Kritik

An Ant Strikes Back

„An Ant Strikes Back“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

In einer Zeit, die von einem stetig wachsenden Wettbewerb und Leistungsdruck definiert ist, von Quoten sowie der Notwendigkeit der Einsparung von Kosten, ist es an uns, den menschlichen Faktor innerhalb all dessen nicht zu vergessen. Während auf globaler Ebene die Existenz von sogenannten „sweatshops“ die dunkle Seite der Globalisierung offenbart, die ihre Arbeitskräfte ausbeutet und sich nicht um deren Rechte schert, zeigen diese Entwicklungen, wie viele von uns schlichtweg beschlossen haben, solche Aspekte zu ignorieren. Dabei ist diese Ausbeutung, wenn auch in anderer Form, längst Teil unseres Lebens geworden, wenn man alleine an jene Menschen denkt, die an Burn-Out leiden und die durch Überarbeitung oder Stress in die Depression getrieben werden.

In einem Land wie Japan hält sich das Bild des Arbeiters, der nach dem Motto „Lebe, um zu arbeiten“ seine ganze Zeit der Firma oder Fabrik opfert. Das damit einhergehende Aufstiegsversprechen, ähnlich wie im Mythos des Amerikanischen Traums, lebt immer noch fort in den überfüllten U-Bahnen und Wolkenkratzern, in denen ein Heer von Arbeitern wie fleißige Ameisen einer Tätigkeit nachgehen. Auch Filmemacher Tokachi Tsuchiya hat solche Menschen in seinem Freundeskreis, doch welche Kehrseite diese Arbeitswelt haben kann, wurde ihm mehr als deutlich, als einer seiner besten Freunde Selbstmord beging. Immer wieder hatte dieser über die Zustände in seiner Firma geklagt, deren Chefs ihn wie auch andere ausbeuteten, ihnen Teile des Gehalts nichts auszahlten und diese gar bedrohten, sollten diese mit irgendjemandem über die Zustände im Betrieb reden. Aus Trauer und Wut über diesen Zustand, den viele in Japan einfach akzeptieren, entstand die Idee zum Film An Ant Strikes Back, der in der diesjährigen Nippon Connection gezeigt wird.

Von fleißigen Ameisen und der menschlichen Würde
Jedoch konzentriert sich Tsuchiyas Dokumentation nicht auf das Leben und den Tod seines Freundes, sondern erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der im Film den Namen Nishimura trägt. Nach dem Studium und einer erfolglosen Jobsuche, bewirbt er sich bei der „Busy Ant Moving Company“, einem Umzugsunternehmen, in dem er zunächst als Packer, später dann im Verkauf und im Management arbeitet. Ein schwerer Verkehrsunfall, den der völlig überarbeitete und übermüdete Nishimura verursachte, bringt einen Wendepunkt, denn in einem Gespräch mit einer Funktionärin der Precariat Union, einer Gewerkschaft, wird ihm vor Augen geführt, wie er systematisch von der Firma ausgebeutet wurde, seine Ehe und seine Gesundheit unter den drakonischen, unwürdigen Arbeitsmethoden gelitten hatten. Kurzerhand beschließt Nishimura, sich dies nicht mehr länger gefallen zu lassen und für seine Rechte zu kämpfen, was für ihn der Beginn eines langen Kampfes ist gegen einen schier übermächtigen Gegner.

Wie bereits Tsuchiyas Motivation hinter der Dokumentation vermuten lässt, ist An Ant Strikes Back ein sehr persönlicher Film. Das Engagement vor und hinter der Kamera übertragen sich nach kurzer Zeit auf den Zuschauer dank der Persönlichkeit Nishimuras, eines freundlichen jungen Mannes, dessen Humor und Aufrichtigkeit einen direkt für ihn und seine Sache einnehmen. Dennoch begeht man einen Fehler, wenn man meint, der Film würde sich nur um ihn drehen, denn spätestens wenn man sieht, wie die Firma gegen Nishimura und sein Vorhaben, sich zu wehren, vorgeht, erkennt man die Beispielhaftigkeit seines Falls. Sogar ihm selbst zeigt sich dieser Zusammenhang in Zufallsbegegnungen und kurzen Gesprächen mit Passanten, die ihm Mut zusprechen und ihm teilweise von ihrem eigenen Schicksal berichten.

Der Kampf Nishimuras ist gleichzusetzen mit dem von David gegen Goliath, eine unbedeutende Ameise wehrt sich gegen ein mächtiges System. Neben einer humoristischen Anspielung auf den Namen der Umzugsfirma, verweist das Bild der emsig arbeitenden Ameise, die im Strom des Kollektivs untergeht, auf eben jene Arbeitsmentalität, die viele Männer wie Nishimura aus Not heraus, wegen wirtschaftlicher Aspekte und um nicht als Versager in den Augen der Gesellschaft zu gelten, akzeptiert haben. So ist An Ant Strikes Back auch die Geschichte eines Umdenkens und einer Erkenntnis, dass man nicht alles hinnehmen muss, insbesondere, wenn es heißt würdelos behandelt zu werden.

Credits

OT: „An Ant Strikes Back“
Land: Japan
Jahr: 2019
Regie: Tokachi Tsuchiya
Kamera: Tokachi Tsuchiya

Bilder

Trailer

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An Ant Strikes Back
"An Ant Strikes Back" ist eine mutmachende Dokumentation über einen Mann, der sich gegen die Ausbeutung in der Berufswelt wehrt und damit gegen ein System stellt. Mag man Tsuchiya Tokachis Film auch sein hohes Maß an Subjektivität ankreiden, so ist dieser persönliche und engagierte Ton seines Films auch ein Teil seiner Anziehung.
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