba (Stefania Sandrelli) und Pietro (Ivano Marescotti) noch einmal das Jawort geben und laden dazu die gesamte engere Verwandtschaft in ihr Haus auf der idyllischen Insel ein. Aber es dauert nicht lang, bis sich alle in den Haaren haben. So muss Sohn Carlo (Pierfrancesco Favino) unter den Eifersuchtsszenen seiner Frau Ginevra (Carolina Crescentini) leiden, die so gar nicht begeistert ist, dass auch Carlos Ex-Frau (Valeria Solarino) am Fest teilnimmt. Sohn Nummer zwei, Paolo (Stefano Accorsi), fängt unterdessen eine Affäre mit der verheirateten Cousine Isabella (Elena Cucci) an. Und auch bei Tochter Sara (Sabrina Impacciatore) und ihrem Mann Diego (Giampaolo Morelli) läuft das alles nicht so richtig. Nur mit Mühe und Not bringen sie den Tag heil über sich, als sie die schockierende Nachricht ereilt: Ein Sturm zieht auf, keiner darf vorerst die Insel verlassen.

Europa müsse in Zukunft enger zusammenrücken, ließ sich in den letzten Tagen häufig lesen. Das gilt aber nicht nur politisch, auch filmisch tut man sich hierzulande schwer, die Landesgrenzen hinter sich zu lassen. Während französische Komödien immer mal wieder gut laufen und auch das skandinavische Kino seine Hits hatte, sieht es bei Südeuropa recht düster aus. Spanien mag sich noch eine Nische im Bereich Thriller und Horror erarbeitet haben. Italien hingegen, das ist bei den meisten heute allenfalls als Herkunft von Mafiastreifen noch präsent.

Chaos von der ersten Minute
Nachdem 2016 der Versuch, mit Der Vollposten den unglaublichen Heimerfolg in Deutschland zu wiederholen – es handelte sich immerhin um den italienischen mit den höchsten Einspielergebnissen aller Zeiten –, im Nichts verschwand, schickt sich nun Zuhause ist es am Schönsten an, Bella Italia auch im Ausland würdig zu vertreten. Ob es diesmal mit den Zuschauern klappen wird, das wird sich erst noch herausstellen. Verdient hätte es die Tragikomödie aber allemal, da sie deutlich mehr bietet, als es der generische Titel verspricht.

Dabei ist der Einstieg noch die größte Hürde: Wie vor einigen Jahren beim französischen Kollegen Familientreffen mit Hindernissen werden wir hier mitten ins Familienchaos geworfen. Innerhalb von wenigen Minuten lernen wir mehr als ein Dutzend Protagonisten kennen, die alle irgendwie miteinander verwandt sind. Wie genau, wird aber erst nach und nach verraten, es dauert schon eine Weile, bis aus den vorbeihuschenden Gesichtern und den schnell eingeworfenen Begrüßungen Charaktere heranwachsen. Und selbst, als dann der Abspann 100 Minuten später über die Leinwand zuckelt, dürfte die eine oder andere Beziehung mit einem Fragezeichen versehen sein.

Das Schöne der Hässlichkeit
Erinnerungswürdig ist das, was dazwischen stattfand, aber durchaus. Sehr sogar. Dass die entzückende Insel mit der steinigen Natur, das blaue Wasser, die malerischen Bötchen und der strahlende Sonnenschein nicht repräsentativ sein werden für den Familienauflauf, das dürften die meisten schnell ahnen. Welches Ausmaß diese Abgründe annehmen werden, das wird aber auch die schlimmsten Familienzyniker noch überraschen. Eingepfercht mit einer Großfamilie, die so manches dunkles Geheimnis und den einen oder anderen Groll in sich trägt, wird das ansonsten sehr schöne Familienanwesen zu einem Pulverfass. Jeder Schritt könnte der letzte sein, ein falsches Wort und alles fliegt in die Luft.

Das ist dann bei allem Unterhaltungsfaktor schon etwas übertrieben, sowohl im Einzelfall wie auch in der Summe. Wenn Regisseur und Co-Autor (Väter und Töchter – Ein ganzes Leben) eine Horde von Familienangehörigen aufeinander hetzt, dann verschont er fast niemanden, nahezu alle haben mit irgendwelchen Problemen zu kämpfen – von alltäglich bis absurd. Ein realistisches Familienporträt ist Zuhause ist es am Schönsten dadurch nicht, auch durch das begrenzte Setting hat man hier oft das Gefühl, vor einer Bühne zu sitzen. Und doch hat die Tragikomödie eine sogar erstaunlich realistische Note, wenn Muccino auf die üblichen Wohlfühlmechanismen verzichtet. Die Menschen könnten viel glücklicher sein, wenn sie nicht immer versuchen würden, glücklich zu sein, lernen wir hier an einer Stelle. Das muss man dem Beitrag vom Filmfest München 2018 dann auch hoch anrechnen: Seinem Titel zum Trotz erlaubt er den Protagonisten hässlich zu sein, erlaubt auch dem Leben hässlich zu sein, nicht alles mit einem Happy End versüßen zu müssen. Und ist so trotz der zahlreichen Überspitzungen näher an dem dran, was wir so im Alltag erleben – im Guten wie im Schlechten.

Zuhause ist es am Schönsten
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Zuhause ist es am Schönsten
Erst verwirrend, dann witzig und turbulent, später überraschend hässlich: „Zuhause ist es am Schönsten“ wirft uns in eine italienische Großfamilie und lässt uns mit dieser und ihren vielen Konflikten allein. Das ist zwar in der Ansammlung an Problemfällen übertrieben, aber doch sehr unterhaltsam und zugleich vergleichsweise mutig. Im Kontrast zu der idyllischen Insel, auf der man sich für eine Goldene Hochzeit trifft, erinnert die Tragikomödie daran, dass im Leben nicht alles am Ende toll sein wird – oder muss.
7von 10

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