Kritik

Gipsy Queen

„Gipsy Queen“ // Deutschland-Start: 25. Juni 2020 (Kino)

Richtig viel Glück hatte Ali (Alina Serban) bislang nicht im Leben. Von ihrem Vater wurde sie verstoßen, weshalb die Rumänin nach Deutschland zog, um dort noch einmal neu anzufangen. Aber es ist hart, als alleinerziehende Mutter über die Runden zu kommen, ohne wirkliche Ausbildung, ohne Perspektive. Zumal auch der Job als Putzkraft wenig einbringt, nicht zuletzt wegen ihrer Chefin, welche die Not der ausländischen Frauen skrupellos ausnutzt. Als Ali sich mit ihr überwirft, scheint das ihr Schicksal zu besiegeln: Sie schafft es trotz großer Anstrengungen kaum, die Familie noch zu ernähren. Doch dann begegnet sie zufällig Tanne (Tobias Moretti), der früher Boxer war und in der ebenfalls boxerfahrenen Ali ein großes Talent erkennt …

Boxfilme erzählen die Geschichten von Underdogs, die sich aus schwierigen Verhältnissen hochkämpfen, Hindernisse aus dem Weg räumen, dabei Rückschläge hinnehmen müssen, um am Ende einen übermächtigen Gegner zu besiegen. So will es das Gesetz dieses Genres. Aber es geht auch anders, wie das Beispiel Gipsy Queen zeigt. Hüseyin Tabak (Kick-Off) hält offensichtlich nicht sehr viel von diesen Gesetzen oder interessiert nicht dafür. Bis es überhaupt mal in dem Film zu einem Boxkampf kommt, ist das Drama schon zur Hälfte vorbei. Und selbst dann bleibt der Sport nur ein Nebenschauplatz, eine Art Ventil, um die eigentlichen Kämpfe auszutragen, mit denen Ali es zu tun hat.

Das Leben kann echt hart sein
Von denen gibt es eine ganze Menge, es ist schon einiges, was Tabak seiner Protagonistin zumutet. Alleinerziehende Mutter zu sein, das ist selten eine leichte Aufgabe, umso mehr wenn die ältere Tochter langsam aufbegehrt und mit eigenen Problemen zu kämpfen hat. Doch wie soll Ali sich um diese kümmern, wenn sie kaum weiß, wie sie mit ihrer Familie über die Runden kommen soll? Ausbeuterische Arbeit, wie sie in Deutschland gerade ausländische Menschen ausüben müssen, die sich nicht wehren können, spielt zu Beginn eine Rolle. Und dann wäre noch die Frage, wie hierzulande überhaupt mit Leuten aus fremden Ländern und fremden Kulturen umgegangen wird – durch ihre Roma-Herkunft haben Ali und ihre Familie mit Diskriminierung zu tun.

Einen tatsächlichen Sportfilm sollte man von Gipsy Queen daher nicht erwarten. Dieser Aspekt, so wichtig er auch für die Zukunftsaussichten und das Verhältnis zwischen Ali und Tanne ist, am Ende ist er doch sekundär. Stattdessen ist der Film, der beim Filmfest Hamburg 2019 lief, eine Mischung aus Sozialdrama und Porträt. Eine Art Denkmal an all die Alis da draußen, die gleich in mehrfacher Hinsicht benachteiligt sind und sich irgendwie durchs Leben schlagen müssen. Die Rückschläge, welche in einer Boxgeschichte einfach dazugehören, finden hier dann außerhalb des Rings statt. Vor allem die familiären Probleme nehmen viel Raum ein, wenn Ali sowohl mit ihrem Vater wie auch der eigenen Tochter ein schwieriges Verhältnis hat.

Figuren mit Ecken und Kanten
Tabak verzichtet an der Stelle zum Glück darauf, seine Protagonistin zu einseitig im guten Licht erscheinen zu lassen. So sehr sie auch für ein besseres Leben kämpft, gerade für ihre Kinder, sich dafür anpassen und integrieren will, so fehlt ihr doch das Verständnis für die Bedürfnisse ihrer Tochter, die sich ihrerseits im Stich gelassen fühlt. Die stärksten Momente hat Gipsy Queen dann auch, wenn der Film sich ganz auf diese kleinen Elemente konzentriert, sehr persönlich wird und die alltäglichen Probleme einer eingewanderten Familie aufzeigt. Denn an diesen Stellen dürfen diese zu Identifikationsfiguren werden, deren Schicksal zwar besonders schwierig ist, aber so allgemein gehalten, dass man sich doch gut darin wiederfinden kann. Abgehängte Menschen, die kaum durch den Tag kommen, davon gibt es schließlich immer mehr, egal woher sie auch kommen und was die individuelle Geschichte ist.

Ein paar Punkte kommen dabei ein wenig kurz. Beispielsweise bleibt Tanne immer irgendwie ein Fremdkörper, gleiches gilt für Alis Mitbewohnerin Mary (Irina Kurbanova), die eher zweckmäßig in die Geschichte eingebaut wurde. Welche Beziehung die Familie zum Boxen hat, wird nicht ganz klar, so wie allgemein die familiäre Vorgeschichte Lücken lässt. Gipsy Queen ist dadurch mehr Momentaufnahme als vollständiges Porträt, eine gröbere Skizze. Als solche ist der Film aber auf jeden Fall sehenswert. Das Drama zeigt ein sehr raues Hamburg, in dem sich lauter gescheiterte Figuren herumtreiben. Es zeigt aber auch, wie sich Menschen versuchen gegenseitig zu stützen, wenn schon die Welt drumherum wenig Interesse an dir zeigt. Der Triumph des Films ist dann auch nicht, irgendwelche Meisterschaften zu gewinnen. Das große Los hat hier gezogen, der am Ende nicht allein ist.

Credits

OT: „Gipsy Queen“
Land: Deutschland, Österreich
Jahr: 2019
Regie: Hüseyin Tabak
Drehbuch: Hüseyin Tabak
Musik: Judit Varga
Kamera: Lukas Gnaiger
Besetzung: Alina Șerban, Tobias Moretti, Irina Kurbanova, Catrin Striebeck

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Deutscher Filmpreis 2020 Beste Hauptdarstellerin Alina Șerban Nominierung

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Gipsy Queen
„Gipsy Queen“ erzählt von einer alleinerziehenden Mutter aus Rumänien, die in Deutschland einen Neuanfang sucht und an den schweren Umständen verzweifelt. Das ist sehenswert, gerade in den kleineren Momenten, in denen es um die familiären Schwierigkeiten geht, auch wenn manche Elemente und Figuren mehr Raum gebraucht hätten.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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