Kritik

Der Überfall

„Der Überfall – Es geht um mehr als Geld“ // Deutschland-Start: 23. Juli 2020 (DVD/Blu-ray)

Viel Zeit bleibt Raquel (Emma Suárez) nicht mehr: Sie braucht ganz schnell 35.000 Euro, sonst wird sie ihre Tochter nicht mehr wiedersehen, weil das Jugendamt sie ihr wegnehmen will. Eine Idee hat sie, wie sie an das Geld kommen soll. Tatsächlich hat die Bank ihr den notwendigen Kredit mehr oder weniger schon zugesagt, als Sicherheit bietet sie das Haus ihrer Eltern an. Doch gerade als sie dabei waren, den Deal abzuschließen, stürmen Lola (Nathalie Poza) und Jonan (Hugo Silva) in die Bank, um diese auszurauben. Sollte jetzt tatsächlich alles umsonst gewesen sein? Aber so einfach lässt sich Raquel nicht ausbooten, sondern setzt alles daran, trotz der widrigen Umstände an die benötigte Summe zu kommen …

Spannende Tradition
In den 2010er Jahren hat sich Spanien als eine der ersten Adressen für europäisches Genrekino etabliert. Vor allem im Thrillerbereich haben dortige Filmemacher in den letzten Jahren kräftig mitgemischt, Titel wie Der unsichtbare Gast oder Mörderland – La Isla Mínima sorgten überall für Begeisterung. Dank Haus des Geldes wurde inzwischen auch der Mainstream erreicht, weltweit schaute ein Millionenpublikum bei den ausgeklügelten Beutezügen zu. Zuletzt nahm die Begeisterung für die Netflix-Serie zwar wieder ab, das Nachfolgewerk White Lines, ein Krimidrama von Serienschöpfer Álex Pina, wurde ebenfalls sehr gemischt aufgenommen. Dafür haben hiesige Fans jetzt anderweitig Ersatz gefunden. Ganz neu ist Der Überfall – Es geht um mehr als Geld zwar nicht, der Thriller lief bereits 2018 auf Europas größtem Genrefestival Sitges. Qualitativ lässt der Film die Konkurrenz aus dem eigenen Land hingegen alt aussehen.

Der Vergleich bietet sich dabei nicht nur durch die ähnliche Thematik an, weil es in beiden spanischen Produktionen um einen Überfall geht. Regie führte hier zudem Koldo Serra, der auch einige Folgen der Hitserie inszeniert hat. Im Gegensatz zu Letzterer stehen hier aber weniger die Räuber im Mittelpunkt. Sie können es auch nicht mit den Kollegen aufnehmen, welche parallel minutiös ihre Raubtouren geplant haben. Bei Lola und Jonan war das Prinzip vielmehr: schnell rein, drinnen ganz laut sein und auf gefährlich machen, danach schnell abhauen, bevor die Polizei da ist. Dass das so nicht funktionieren wird, dürfte den meisten vor den Fernsehern klar sein. Denn dann hätte Der Überfall – Es geht um mehr als Geld ja keine Geschichte zu erzählen.

Ein Duell im Geheimen
Zugegeben, so richtig viel hat der Film inhaltlich auch gar nicht zu bieten. Spaß macht er aber umso mehr. Während die beiden eher einfach gestrickten, dabei zu explodieren drohenden Ganoven irgendwie versuchen, aus der Sache wieder heil – und reich – rauszukommen, schmiedet Raquel gleichzeitig Pläne, um ihrerseits an das Geld zu gelangen. Das Vergnügen bei Der Überfall – Es geht um mehr als Geld liegt darin, wie es hier zu einem ungleichen Duell kommt. Nicht allein, dass Lola und Jonan sich auf pure Gewalt verlassen, während Raquel sie mit ihrem Geist austrickst – was immer wieder unterhaltsam ist. Die beiden wissen nicht einmal, dass es eine Form des Duells gibt, weil sie in ihrer unscheinbaren Geisel keine Gefahr erkennen. Dieser Gegensatz funktioniert auch dank der beiden Hauptdarstellerinnen sehr gut: Emma Suárez als verschlagene Geisel, Nathalie Poza als Verbrecherin mit psychopathischen Zügen, das bringt viel Intensität mit sich.

Der andere Grund, sich den mit kleinen humorvollen Spitzen versehenen Thriller anzusehen, sind die zahlreichen Wendungen, die das Drehbuchteam eingebaut hat. Während man vermutlich den gesamten Film nur mit den Tricks von Raquel hätte füllen, schlägt die Geschichte in der zweiten Hälfte diverse Richtungen ein, die trotz einer frühen Ankündigung überraschend sind. Glaubwürdig ist das Ergebnis nur bedingt, so wie es Heist Movies nur in den seltensten Fällen sind. Aber es ist in mehrfacher Hinsicht spannend: Schon die Ausgangslage, welche einen hohen Zeitdruck mit sich bringt, sorgt dafür, dass es hier keine Verschnaufpausen gibt. Zudem will man natürlich wissen, worauf das alles wohl hinauslaufen wird. Mit den besten Genrekollegen aus dem eigenen Land kann es Der Überfall – Es geht um mehr als Geld vielleicht nicht aufnehmen, aber es reicht für einen kurzweiligen Geheimtipp.

Credits

OT: „70 Binladens“
Land: Spanien
Jahr: 2018
Regie: Koldo Serra
Drehbuch: Javier Echániz, Juan Antonio Gil Bengoa, Asier Guerricaechebarría
Musik: Fernando Velázquez
Kamera: Unax Mendia
Besetzung: Emma Suárez, Nathalie Poza, Hugo Silva, Daniel Pérez Prada

Bilder

Trailer

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Sitges 2018

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Der Überfall – Es geht um mehr als Geld
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Der Überfall – Es geht um mehr als Geld
Zwei Leute wollen eine Bank ausrauben, haben dabei aber nicht die Rechnung mit einer Geisel gemacht, die ebenfalls dringend Geld braucht. „Der Überfall – Es geht um mehr als Geld“ funktioniert weniger als Heist Movie, sondern ist die unterhaltsame Geschichte eines ungleichen Duells. Glaubwürdig ist das nicht, dafür aber spannend und wendungsreich.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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