Kritik

Es ist natürlich schön, wenn einem Filme so nahegehen, dass man im Anschluss noch über sie nachdenkt. Wenn etwas von ihnen zurückbleibt, anstatt reine Hintergrundbeschallung zu sein, die man schon mit dem Abspann wieder vergessen hat. So erging es Schauspieler und Nachwuchsregisseur Michael Kranz, als er eines Tages einen in Bangladesch gedrehten Dokumentarfilm sah. Darin war eine junge Zwangsprostituierte zu sehen, die im Interview ihr Schicksal beklagte und fragte, warum es so viel Leid auf dieser Welt gibt. Diese Frage ließ Kranz nicht mehr los, setzte sich in ihm fest, bis er die Entscheidung traf, selbst in das asiatische Land zu reisen und die Jugendliche ausfindig zu machen – begleitet von einer Kamera, welche die Reise festhält.

Ein solches Unterfangen hört sich zunächst einmal ein wenig gewagt an. Wie soll man Jahre später eine Jugendliche finden, deren Namen man nicht kennt und die sich inzwischen mit Sicherheit verändert hat? Tatsächlich gestaltet sich das auch ein bisschen schwierig, anfangs läuft Kranz zumindest vermeintlich ziellos durch die Straßen, zeigt Wildfremden den kurzen Videoschnipsel, den er auf seinem Handy hat, in der Hoffnung, dass sie jemand erkennt oder zumindest einen Tipp hat, wo man sie finden könnte. Das ist ein bisschen wie in einem Krimi, nur weniger effektiv – und weniger dramatisch. Was tun lässt es da ruhig angehen, zeigt erst einmal das Land und die Leute auf den Straßen.

Ein ständig wachsender Themenkomplex
Ohnehin ist die gesuchte Gesprächspartnerin gar nicht so sehr der Mittelpunkt des Films. Sie ist mehr der Anlass für die Reise, würde bei einem Spielfilm wohl als MacGuffin bezeichnet. Nicht dass ihr Schicksal belanglos wäre. Es ist jedoch nur eines von mehreren, die in Was tun aufgezeigt werden, ein Teilaspekt eines deutlich größeren Themenkomplexes. Das Leid, welches die Jugendliche in dem Dokumentarfilm beklagte, bezieht sich nicht allein auf Zwangsprostituierte. Im Laufe seiner Suche wird Kranz noch vielen anderen Menschen begegnen, die alle auf ihre Weise mit einem harschen System zu kämpfen, mit Unterdrückung, mit Diskriminierung.

Beispielsweise führt der Film vor Augen, wie unterschiedlich mit Jungen und Mädchen umgegangen wird. Während Erstere in dem staatlichen Heim noch relativ viele Freiheiten genießen, werden Letztere eingesperrt. Und auch wenn der Verantwortliche dies mit den Gefahren in Verbindung bringt, denen Mädchen in einem Land der Zwangsprostitution und Gewalt drohen, und sich gegen die Bezeichnung des Gefängnisses wehrt – er zieht die des Sicherheitsraums vor –, der Anblick der jungen Menschen hinter Gittern, deren einziges Verbrechen ihr Geschlecht ist, der geht einem schon nahe. Ebenso Geschichten von Misshandlungen durch die sogenannten Madames, die Leiterinnen von Bordellen und früher meist selbst Zwangsprostituierte.

Kleine Erfolge inmitten des Leids
Zeitweise zumindest macht der sehr persönlich gestaltete und kommentierte Dokumentarfilm, der auf dem DOK.fest München 2020 Weltpremiere hatte, wenig Hoffnung, dass sich etwas tun könnte. Schritte zur Besserung, die können nur im Kleinen gemacht werden. Doch eben das will Kranz mit Was tun aufzeigen: Man muss nicht immer die ganze Welt retten, schon ein einzelnes gerettetes Leben hat einen Wert – selbst wenn man gerne mehr erreicht hätte. Und solche Positivbeispiele finden sich hier durchaus. Ob es ein Mann ist, der sich für solche missbrauchten Kinder einsetzt, die Errichtung eines neuen privaten Heims oder die Zusammenführung von Familienmitgliedern, es sind die kleinen Erfolge, die Mut machen.

Zudem gibt der Dokumentarfilm einen Einblick in ein Land der Widersprüche. Kranz begegnet vielen freundlichen, hilfsbereiten Menschen, begegnet aber auch Korruption, scheinheiliger Moral und systematischem Missbrauch, jungen Mädchen, die zum Sex gezwungen werden und anschließend Ausgestoßene sind – also doppelt zu Opfern gemacht werden. Aus diesem Teufelskreis wieder auszubrechen, ist nicht einfach, zu sehr ist Bangladesch in alten Strukturen gefangen, selbst geschaffenen wie aufgezwungenen. Das Land gehört trotz zahlreicher Fortschritte in den letzten Jahren zu den ärmsten Asiens. Doch Was tun ermuntert dazu, sich deswegen nicht der Verzweiflung angesichts des großen Leids zu ergeben und auf ein Wunder zu hoffen, sondern nach Möglichkeiten zu suchen, wie man selbst etwas ändern kann, selbst etwas tun kann – ob nun daheim oder in der Fremde, bei Zwangsprostituierten oder anderen Menschen, die Hilfe gebrauchen können. Und das ist in Zeiten, die einen schnell verzweifeln lassen, schon eine Menge wert.

Credits

OT: „Was tun“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Michael Kranz
Musik: Vedanth Bharadwaj
Kamera: Dirk Richard Heidinger, Michael Kranz

Bilder



(Anzeige)

Was tun
„Was tun“ nimmt uns mit nach Bangladesch, wo wir nach einer bestimmten jungen Zwangsprostituierten suchen. Das beginnt als sehr spezifische Reise, wird dabei aber zu etwas Größerem. Der Dokumentarfilm zeigt uns das Land, zeigt vielfältige Probleme und traurige Schicksale, macht aber zugleich Mut, im Kleinen etwas zu verändern.
0ohne wert

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.