(„Fidelio, l’odyssée d’Alice“ directed by Lucie Borleteau, 2014)

„Alice und das Meer“ ist seit 3. März 2017 auf DVD erhältlich

Eigentlich dachte Alice (Ariane Labed) ja, dass sie ziemlich genau wüsste, was sie vom Leben will. Als die Mechanikerin an Bord des Containerschiffs „Fidelio“ geht, muss sie jedoch feststellen, dass das alles doch viel komplizierter ist, als sie dachte. Das liegt zum einen Gaël (Melvil Poupaud). Dass ausgerechnet ihr Exfreund Erster Offizier dort ist und die beiden eine leidenschaftliche Affäre beginnen, kommt ihr etwas ungelegen, ist sie doch eigentlich glücklich mit dem norwegischen Comiczeichner Felix (Anders Danielsen Lie) liiert. Und dann ist da noch das kleine Tagebuch, dass sie in der Kabine des Verstorbenen findet, und sie über vieles nachgrübeln lässt.

„Was auf dem Meer geschieht, bleibt auf dem Meer.“ Dieser Ansicht sind zumindest Alice und Gaël, als sie ihre alten Leidenschaften wieder ausleben, obwohl daheim eigentlich Partner warten. Dass das mit der strengen Trennung zwischen dem Leben auf dem Meer und dem auf dem Land nicht so ganz funktioniert, das wird jedoch schnell klar. Denn hier fließt alles zusammen, Selbstsuche und Selbstflucht sind untrennbar miteinander verbunden. Wie sehr sich das Meer als Schauplatz für derlei Reflexionen eignet, das zeigte letztes Jahr der deutsche Film Lichtes Meer. Dem steht der schon zuvor entstandene französische Kollege nicht nach.

Melancholie und Leidenschaft, Sehnsucht und der Wille zur Freiheit – da sind viele Faktoren, die in die Gedanken- und Gefühlswelt von Alice hineinspielen. Und doch ist Alice und das Meer nur zum Teil ein Drama über eine emotional verwirrte Frau. Vieles hier ist nämlich alles andere als emotional: Wenn uns Regisseurin und Co-Autorin Lucie Borleteau bei ihrem Regie-Spielfilm-Debüt mit nimmt in die Welt des Schiffstransports, dann auf eine recht neutrale und nüchterne Weise. Gerade die zahlreichen Szenen im Maschinenraum lassen den Film oft ins Dokumentarische hinübergleiten, zumal fast völlig auf Musik verzichtet wird. Von Poesie ist an den Stellen weit und breit nichts zu sehen, das schrottreife Schiff geht immer wieder kaputt. Ist wenig dazu geeignet, einen zum Träumen zu bringen.

Das kleine Tagebuch mit seinen schwermütigen Botschaften dafür schon, gerade auch, weil es mit einem Geheimnis verbunden ist: Was mit dessen Besitzer genau passiert ist, das verrät Borleteau nicht. Er ist ein Fremder, dessen Namen wir irgendwann erfahren, dessen Gesicht wir auf Fotos sehen dürfen. Der aber dennoch immer außerhalb der Reichweite bleibt. Ob er den Verstorbenen überhaupt wirklich gekannt habe, will Alice an einer Stelle im Film wissen. Eine Antwort darauf gibt es, aber die Fragen bleiben.

Wer bin ich? Wer will ich sein? Gibt es dieses „ich“ überhaupt? Immer wieder erfährt sich Alice neu, bei den Begegnungen mit den beiden grundverschiedenen Männern. In den einsamen Momenten, in dem es niemand mehr zu geben scheint. Und auch hier: Alles fließt zusammen. Die Persönlichkeiten der Menschen sind ebenso wenig fest und greifbar wie die Wellen, die unaufhörlich gegen die „Fidelio“ branden. Sie verändern sich. Durch die Zeit. Durch den Ort. Durch die Menschen drum herum. Die ganz neuen Erkenntnisse bringt die Fahrt aufs Meer eher nicht, die meisten Überlegungen sind so allgemeiner Natur, dass sie die meisten selbst schon mal bemüht haben dürften. Richtig viel Handlung hat Alice und das Meer ohnehin nicht. Und doch ist sie irgendwie schön, diese kleine französische Produktion, zwischen Nachdenklichkeit und Maschinenöl. Ein Film, der dazu anhält, mal wieder etwas innezuhalten, sich selbst und die Welt in Ruhe zu betrachten und darüber nachzudenken, wohin die Reise eigentlich gehen soll.

Alice und das Meer
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Alice und das Meer
Eine Frau, zwei Männer und das weite, stille Meer: Das französische Drama besticht weder durch überraschende Erkenntnisse oder viel Handlung, dafür aber durch Stoff zum Nachdenken und eine Inszenierung und eine Atmosphäre, die mal melancholisch, dann wieder nüchtern-dokumentarisch ist.
7von 10

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