Kritik

Dreißig

„Dreißig“ // Deutschland-Start: 23. Juli 2020 (Kino)

Ein runder Geburtstag, wenn das kein Grund zum Feiern ist! Wobei Övünç (Övünç Güvenışık), der in wenigen Stunden dreißig wird, gar nicht viele Gründe zum Feiern hat. Und sein Freundeskreis auch nicht so wirklich. Pascal (Pascal Houdus) und Raha (Raha Emami Khansari) haben sich beispielsweise vor Kurzem getrennt. Das geschah zwar in aller Freundschaft, richtig toll ist die Situation trotzdem nicht. Kara (Kara Schröder) ist hingegen gern mit ihren Freunden zusammen. Das ist viel besser, als allein sein zu müssen, weshalb sie es sich zur Angewohnheit gemacht hat, auswärts zu schlafen. Da fehlt nur noch Henner (Henner Borchers), der in einer Bar arbeitet und dort auch Anja (Anja Langer) kennenlernt, die sich der Geburtstagsfeier anschließt …

Trotz gelegentlicher, teils geografischer Rückschläge: Die Lebenserwartung der Menschen steigt nach wie vor, die Leute werden immer älter. Das hat nicht nur Auswirkungen gesellschaftlicher Art etwa beim Arbeitsmarkt, der vom demografischen Wandel massiv beeinflusst wird, oder beim Umgang mit Krankheiten. Es bedeutet auch, dass sich die Lebensweise immer weiter verschiebt. Das Konzept davon, wer als alt gilt, hat sich verändert. Menschen jenseits der 70 wurden als große Zielgruppe entdeckt, die beispielsweise in Filmen wie Book Club oder Tanz ins Leben berücksichtigt wird. Wenn wir alle älter werden, können wir das Leben schließlich auch länger genießen und uns verwirklichen.

Was soll ich mit meinem Leben anfangen?
In Dreißig kümmert man sich hingegen um ein anderes Phänomen der letzten Jahre: Es braucht immer länger, bis die Leute auch wirklich ihr Leben gefunden haben. Sie fangen später an zu arbeiten, bekommen später Kinder. Wo man früher mit dreißig schon angekommen war, da stehen viele noch am Anfang oder befinden sich zumindest in einer fortlaufenden Orientierungsphase. Regisseurin und Drehbuchautorin Simona Kostova vermeidet es zwar, dieses Thema direkt in Worte zu fassen und greifbar zu machen. Aber es wird doch mehr als deutlich in den vielen kleinen Details, die ihr Spielfilmdebüt ausmachen. In dem Gefühl des Suchens, welche die sechs Protagonisten und Protagonistinnen begleitet, die eher vage Vorstellungen davon haben, wie es mit ihnen weitergehen soll.

Dreißig ist allgemein kein Film der großen Worte. Dass Pascal und Reha getrennt sind, wird beispielsweise nicht vorab angekündigt, das stellt sich erst im Laufe des Dialogs heraus. Es ist ein unbeholfener Dialog, nicht weil Kostova es nicht besser könnte, sondern weil sie ganz nah an ihren Figuren sein weil. Und Menschen sind nun mal hin und wieder unbeholfen, wenn nicht gerade Kameras auf sie gerichtet sind, welche sie plötzlich eloquenter und geschickter erscheinen lassen, als sie es sind. Hier gibt es stattdessen einen Pascal, der irgendwie versucht, eine Konversation aufzubauen, die aber auf eine Mauer des Schweigens seitens Reha trifft. Nur weil man sich nicht wirklich was zu sagen hat, heißt das nicht, dass man es nicht trotzdem probieren kann.

Die Kunst des Alltäglichen
Das Drama, welches auf dem International Film Festival Rotterdam 2019 Premiere hatte und anschließend auf diversen weiteren Filmfesten lief, ist voll von solchen Szenen, die mit minimalen Mitteln viel erzählen. Auf eine tatsächliche Handlung verzichtet Dreißig dabei jedoch. Das Geschehen erfolgt zwar prinzipiell chronologisch, ohne aber mit Spannungsbögen oder einer sich entwickelnden Geschichte zu arbeiten. Stattdessen gibt es hier nahezu zwei Stunden lang fragmentarische Einblicke in das Leben der sechs Personen, die mal komisch sein können, mal ernst, manchmal auch völlig banal. In einer Szene wird das Gespräch zwischen zweien von einer Küchenmaschine überlagert, weshalb wir über einen längeren Zeitraum den Figuren beim Nichtstun zusehen. Los geht es mit einer längeren Schlafsequenz, die einen darüber grübeln lässt, ob das Bild nicht vielleicht eingefroren ist.

Der Film selbst ist dafür voller Leben. Ständig passiert etwas, selbst wenn nichts passiert, wir lernen nach und nach die Figuren kennen, so als würden wir selbst mit ihnen eine Kneipentour veranstalten. Das ist von viel Authentizität geprägt, zumal die Schauspieler und Schauspielerinnen – für die meisten ist es der erste Spielfilm – ihren tatsächlichen Namen behalten. Bei der Kamera wird hingegen manchmal experimentiert. Auffallend ist neben der Verwendung des früheren TV-Bildformats das Spiel mit Bewegung. Mal sind die Aufnahmen ganz starr, vergleichbar zu Werken wie Echo oder Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach, nur um sich dann doch unvermutet zu bewegen. So wie das Leben auch immer wieder unvermutete Bahnen einschlägt, Momente der Überraschung Irritation bereithalten. Und natürlich solche, die einen innehalten und sich fragen lassen: Was nun?

Credits

OT: „Dreißig“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Simona Kostova
Drehbuch: Simona Kostova
Kamera: Anselm Belser
Besetzung: Övünç Güvenışık, Pascal Houdus, Raha Emami Khansari, Kara Schröder, Henner Borchers, Anja Langer

Bilder

Trailer

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Dreißig
„Dreißig“ begleitet eine Freundesclique, die in einen dreißigsten Geburtstag reinfeiern will. Das Drama ist dabei fragmentarische Bestandsaufnahme, die mit vielen bewusst banalen Szenen das sehenswerte Porträt junger Menschen erstellt, die durch die Nacht und das Leben taumeln und irgendwie nicht so recht wissen, wohin die Reise gehen soll.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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