Kritik

Cassandro the Exotico

„Cassandro, the Exotico!“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Wrestling hatte innerhalb des Sportbetriebes immer eine gewisse Sonderstellung. Während die meisten Sportarten die sportliche Aktivität in den Mittelpunkt rücken, da ist Wrestling immer auch eine Showeinlage, die sich sehr viel stärker der Unterhaltung verschrieben hat, als es bei anderen Bereichen der Fall ist. Kommt es beim Fußball durchaus schon mal vor, dass allein das Ergebnis zählt und zum Ärger des Publikums zehn Mann im eigenen Strafraum stehen, um auch ja ein Tor zu vermeiden, da wäre das im Ring undenkbar. Dort geht es schließlich darum, ein Spektakel zu veranstalten und sich auch selbst zu inszenieren, einem Schauspieler gleich. Sport und Persönlichkeit sind da kaum mehr voneinander zu trennen.

Wrestling einmal anders
Das ist bei Cassandro sicherlich der Fall: Der Ring ist seine Bühne, der Kampf seine Kunst. Und doch ist er nur zum Teil mit den großen Stars zu vergleichen, welche der Sport gerade in den USA hervorgebracht hat, gerade auch solchen wie Dwayne Johnson, Dave Bautista oder John Cena, die es in Hollywood weit gebracht haben. Denn während die der alten Schule des Wrestling entstammen, die das Schillernde mit einem extrem ausgeprägten Machismo verbinden, oft auch Homophobie verkörpern, da ist der offen homosexuelle Cassandro das ziemliche Gegenteil, ein sogenannter Exotico. Diese speziellen Vertreter des mexikanischen Wrestlers geben sich sexuell bewusst ambivalent, tragen weiblich konnotierte Accessoires, die sich komplett gegen das richten, was wir aus dem Bereich kennen und fast wie eine Parodie wirken.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Cassandro seinen Sport nicht ernst nehmen würde. Zum einen war dieser immer eine Möglichkeit für ihn, sich zu beweisen und auch seiner Vergangenheit zu entkommen, die aus Missbrauch, Gewalt und Homophobie bestand. Wrestling, das hieß sich behaupten zu können, unabhängig zu machen. Gleichzeitig zeigt Cassandro, the Exotico! auf, dass der Sport, so künstlich er auch erscheinen mag, sehr reale Auswirkungen auf den Körper hat. Im Laufe der Zeit hat der Mexikaner so viele Wunden davongetragen, dass vieles an ihm nicht mehr wirklich funktioniert, Knochen, Sehnen, selbst Zähne in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Nah dran und doch oberflächlich
Marie Losier begleitet den Sportler, spricht mit ihm über diese Wunden, aber auch persönliche Triumphe. Cassandro ist dabei sicherlich eine auffällige Person, bei der nie ganz klar wird, wann die Show aufhört und der wahre Mensch beginnt. Das ist einerseits sicherlich auch auf ihn selbst zurückzuführen, war Wrestling doch immer ein Schutzpanzer, der es ihm ermöglicht hat durchs Leben zu kommen. Doch die französische Filmemacherin scheint auch nicht darum zu kämpfen, ihm wirklich näherzukommen. Das wird gerade gegen Ende deutlich, als sich auch die Karriere des Wrestlers auf wenig glorreiche Weise verabschiedet und er nicht in seinem Schmerz gefilmt werden will. Den Vorwurf des Voyeurismus muss sich die Regisseurin deshalb sicher nicht gefallen lassen, sie schlachtet das Leid nicht aus. Aber es bleibt dadurch eben auch an der Oberfläche.

Und doch ist der Dokumentarfilm, der in der Independent-Sektion von Cannes 2018 seine Premiere hatte, sicher sehenswert. Es gibt einige beeindruckende akrobatische Einlagen, wenn Cassandro durch den Ring springt. Und für ein wenig bewandertes Publikum ist es ohnehin spannend, einen kurzen Einblick in diese alternative Wrestling-Welt zu erhalten, die gleichzeitig schrill und brutal ist, künstlich und emotional, völlig überzogen und doch auf ihre Weise rührend menschlich.

Credits

OT: „Cassandro, the Exotico!“
Land: USA
Jahr: 2018
Regie: Marie Losier
Kamera: Marie Losier

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Prix Lumières 2018 Beste Dokumentation Nominierung

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Cassandro, the Exotico!
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Cassandro, the Exotico!
„Cassandro, the Exotico!“ begleitet einen mexikanischen Wrestler, der offen homosexuell ist und in schillernden Kostümen auftritt. Das ist als Einblick in eine alternative Variante des Sports spannend, lässt auch etwas hinter die Kulissen blicken, bleibt aber doch eher an der Oberfläche.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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