Echo

„Echo“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

In den letzten Wochen hat Europa ganz schön unter den hohen Temperaturen geächzt, als eine Hitzewelle den Kontinent fest im Griff hatte. Mal wieder. An Weihnachten denkt in einer solchen Situation verständlicherweise kaum ein, sofern er nicht gerade beruflich dazu gezwungen wird. Insofern war es durchaus etwas mutig, Echo im internationalen Wettbewerb von Locarno zu zeigen. Andererseits: Der neue Film des isländischen Regisseurs und Drehbuchautors Rúnar Rúnarsson ist so eigenwillig, dass das weihnachtliche Setting bald vergessen ist.

Eine durchgängige Geschichte erzählt der Filmemacher nicht. Stattdessen bringt er uns in insgesamt 56 Vignetten seine Landsleute näher. Wer die einzelnen Figuren sind, verrät er dabei nicht. Muss er aber auch nicht: Da jede der Mini-Episoden nur 1-2 Minuten dauert, bliebe überhaupt nicht die Zeit, sie näher kennenzulernen. Denn sobald die Vignette vorbei ist, werden auch die Protagonist*innen wieder ausgetauscht. Hier gibt es kein Wiedersehen, keine Wiederholungen. Es gibt auch keinen roten Faden, lediglich eine zeitliche Progression: Echo beginnt irgendwann vor Weihnachten, wenn beispielsweise noch schnell ein Tannenbaum besorgt werden muss. Das Ende fällt mit dem Anfang des neuen Jahres zusammen.

Eigenartig alltäglich
Dazwischen kann alles mögliche passieren. Einiges davon kommt einem bekannt vor, beispielsweise die Familientreffen zur Feiertagszeit. Die sind dann auch sehr universell, kann man sich in ähnlicher Form überall auf dem Globus vorstellen. An anderen Stellen demonstriert Rúnarsson seine Vorliebe fürs Skurrile, für lakonischen Humor, den wir auch in anderen isländischen Filmen wie Von Menschen und Pferden und Sture Böcke haben bewundern dürfen. Manchmal darf es auch etwas bitterer und ernster werden. Schließlich ist Weihnachten nur auf Postkarten das Fest der Liebe.

Ein solches Sammelsurium aus Einblicken und Momentaufnahmen droht natürlich immer, in die Beliebigkeit abzurutschen. Wer alles zeigen kann und zu alles etwas zu erzählen, der hat am Ende eigentlich nichts. Große Erkenntnisse, das wird früh klar, braucht man von Echo dann auch nicht zu erhoffen. Selbst die nachdenklicheren Szenen, die ein bisschen was über die menschliche Natur zu sagen haben, sind nicht dafür geeignet, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Wer mit den Erwartungen eines regulären Films vor der Leinwand Platz nimmt, wird mindestens überrascht, wenn nicht gar enttäuscht. 80 Minuten voll inhaltlichem Minimalismus können sehr lang werden.

Und was kommt jetzt?
Sie können aber auch sehr unterhaltsam sein. Gerade weil die einzelnen Vignetten so unterschiedlich sind und es nur wenige Gemeinsamkeiten gibt, hat man hier so gar keine Ahnung, was als nächstes passieren wird. Das wiederum steigert, sofern man eben Gefallen an dieser Art Film hat, die Neugierde. Zumal ihm hier auch die Kürze der Vignetten zugutekommt. Selbst wenn man zwischendurch auf welche stößt, die einem wenig zusagen, sie sind so schnell vorbei, dass man sich nicht groß darüber ärgern muss.

Eine Konstante gibt es zudem: die tollen Bilder. Kamerafrau Sophia Olsson (Das Mädchen aus dem Norden) arbeitet hier mit starren Perspektiven, lässt während der Szenen kein einziges Mal den Blick schweifen. Das erinnert an einen anderen nordischen Episodenfilm Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach. Dort waren die einzelnen Geschichten zwar deutlich länger. Beiden Werken gemeinsam ist aber die Anordnung, die mehr an ein Gemälde als an einen regulären Film erinnert. Oder ein Polaroidfoto. Wer den Kollegen mochte oder eine Schwäche für das Skurrile hat, das sich im Alltäglichen verbirgt, der sollte die Chance ergreifen, sich diesen isländischen Sonderling einmal anzusehen.

Echo
4.39 (87.78%) 18 Artikel bewerten

Echo
Es weihnachtet sehr! Und es spinnt ein wenig: In dem isländischen Episodenfilm „Echo“ werden 56 Szenen, die rund um die Weihnachtszeit spielen, aneinandergehängt. Jede Vignette steht dabei für sich, zeigt eine neue Situation und neue Figuren. Die Abwechslung ist groß, der Tiefgang zwangsweise eher niedrig. Eine Vorliebe fürs Skurrile vorausgesetzt kann man hier jedoch viel Spaß haben – auch wegen der tollen schnappschussartigen Aufnahmen.
7von 10

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