Kritik

Dispatches From Elsewhere

„Dispatches From Elsewhere – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 8. Mai 2020 (Amazon Prime Video)

Dass es so in seinem Leben nicht mehr weitergehen kann, das weiß Peter (Jason Segel) natürlich. Etwas muss sich ändern, da muss irgendwo ein Sinn auf ihn warten. Oder wenigstens etwas Neues. Und so lässt er sich nicht lange bitten, als er seltsame Nachrichten erhält und diesen folgt. Zumal er nicht der einzige ist: Bald macht er die Bekanntschaft von Simone (Eve Lindley), Fredwynn (Andre Benjamin) und Janice (Sally Field), die sich alle seiner Suche anschließen und an diesem Spiel teilnehmen. Und so jagen sie Hinweisen nach, gerade auch zu dem mysteriösen Unternehmen Jejune, schließen dabei Freundschaft – und müssen feststellen, dass vieles nicht so ist, wie sie es immer dachten …

Auch wenn sie in der öffentlichen Wahrnehmung immer etwas im Schatten der Netflix-Hits stehen, die interessanteren Serien fanden sich zuletzt bei Amazon Prime Video. Erst polarisierte Tales from the Loop, ein persönliches Drama und Porträt einer Gemeinschaft, das sich als Mystery-Science-Fiction getarnt hat. Dann zeigte uns Upload eine Zukunft, in der wir unser Bewusstsein nach dem Tod in eine virtuelle Realität verpflanzen können – mit satirischen Kommentaren zu unserer aktuellen Gesellschaft. Und nun kommt Dispatches From Elsewhere hinterher, die sich ebenfalls weigert, sich dem Genrediktat unterzuwerfen und auf der Suche nach dem Sinn die (un-)möglichsten Stationen abklappert.

Eigenwillig vom Anfang bis zum Schluss
Dass die Serie anders ist, anders sein will, das macht sie von Anfang an klar. So gibt Richard E. Grant als Erzähler zu Beginn jeder Folge eine kleine Einführung, macht sich dabei über Serienkonventionen lustig und spielt dann mit dem Publikum noch ein Spiel, wo und wann er Lügen einbaut – das kann er als Erzähler ja. Diese Szenen sind nicht die einzigen, wenn Dispatches From Elsewhere die Vierte Wand durchbricht. Das kommt immer wieder vor, zum Ende zertrümmert sie diese sogar, lässt Grenzen zwischen Fakt und Fiktion verschwimmen, wird fast schon zu einer Meta-Serie und Kommentar zum Geschichtenerzählen – und wird damit mit Sicherheit so manchen vor dem heimischen Bildschirm verärgern.

Aber schon vorher dürften viele auf den Bildschirm starren und sich fragen, was genau diese Serie eigentlich sein soll. Das liegt auch daran, dass Serienschöpfer Jason Segel (Die Muppets, Nie wieder Sex mit der Ex) jede Menge falsche Fährten legt. Die Geschichte beginnt mit dem Spiel und den diversen kuriosen Nachrichten, die überall verstreut werden. Das ist so überzogen, zumal auch noch von einer passend auf mysteriös gemachten Musik begleitet, dass das hier wie eine Parodie auf klassische Verschwörungsthriller à la Dan Brown wirkt. Verstärkt wird dieser Eindruck von den skurrilen Figuren, etwa dem paranoiden Fredwynn, der die Lösung des Spiels zu seiner Lebensaufgabe macht.

Nur gemeinsam ans Ziel
Doch Segel ging es eben um etwas anderes. Während das Quartett von einem Hinweis zum nächsten flitzt, wie eine große Schnitzeljagd, lernen sich die vier besser, lernen auch wir sie besser kennen. Die Folgen sind jeweils nach Figuren benannt, enthüllen nach und nach, mit wem wir es zu tun haben und was die einzelnen zum Teil der Geschichte werden ließ. Je weiter das Spiel voranschreitet, umso unwichtiger wird es. Dispatches From Elsewhere – auf Deutsch: Botschaften von Anderswo – erzählt von Menschen, die mit ihrem Leben hadern, keinen Platz für sich gefunden haben, teilweise zu Gefangenen ihrer Vergangenheit wurden. Und eben dies soll sich im Laufe der zehn Folgen ändern.

Dispatches From Elsewhere wandert so zwischen Drama und Komödie umher, ist klassisches Mystery, verbunden mit futuristischen Science-Fiction-Elementen. Und das ist nicht der einzige Punkt, der die Serie zu etwas Besonderem macht: Auch stilistisch macht man hier alles mit, nutzt beispielsweise Animationen, um die Geschichte zu erzählen, als Alternative zu der parallel stattfindenden Realität. Das ist nicht nur für die Fans verschrobener Filme und Serien etwas. Das Abenteuer ist zugleich eine der heilsamsten Produktionen der letzten Zeit: Segel und sein fantastisches Schauspielensemble suchen hier die Balance aus Individualismus und Gemeinsamkeit, finden Schönheit in jedem Einzelnen, vor allem aber in dem Miteinander, das uns jeden Tag begegnet – sofern wir es denn zulassen. Das wird ungeniert emotional, ist dabei von einer so entwaffnenden Herzlichkeit, so sehr daran gelegen, wirklich jedem einen Platz zu geben, dass die Serie zu dem perfekten Gegenmittel wird, wenn da draußen wieder Hass und Wut und Angst herrschen, jeder nur für sich selbst kämpft, anstatt es gemeinsam zu versuchen.

Credits

OT: „Dispatches From Elsewhere“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Jason Segel, Wendey Stanzler, Michael Trim, Alethea Jones, Ariel Kleiman, Marta Cunningham, Keith Gordon, Charlie McDowell
Drehbuch: Jason Segel, Jordan Harrison, Qui Nguyen, Mark Friedman, Eva Anderson, Ashley Lyle, Bart Nickerson
Musik: Atticus Ross, Leopold Ross, Claudia Sarne
Kamera: D.J. Stipsen, Glenn Brown, Jakob Ihre
Besetzung: Jason Segel, Eve Lindley, Andre Benjamin, Sally Field, Richard E. Grant, Cecilia Balagot, Cherise Boothe

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Dispatches From Elsewhere – Staffel 1
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Dispatches From Elsewhere – Staffel 1
„Dispatches From Elsewhere“ wandert zwischen den verschiedensten Genres umher, wenn eine Gruppe von Menschen am einem seltsamen Spiel teilnimmt, das sie wie eine Schnitzeljagd durch die Stadt führt. Stilistisch ebenso verspielt wird daraus eine der ungewöhnlichsten Serien der letzten Zeit – aber auch eine der heilsamsten, wenn beim Niederreißen aller Wände und Mauern die Leute zusammenfinden und dabei sich selbst finden.
8von 10

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