Widows

„Widows – Tödliche Witwen“ // Deutschland-Start: 6. Dezember 2018 (Kino)

Bis vor Kurzem hatte Veronica (Viola Davis) eigentlich keinen Grund zur Klage. Sie war mit Harry (Liam Neeson) verheiratet, seit vielen Jahren und glücklich, genoss ein Luxusleben. Doch das ist nun vorbei. Nicht nur, dass er tot ist, er schuldet zudem dem brutalen Gangster Jamal Manning (Brian Tyree Henry) zwei Millionen Dollar. Und die will er nun von ihr, um damit seinen Wahlkampf gegen Jack Mulligan (Colin Farrell) finanzieren zu können und als Politiker groß abzuräumen. Da fällt Veronica ein Notizbuch von Harry in die Hände mit Anmerkungen zu einem geplanten Raubzug. Also schließt sie sich mit Linda (Michelle Rodriguez) und Alice (Elizabeth Debicki) zusammen, deren Männer mit Harry gestorben sind, um gemeinsam den Coup zu Ende zu bringen.

Die Wartezeit ist vorbei – endlich. Nicht nur, dass es fünf Jahre gedauert hat, bis Regisseur Steve McQueen nach seinem gefeierten Sklavendrama 12 Years a Slave einen neuen Film herausgebracht hat. Es vergingen außerdem dreieinhalb Jahre seit der Ankündigung des Projekts, bis daraus etwas Handfestes wurde. Gelohnt hat sich die Wartezeit, auch wenn der eine oder andere zunächst vielleicht etwas irritiert sein könnte. McQueen, der bislang mit diversen harten Dramen Aufmerksamkeit erregte – vor dem obigen Film waren es Hunger und Shame –, dreht einen Thriller? Einen Heist Thriller auch noch? Liegen seine Talente nicht eigentlich ganz woanders?

Spaß aus Verzweiflung
Doch das Ergebnis spricht für sich. Und zumindest teilweise ist Widows – Tödliche Witwen seinen vorherigen Filmen doch ähnlicher, als die Beschreibung es vermuten ließ. Ja, der Film handelt davon, wie mehrere Frauen einen großen Coup planen. Anders als etwa Ocean’s 8 vor einigen Monaten sind diese Protagonistinnen aber nicht vom Fach. Während Veronica zumindest teilweise mit der Welt des Gesetzesbruches vertraut ist und von Anfang an kompetent bis furchtlos auftritt, sind die anderen völlig neu in dieser Welt. Und völlig überfordert: Die teils recht unbeholfenen Versuche, im Rahmen eines Crashkurses zu abgebrühten Verbrecherinnen zu werden, könnte man sich auch gut in einer Komödie vorstellen.

Doch Widows, das auf dem Toronto International Film Festival 2018 Premiere feierte, ist keine Komödie. Macht sich nicht über die Figuren lustig. Vielmehr zeigt der Film, wie Verzweiflung ein paar unbescholtene Bürgerinnen zu unglaublichen Taten verleitet. Das macht es dem Publikum natürlich deutlich leichter, die Protagonistinnen anzufeuern. Umso mehr, da sie das Geld nicht von den Guten klauen oder einer neutralen Einrichtung wie einer Bank. Nein, hier sind es die Bösen, die dran glauben müssen. Denn böse sind sie hier fast alle, Vorbildfunktion hat praktisch niemand.

So viele Themen, so wenig Zeit
Das ist nicht unbedingt immer sehr differenziert, die Adaption von Lynda La Plantes Roman arbeitet mit diversen Stereotypen. Allgemein hätte Widows gern auch etwas schlanker ausfallen können. Immer wieder wird die Geschichte durch Flashbacks unterbrochen, welche den Figuren etwas mehr emotionales Gewicht verleihen soll. Es führt aber eher dazu, dass der Film länger ist, als er es sein müsste, letztendlich zu viele Themen anschneidet und gar nicht richtig ausarbeitet. Besonders deutlich wird dies beim Sohn von Veronica und Harry, dessen Schicksal Ausdruck guter Absichten ist, dem Thriller aber nicht weiterhilft. Und auch der Ausflug in die Politik, der hier mit dem Gangstergebaren einhergeht, ist zwar Anlass für einige schmerzhaft pointierte Spitzen gegen die derzeitigen USA. Er kommt nur nie so recht mit der Geschichte um den Raubüberfall zusammen.

Trotz dieser kleinen Mängel, der Genrewechsel von McQueen ist geglückt. Widows hat nicht nur mehr zu sagen und zu erzählen als die meisten anderen Thriller. Er ist auch spannender. Die nicht unbedingt zielstrebige Geschichte führt dazu, dass man längere Zeit rätseln darf, in welche Richtung sich das eigentlich bewegen wird. Die darf dann mitunter auch schon mal wechseln, Wendungen sorgen für nette Überraschungen. Mehr als nett ist zudem die Besetzung, die bis in die kleinsten Rollen mit großen Namen protzen kann. Manche davon werden verschwendet, weil in dem Wust an Ereignissen nicht für alle Platz ist. Doch ob nun Daniel Kaluuya als brutaler Gangster, Elizabeth Debicki als misshandelte Prinzessin, die über sich hinauswächst, Jacki Weaver als deren herrische Mutter oder eine geradezu eisig-coole Viola Davis als Bandenkopf wider Willen, der Unterhaltungsfaktor ist groß, die Inszenierung zudem wie von McQueen gewohnt überaus stilvoll.

Widows – Tödliche Witwen
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Widows – Tödliche Witwen
Selbst ist die Frau: „Widows“ erzählt die Geschichte mehrerer Witwen, die aus Geldnot den großen Coup ihrer verstorbenen Männer zu Ende bringen wollen. Das ist teilweise humorvoll, ohne zur Komödie zu werden, überzeugt durch die exzellente Besetzung, eine stilvolle Inszenierung und viel Spannung. Teilweise packt der Thriller aber zu viele Themen aus, die es gar nicht gebraucht hätte und die den Film unnötig in die Länge ziehen.
8von 10

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