Kritik

Dann schlaf auch du Chanson douce The Perfect Nanny

„Dann schlaf auch du“ // Deutschland-Start: 16. April 2020 (digital)

Myriam (Leïla Bekhti) und Paul (Antoine Reinartz) sind gerade dabei, beruflich so richtig durchzustarten. Doch das bedeutet auch, dass ihnen nicht mehr so viel Zeit bleibt, um sich um die beiden jungen Kinder zu kümmern. Es hilft also nichts, ein Kindermädchen muss mehr. Das stellt sich bald aber als deutlich schwieriger heraus, als die zwei ursprünglich meinten. Gerade als sie schon anfingen, langsam die Hoffnung aufzugeben, lernen sie Louise (Karin Viard) kennen, die sich als echter Glücksgriff herausstellt. Sie liebt die Kinder, ist fürsorglich und hilfsbereit, würde alles für sie tun. Dabei ahnen Myriam und Paul jedoch nicht, wie es im Inneren der Frau aussieht, der sie Tag für Tag ihren Nachwuchs anvertrauen …

Die Filmgeschichte ist voller Kindermädchen, die in das Leben von Familien eindringen und dieses komplett durcheinanderbringen. Das kann mal auf eine eher alberne Weise geschehen wie bei der Verkleidungskomödie Mrs. Doubtfire – Das stachelige Kindermädchen, beim Klassiker Mary Poppins ging es magisch zu. Doch es gibt auch eine lange Tradition von Filmen, in denen diese Kindermädchen, wahlweise auch Babysitter, das Unglück ins Haus bringen. Werke wie Die Hand an der Wiege oder Emelie spielen mit der Angst vor Eindringlingen, die das Refugium Familie zerstören, sind Home Invasion Thriller der besonders fiesen Art, wenn die Bedrohung mit einem Lächeln das Haus betritt und nicht als solche zu erkennen ist.

Der gut gemeinte Albtraum
Grundsätzlich steht Dann schlaf auch du also in einer durchaus größeren Tradition, wenn der Film die Geschichte eines Kindermädchens erzählt, das sich erst auf den zweiten Blick als die Gefahr herausstellt, die sie eigentlich ist. Und doch ist er nur zum Teil mit dem zu vergleichen, was die obigen Kollegen so anstellten. Die Adaption von Leïla Slimanis preisgekröntem Roman Chanson douce ist deutlich zurückhaltender, verzichtet auf Schockmomente, verzichtet auch darauf, Louise als den personifizierten Teufel darzustellen. Wenn sie bei der Familie anfängt, dann geschieht das zumindest zunächst nicht mit finsteren Absichten. Sie möchte helfen, sie möchte bei Kindern sein, etwas erreichen. Kann das verkehrt sein?

Erst nach und nach baut Regisseurin und Co-Autorin Lucie Borleteau (Alice und das Meer) das unheilvolle Gefühl auf, dass da etwas nicht stimmt. Aber auch da beschränkt sich die Filmemacherin darauf, Louise als irgendwie seltsame Person darzustellen. Eine, bei der irgendwas kaputt gegangen sein muss in der Vergangenheit. Tatsächlich ist Dann schlaf auch du auch vielmehr ein Drama als ein Thriller, zeichnet das Bild einer unglücklichen Frau, die ihre Erfüllung darin findet, die Kinder anderer zu versorgen. Dass das nicht sehr viel ist, das ist klar, bringt zudem immer die Gefahr einer Abhängigkeit mit. Was wenn die anderen ihre Dienste nicht mehr brauchen?

Das Kratzen am Abgrund
Leider befasst sich Dann schlaf auch du nicht so ganz konsequent mit diesem Aspekt. Tatsächlich scheint der Film irgendwie unschlüssig zu sein, in welche Richtung er sich denn nun bewegen will. Für das tatsächliche Porträt einer Frau, die Grenzen überschreitet und zum Parasiten wird, ist das doch eher oberflächlich. Viele Punkte rund um ihre Herkunft und die Vorgeschichte werden nur mal kurz angebracht und im Anschluss gleich wieder fallen gelassen. Für einen Thriller wiederum hätten die Übergriffe bedrohlicher sein müssen, hätte mehr passieren müssen als nur die Darstellung komischer Marotten.

Wobei Letztere durchaus gelungen sind. Karin Viard (Das unerwartete Glück der Familie Payan) verkörpert beide Facetten überzeugend, die Verletzlichkeit wie die Härte. Nicht ohne Grund wurde sie für ihre Rolle als Frau, die zunehmend die Kontrolle und das Maß verliert, für mehrere wichtige französische Filmpreise nominiert. Es wäre jedoch zu wünschen gewesen, dass sie noch mehr als das zu tun bekommt, ihre Figur mehr sein darf als eine Ansammlung von Ticks. So ist Dann schlaf auch du dann zwar immer noch sehenswert, mit einigen intensiven, sogar verstörenden Momenten, reicht aber nie tief genug hinein, um die Wirkung zu entfalten, welche Geschichte und Hauptdarstellerin eigentlich haben sollten.

Credits

OT: „Chanson douce“
IT: „Perfect Nanny“
Land: Frankreich
Jahr: 2019
Regie: Lucie Borleteau
Drehbuch: Lucie Borleteau, Jérémie Elkaïm
Vorlage: Leïla Slimani
Musik: Pierre Desprats
Kamera: Alexis Kavyrchine
Besetzung: Karin Viard, Leïla Bekhti, Antoine Reinartz, Noëlle Renaude, Assya Da Silva

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
César 2020 Beste Hauptdarstellerin Karin Viard Nominierung
Prix Lumières 2020 Beste Hauptdarstellerin Karin Viard Nominierung

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Dann schlaf auch du
3.58 (71.58%) 19 Artikel bewerten

Dann schlaf auch du
In „Dann schlaf auch du“ engagiert ein Ehepaar ein Kindermädchen, das ihnen im Haushalt helfen soll, ahnen dabei nicht, wen sie sich da ins Haus holen. Das hört sich nach Thriller an, bleibt aber eine Mischung aus einem solchen und einem Drama, das beidem nie ganz gerecht wird – trotz einer eindringlichen Hauptdarstellerin, die sowohl in den kuriosen wie auch verstörenden Momenten überzeugt.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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