Kritik

Naked Lunch

„Naked Lunch“ // Deutschland-Start: 30. April 1992 (Kino) // 19. April 2005 (DVD/Blu-ray)

William Lee (Peter Weller) verdient sich seinen Lebensunterhalt als Kammerjäger in New York City und finanziert damit die Drogensucht seiner Frau Joan (Judy Davis) sowie seine eigene. Als ihm während seiner Arbeit das Insektenvernichtungsmittel ausgeht, wundert es ihn deshalb auch nicht weiter, als er feststellen muss, dass Joan begonnen hat, sich dieses statt Heroin zu spritzen. Nachdem William wegen Drogenbesitzes kurz in Polizeigewahrsam ist, redet man ihm ein, Joan sei in Wirklichkeit eine Geheimagentin und er müsse sie im Namen einer Geheimorganisation umbringen. Zwar verwirft William den Gedanken sogleich wieder, doch bei seiner Rückkehr in die gemeinsame Wohnung geschieht ein folgenschwerer Vorfall: Als er Joan auffordert, sie sollten ihre „Wilhelm-Tell-Routine“ spielen, erschießt er sie. Nach dieser Tat sieht sich William gezwungen, nach Interzone zu fliehen, einer Stadt im Norden Afrikas, wo er die Tage damit verbringt, Rapporte für eben jene Organisation zu schreiben, die ihm den Auftrag gab, Joan zu töten. Während er wieder unter dem Einfluss von Drogen ist, erhält William abermals einen Auftrag, dieses Mal von seiner Schreibmaschine, die sich in ein insektenähnliches Wesen verwandelt hat. Er soll den mysteriösen Doktor Benway finden und um an Informationen über dessen Operationen zu erhalten, muss es William gelingen, Joan (Davis), eine Doppelgängerin seiner Frau, zu verführen. Immer tiefer gerät William dabei in einen Strudel aus Drogen und Gewalt, bei dem sich Realität, Fiktion und Rausch miteinander untrennbar verbinden.

Ein literarisches Hoch
Das 1959 erschienenen Werk Naked Lunch aus der Feder des Beatnik-Autors William S. Burroughs gilt bis heute als einer der Romane, die eigentlich unverfilmbar sind. Auch der Anfang der 90er entstandene Film des Kanadiers David Cronenberg ist im eigentlichen Sinne keiner „echte“ Adaption des Romans, sondern vermischt vielmehr Motive der Vorlage mit anderen Werken des Autors sowie autobiografischen Episoden Burroughs. Entstanden ist dabei ein bizarres Werk der Meta-Fiktion, das Drogensucht im Kontext künstlerischen Schaffen betrachtet.

Wenn man möchte, kann man sich auch noch weiter aus dem Fenster lehnen und behaupten, Cronenberg hat vielmehr die künstlerische Initiation des Autors William S. Burroughs verfilmt. Diese begann nach eigenen Aussagen mit dem Tod Jean Vollmers, die wie Judy Davis’ Figur im Film, bei jener fatalen „Wilhelm-Tell-Routine“ ums Leben kommt, nach welcher Burroughs floh und im Exil seine Karriere als Schriftsteller begann. Dieses Erlebnis, bei dem eine Substanz die komplette Kontrolle über den Körper übernimmt, wird zu einem traumatischen Erlebnis für den von Peter Weller gespielten William Lee, der sich immer weiter dem Rausch hingibt.

Schnell vermischen sich für ihn das Hoch der Droge mit dem des Schreibens, des konstanten Herstellens von erdachten Welten und Figuren. Beide sind untrennbar miteinander verbunden, eng verknüpft sowohl mit dem Unterbewussten wie auch den sexuellen Fantasien. Wie schon in vielen anderen Werken Cronenbergs wird die Technik, in diesem Falle die Schreibmaschine, zu einem Spiegelbild jenes Rausches, der Lust und der Sehnsüchte, eine Symbiose aus Käfer und Schreibgerät, von der William nicht mehr lassen kann.

Verloren in allen Welten
Egal, wie man zu der Person Burroughs stehen mag, so bleibt unbestritten, dass es noch kein anderer Schriftsteller gewagt hat, Drogensucht und Rausch so darzustellen, wie er es gemacht hat. Auch in Cronenbergs findet sich jene Wahrheit in den an Werke des film noir angelehnten Einstellungen, welche die Isolation und die Einsamkeit Williams betonen. Durch sein sehr sensibles Spiel zeigt Peter Weller diesen Mann, der zwischen versuchter Kontrolle und dem hilflosen Abgleiten in die eigene Welt hin- und hergerissen ist. Bezeichnend in vielerlei Hinsicht ist es, wenn ihm die Schreibmaschine/Käfer die Zeilen nennt, die er zu schreiben hat, ein Akt der Hingabe und des Ausgeliefert-Seins an eine Droge, die William schon lange nicht mehr unter Kontrolle hat.

Credits

OT: „Naked Lunch“
Land: Kanada, Japan, UK
Jahr: 1991
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: David Cronenberg
Vorlage: William S. Burroughs
Musik: Howard Shore, Ornette Coleman
Kamera: Peter Suschitzky
Besetzung: Peter Weller, Judy Davis, Ian Holm, Julian Sands, Roy Scheider

Bilder

Trailer

Filmfeste

Berlinale 1992

Kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Naked Lunch
3.88 (77.6%) 25 Artikel bewerten

Naked Lunch
„Naked Lunch“ ist ein faszinierender, teils widerlicher und bizarrer Blick in das Leben eines Drogensüchtigen und eines Autors. Wegen seiner Bilderwelten, den Themen und der Darstellung Peter Wellers alleine lohnt schon dieser Film David Cronenbergs, der vielleicht nicht Burroughs „Naked Lunch“ verfilmt hat, aber dafür seinem Zuschauer um so mehr zu bieten hat.
9von 10

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.