Kritik

Das Geld der Anderen L'argent des autres

„Das Geld der Anderen“ // Deutschland-Start: 8. Mai 2020 (DVD)

Als sich einer seiner Kunden, dem er etwas leichtfertig einen hohen Kredit gewährt hat, als Betrüger herausstellt, wird Prokurist Henri Rainier (Jean-Louis Trintignant) von der Bank, für die er 15 Jahre lang arbeitete, entlassen. Während die Chefetage der Bank unter der Leitung von Direktor Miremont (Henri Serrault) versucht, ihre Investoren zu beruhigen, zieht der Skandal um den Kredit immer weitere Kreise und schädigt den Ruf der Bank, sodass Henri letztlich zum Sündenbock erklärt wird, auf dessen Anraten hin jene fatale Investition getätigt wurde. Ohne Arbeit und aus Scham vor seiner Frau Cécile (Catherine Deneuve) versucht Henri verzweifelt, eine neue Anstellung zu finden, doch das Stigma der Leichtfertigkeit und der eventuellen Komplizenschaft lastet schwer auf ihm und er findet keine neue Stelle. Als Henri schließlich den Mut hat, auch wegen der immer prekärer werdenden finanziellen Situation der Familie, Cécile alles zu erklären, ermutigt diese ihn rechtliche Schritte gegen die Bank einzuleiten. Auch die Vertreter der Gewerkschaft, die durch Cécile auf den Fall aufmerksam gemacht werden, unterstützen Henri bei seinem Plan gegen die Bank vorzugehen, da ihn keinesfalls die alleinige Schuld trifft an dem Skandal. Durch seine Nachforschungen wird nicht nur ein aufsehenerregender Prozess in die Wege geleitet, sondern auch die Mechanismen der Bank und ihrer Führungsriege offenbart.

Ein Netzwerk unsichtbarer Regeln
Mit Das Geld der Anderen drehte der französische Regisseur Christian de Chalonge 1978 seinen wohl bekanntesten Film, für den er nicht nur den Louis-Delluc-Preis entgegennehmen durfte, sondern auch einen César für die Beste Regie sowie einen für den Besten Film ein Jahr später. Prominent besetzt mit Jean-Louis Trintignant und Catherine Deneuve erzählt de Chalonge die Geschichte eines Finanzskandals und darüber hinaus von einem System, welches nur an Selbsterhaltung interessiert ist.

Von den ersten Minuten an findet man sich als Zuschauer in dem Netz dieser undurchsichtigen Hierarchie wieder, die gerade dabei ist, einen der ihrigen auszugrenzen als symbolischen Sündenbock für eine Unvorsichtigkeit und als Konsequenz einer Fehlkalkulation. Die schnelle Abfolge der Nahaufnahmen der Anzugträger, die sich hinter dem langen Konferenztisch in der Sicherheit ihrer Position wiegen, gepaart mit der beinahe kakophonisch anmutenden Musik von Guy Boulanger und Patrice Mestral, verstärkt den Eindruck eines traumatischen Erlebnisses. Dem sichtlich schockierten Rainier, fabelhaft gespielt von Jean-Louis Trintignant, bleibt kaum Zeit, das Erlebte zu verarbeiten, er findet sich in der für ihn ungewohnten Lage der Machtlosigkeit wieder und im freien Fall, an dessen Ende er nicht nur ohne Arbeit, sondern zudem mit einem angegriffenen Ruf steht.

Immer wieder findet sich der Film wie auch der Protagonist in diesem komplexen Netz der Regeln und Mechanismen wieder, droht von diesen zermalmt zu werden und verirrt sich in den Weiten der anonymen Gänge, Aktenregale und Büros. Dieses schon fast kafkaeske Szenario zeigt eine hermetisch abgeschottete Parallelwelt der Macht, die gerade vor dem Hintergrund aktueller Finanzkrisen und Machtpolitik seltsam vertraut wirkt, was de Chalonges Film eine ungemeine Brisanz verleiht.

Auch wir sind Opfer
Schnell wird auch klar, bereits in den ersten Minuten, dass es sich bei Henri nur um ein eher unbedeutendes Rädchen im Getriebe handelt. In der Folge, bei den Nachforschungen und beim Vorsprechen bei einem potenziellen neuen Arbeitgeber kämpft Henri gegen diese Erfahrung der Machtlosigkeit an, gegen den Status des Opfers oder des „Idioten“, der sich durch Geschäftsessen und prunkvolle Empfänge einlullen ließ. Als Zuschauer fragt man sich mehrmals, inwiefern die eigentlichen Opfer, jene Menschen, deren Geld nun verschwunden ist und um welches sie betrogen worden sind, zu Wort kommen. Die schweigenden Hallen der Macht, die langen Gänge der Bank beantworten diese Frage auf visueller Ebene.

Besonders beeindruckend und befremdlich wirken jene Szenen, in denen sich Henri um eine neue Stelle bewirbt. In einer weiten Halle wartend, muss er schließlich die Fragen eines mechanisch anmutenden Stimme zu seiner Person beantworten, wird dabei genau beobachtet und studiert von Menschen, die nicht nur darauf bedacht sind, einen guten Bewerber zu finden, sondern die eben jene Außenstehenden auf Distanz halten wollen.

Credits

OT: „L’Argent des autres“
Land: Frankreich
Jahr: 1978
Regie: Christian de Chalonge
Drehbuch: Christina de Chalonge, Pierre Dumayet
Musik: Guy Boulanger, Patrice Mestral
Kamera: Jean-Louis Picavet
Besetzung: Jean-Louis Trintignant, Catherine Deneuve, Michel Serrault, Michael Berto, Umbert Orsini

Bilder

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
César 1979 Bester Film Sieg
Beste Regie Christian de Chalonge Sieg
Bester Nebendarsteller Michel Serrault Nominierung
Bestes Drehbuch Christina de Chalonge, Pierre Dumayet Nominierung
Bester Schnitt Jean Ravel Nominierung

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Das Geld der Anderen
4 (80%) 12 Artikel bewerten

Das Geld der Anderen
„Das Geld der Anderen“ ist ein streckenweise bedrückender, hochbrisanter Film über Gier, Macht und ein sich selbst erhaltendes System. Christian de Chalonge erzählt eine Geschichte, die Fragen aufwirft, beispielsweise inwiefern sich eine Struktur wie die Finanzwelt sich nicht schon längst von der Realität der Menschen gelöst hat und welche Art Mensch es kontrolliert.
8von 10

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