Kritik

Harriet Der Weg in die Freiheit

„Harriet – Der Weg in die Freiheit“ // Deutschland-Start: 9. Juli 2020 (Kino)

Maryland in den 1840ern: Araminta „Minty“ Ross (Cynthia Erivo) ist eine von vielen Sklaven, die auf der Farm der Brodess-Familie gehalten werden. Während ihr Mann und ihr Vater bereits frei sind, sind ihre eigenen Aussichten sowie die ihrer Mutter und Schwestern trübe, auch weil ihr Besitzer sich nicht an zuvor getroffene Vereinbarungen hält. Als der alte Brodess stirbt, und Minty verkauft werden soll, nutzt sie die Gelegenheit zur Flucht und schafft es tatsächlich, sich bis nach Philadelphia durchzuschlagen. Dort macht sie die Bekanntschaft des Freiheitskämpfers William Still (Leslie Odom Jr.) und der Hausbesitzerin Marie Buchanon (Janelle Monáe), die sie dazu ermutigen, einen neuen Namen anzunehmen und sich ein eigenes Leben aufzubauen. Harriet Tubman, wie sich Minty nun nennt, reicht das nicht: Sie will ihre Familie befreien und wird so zu einer bekannten Flüchtlingshelferin. Doch damit beschwört sie den Zorn der Sklavenhalter herauf, allen voran den von Gideon Brodess (Joe Alwyn), der seinen Besitz nicht ohne Weiteres aufgeben will …

Jetzt da landesweit die Kinos langsam wieder öffnen, wird dringend nach Stoff gesucht, um das Publikum wieder anzulocken. Da Neues aus Hollywood erst einmal keine Option sein wird, bedeutet das in erster Linie heimische Produktionen und solche, die anderswo längst gelaufen sind und nun mit Verspätung ihren Weg zu uns finden. Im Fall von Harriet – Der Weg in die Freiheit könnte sich diese Zwangsverschiebung vielleicht sogar auszahlen. Nicht nur, dass die Konkurrenz derzeit noch nicht so zahlreich ist, man leichter auf sich aufmerksam machen kann. Durch die weltweite Black Lives Matter Bewegung und eine überfällige Auseinandersetzung mit historischem wie derzeitigem Rassismus wäre es nur mehr als gerecht, dass in diesem Zuge auch Harriet Tubman wieder ins Bewusstsein gerufen wird.

Schauspielerische Klasse
Filme über die Sklaverei hat es natürlich in den USA nicht gerade wenig gegeben. Einige davon, etwa 12 Years a Slave oder The Birth of a Nation – Aufstand zur Freiheit, wurden auch bei uns größer gebracht, nicht zuletzt dank der diversen prominenten Namen, die mit den Werken verbunden waren. Im Fall von Harriet – Der Weg in die Freiheit fehlen diese jedoch. Zwar war mal Viola Davis für die Rolle der Freiheitskämpferin angedacht, am Ende fiel die Wahl jedoch auf Cynthia Erivo. Das kam durchaus etwas überraschend, ist die Britin eigentlich eher im Theater- und Musicalumfeld zu Hause, was sie nicht unbedingt zur naheliegendsten Wahl für eine solche Rolle macht. Sie darf zwar auch hier singen, was ihr eine Doppelnominierung bei den Oscars eingebracht hat, als beste Schauspielerin und für das beste Lied. Kontrovers war die Besetzung aber schon.

Am Ende war die Entscheidung aber sicherlich eine richtige. Die Schauspielerin, die zuvor Nebenrollen in Widows – Tödliche Witwen und Bad Times at the El Royale hatte, gibt hier ein eindrucksvolles Empfehlungsschreiben für weitere Engagements ab. So wandelt sie sich im Laufe der zwei Stunden von einer schüchternen, verzweifelten Sklavin zu einer mutigen Anführerin, die ihr Leben wieder und wieder für das der anderen aufs Spiel setzt. Wenn sie mit einer Pistole bewaffnet durch die Gegend schleicht, dann hat Harriet schon etwas von einem Agentenfilm. Mit dem Unterschied aber, dass hier eine Frau aus einfachen Verhältnissen gegen einen übermächtigen Feind kämpft, keine in jahrelangem Training ausgebildete Superheldin.

Eine theoretische Gefahr
Actionszenen sollte man deshalb aber nicht erwarten. Tatsächlich ist es sogar enttäuschend, wie wenig von den eigentlichen Befreiungsaktionen zu sehen ist. Nun muss man sicherlich nicht aus allem ein Spektakel machen, ein personenbezogenes Historiendrama darf sich gerne um andere Aspekte kümmern. Im Fall von Harriet führt dies jedoch dazu, dass man nur wenig Gespür dafür entwickelt, wie gefährlich ihre Aktionen waren. Schon die anfängliche Flucht nach Philadelphia wird zwar in höchsten Tönen von Still gelobt, der ihren außerordentlichen Mut betont. Wenn die Flucht aber ohne größere Schwierigkeiten und in Windeseile geschieht, dann hängt dieses Lob irgendwie im luftleeren Raum. Gleiches gilt für die späteren Reisen, die immer so wirken, als hätte da jemand vielleicht die Nachbarstadt besucht.

Insgesamt ist Harriet leider nicht so mitreißend und außergewöhnlich, wie es die Titelfigur verdient hätte. Die ganzen Errungenschaften und Leistungen innerhalb eines einzigen Films zu würdigen, war natürlich von vornherein eher schwierig. Regisseurin und Co-Autorin Kasi Lemmons begnügt sich hier aber mit zu wenig, arbeitet brav einzelne Stationen des Biopic-Handbuchs ab, ohne dabei wirkliche Impulse zu setzen, weder inszenatorisch noch bei der Figurenzeichnung. Auch wenn man den Namen Tubman zuvor noch nie gehört hat, der Film weckt den Eindruck, man hätte ihn bereits gesehen. Aufgrund der Leistung Erivos ist das in der Summe solide, zumal auch die Ausstattung gelungen ist. Und ein wichtiges Thema vermittelt die Geschichtsstunde so oder so, selbst wenn man bei der Ausgestaltung geteilter Meinung sein kann.

Credits

OT: „Harriet“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Kasi Lemmons
Drehbuch: Kasi Lemmons, Gregory Allen Howard
Musik: Terence Blanchard
Kamera: John Toll
Besetzung: Cynthia Erivo, Leslie Odom Jr., Joe Alwyn, Janelle Monáe

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2020 Beste Hauptdarstellerin Cynthia Erivo Nominierung
Bester Song Joshuah Brian Campbell, Cynthia Erivo Nominierung
Golden Globe Awards 2020 Beste Hauptdarstellerin Cynthia Erivo Nominierung
Bester Song Joshuah Brian Campbell, Cynthia Erivo Nominierung

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Harriet – Der Weg in die Freiheit
4.3 (86%) 10 Artikel bewerten

Harriet – Der Weg in die Freiheit
„Harriet – Der Weg in die Freiheit“ erzählt von der großen Freiheitskämpferin Harriet Tubman, die Mitte des 19. Jahrhunderts der Sklaverei entkam und im Anschluss anderen zur Flucht verhalf. Das ist als Thema wichtig, gut ausgestattet und mit Cynthia Erivo sehr gut besetzt. Das konventionell umgesetzte Drama hetzt jedoch von einer Station zur nächsten und verhindert dadurch, dass die Taten der mutigen Frau wirklich Eindruck hinterlassen.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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