Bad Times at the El Royale

„Bad Times at the El Royale“ // Deutschland-Start: 11. Oktober 2018 (Kino)

Das El Royale hat eindeutig schon mal bessere Zeiten gesehen. Einst beliebtes Ziel der Reichen und Schönen ist das auf der Grenze zwischen Kalifornien und Nevada gelegene Etablissement nach einem Glücksspielverbot in Vergessenheit geraten, wird nur noch in sehr eingeschränktem Maße genutzt. Umso größer ist die Überraschung für Concierge Mike Miller (Lewis Pullman), als an einem Tag im Jahr 1969 gleich vier Gäste vor ihm stehen: der Priester Daniel Flynn (Jeff Bridges), die Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo), Staubsaugervertreter Laramie Seymour Sullivan (Jon Hamm) und eine mysteriöse Unbekannte (Dakota Johnson). Dabei haben nicht nur die Neuankömmlinge ihre kleinen Geheimnisse im Gepäck, auch das Hotel selbst ist nicht ganz das, als was es erscheint.

Lange genug hat es ja gedauert: Nachdem Drew Goddard 2012 mit The Cabin in the Woods das seltene Kunststück schaffte, fantastische Horrorthemen zu bedienen und sie gleichzeitig humorvoll zu dekonstruieren, liegt nun endlich seine zweite Regiearbeit vor. Sicher, ganz untätig war der Filmemacher in der Zwischenzeit nicht gewesen. So schrieb er das Drehbuch für das vielfach oscarnominierte Marsabenteuer Der Marsianer – Rettet Mark Watney und schuf die Marvel-Serie Daredevil. Aber wer ein derart ungewöhnliches Regiedebüt abliefert, von dem will man dann doch noch mehr sehen.

Visuelles Wunderland
Zu sehen gibt es in Bad Times at the El Royale dann auch mehr als genug. Nicht nur, weil der Film stolze 143 Minuten lang ist. Er ist vor allem auch ein Fest fürs Auge. Schon der erste Blick auf das Hotel, das seine eigene Vergangenheit zelebriert und dabei doch nur eine Erinnerung an eine andere Ära ist, nimmt uns mit auf eine Reise in eine Welt des schönen Scheins. Ein golden umrandetes Familienalbum, auf dem sich mit der Zeit eine leichte Staubschicht angesammelt hat. Kitschig bis bombastisch, dabei aber doch voller Nostalgie und einer melancholischen Sehnsucht nach etwas, das nicht mehr ist. Das vielleicht auch nie war.

Das Setting wird natürlich viele Vergleiche zu Quentin Tarantinos The Hateful 8 provozieren, gerade auch im Zusammenhang mit dem später beträchtlichen Body Count – der Film trägt nicht ohne Grund „Bad Times“ im Titel. Und doch wäre der Vergleich zu kurz gegriffen. Zum einen zelebriert Goddard die Gewalt nicht. Zum anderen zeigt er sich hier erneut als jemand, der ganz gerne mal Erwartungen unterwandert. Denn auch wenn wir hier natürlich früh ahnen, dass da mehr im Gange ist, die Leute nicht unbedingt sind, wer sie vorgeben zu sein, so bringt der Aufenthalt in dem Hotel dennoch jede Menge Überraschungen mit sich.

Der Schlüssel liegt in der Vergangenheit
Bad Times at the El Royale greift dafür auf den beliebten Mechanismus des Flashbacks zurück: Wann immer hier etwas Unvorhergesehenes passiert, eine der Figuren eine seltsame Entdeckung macht, kommt wenig später eine Szene aus der Vergangenheit, um etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Goddard nutzt diese Rückblicke aber auch zur Charakterisierung: Nach und nach trägt der Regisseur und Drehbuchautor die Schichten ab, die er den Männern und Frauen zu Beginn auferlegt hat, gibt dabei Einblicke in deren Leben, die mal erschreckend, mal sehr traurig sind. Gleichzeitig ist der Thriller, der auf dem Fantastic Fest 2018 Premiere feierte, durchtränkt von schwarzem Humor. Das ist als Mischung sehr eigenartig, so wie es damals eben auch The Cabin in the Woods war. Die oft sehr ruppigen Richtungswechsel, sowohl in Bezug auf Inhalt wie auch die Stimmung, können den einen oder anderen Zuschauer schon mal aus dem Kinosessel fegen.

Doch das macht Bad Times at the El Royale auch zu einem der spannendsten Filme der letzten Zeit: Goddard versteht es, bekannte Elemente so abzuwandeln, dass man vieles nicht kommen sieht, ohne dabei auf billige Twists à la Shyamalan zurückgreifen zu müssen. Dass er dabei noch ein hervorragendes Ensemble versammeln konnte – darunter Chris Hemsworth, der hier erneut beweisen darf, dass er sehr viel mehr als ein Sixpack-Pin-up-Poster ist – macht den Ausflug in das zwielichtige Hotel zu einer unvergesslichen Nacht, die gleichermaßen als stilvolles Zeitporträt funktioniert. Vietnamkrieg trifft auf Paranoia, Hippiekult auf Bigotterie, während dazu mitreißende Musik aus den 50ern und 60ern ertönt – mal aus mechanischen Jukeboxen, mal aus menschlichen.

Bad Times at the El Royale
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Bad Times at the El Royale
„Bad Times at the El Royale“ schafft es kontinuierlich, Erwartungen zu unterwandern, wenn hier niemand das ist, was er scheint, Hotelgäste und Hotel darum wetteifern, wer die meisten dunklen Geheimnisse in sich trägt. Das ist mal komisch, dann traurig, später auch blutig – aber immer sehr spannend und ungemein stilvoll. Der hervorragend begleitete Abend wird zwar viele Opfer unter den Figuren kennen, für das Publikum ist er jedoch ein einziger Gewinn.
8von 10

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