Kritik

Lucy

„Lucy“ // Deutschland-Start: 14. August 2014 (Kino) // 12. Januar 2015 (DVD/Blu-ray)

Eigentlich wollte Lucy (Scarlett Johansson) ja nur einen Koffer für ihren Freund Richard (Pilou Asbaek) abgeben. Keine große Sache, dafür aber enorm profitabel – so versprach er es. Doch dann kommt alles anders. Der Drogenbaron Mr. Chang (Min-sik Choi) macht kurzen Prozess mit Richard und zwingt Lucy dazu, in ihrem Magen eine neue synthetische Superdroge zu transportieren und so nach Europa zu schmuggeln. Als sie kurze Zeit später zusammengeschlagen wird, setzt dies die Drogen frei und weckt in ihr bislang völlig unbekannte Kräfte. Nun gilt es für sie, mit dem renommierten Hirnforscher Samuel Norman (Morgan Freeman) Antworten zu finden, während sie gleichzeitig vor den Schergen Changs flieht …

Luc und die starken Frauen. Dass der französische Regisseur Luc Besson ein Faible weibliche Badass-Charaktere hat, das hat er im Laufe seiner Karriere mehrfach bewiesen, etwa in Nikita oder Anna, in denen jeweils eine Auftragsmörderin die Hauptfigur war. Dazwischen setzte er auch in Johanna von Orleans der heimischen Nationalheiligen ein Denkmal. Doch so übertrieben diese Charaktere teilweise auch auftraten, sie waren doch nichts gegen Lucy. Die durfte nicht nur wie ihre Kolleginnen jeden Mann im Alleingang umnieten, teils sogar ganze Horden. Bei ihr hatten nicht einmal mehr die Naturgesetze etwas zu sagen.

Ich denke, also bin ich allmächtig
Dem liegt der immer wieder gern vorgetragene moderne Mythos zugrunde, dass der Mensch nur zehn Prozent seiner Hirnkapazität zu nutzen weiß. Das lässt einen natürlich immer wieder spekulieren, was alles möglich wäre, wenn man das ungenutzte Potenzial anzapfen könnte. Besson, der bei Lucy auch das Drehbuch geschrieben hat, hat hierfür eine Antwort. Und die lautet: eigentlich alles. Nicht allein, dass die Titelheldin auf einmal Kampferfahrung hat und über eine gesteigerte Wahrnehmung verfügt, nachdem sie anfangs weinerlich und ängstlich auftritt. Auch Telepathie und mentale Zeitreisen sind kein Problem, hinzu kommen transformative Kräfte, von denen man nicht genau weiß, was sie eigentlich sind.

Aber das gilt für das meiste hier. Für einen Film, der so viel von Gehirn und mentalen Fähigkeiten redet, ist es schon irgendwie ironisch, dass er vom Publikum verlangt, eben selbes auszuschalten. Anders gesagt: Lucy ist ein schrecklich blöder Film. Erklärungen liefert Besson keine, er nutzt die Drogen und den Mythos lediglich dafür, seiner Figur die absurdesten Fähigkeiten geben zu dürfen, ohne sich in irgendeiner Weise dafür rechtfertigen zu müssen. Das ist im Grunde nicht anders als bei den diversen Superhelden-Comics bzw -Filmen. Siehe Spider-Man, wo eine radioaktiv verseuchte Spinne durch ihren Biss auf einmal Superkräfte weckt. Das kann man gut ignorieren, sollte man auch. Schwierig wird es aber, wenn ein Film gleichzeitig so tut, als wäre er intelligent und irgendwelche pseudotiefgründigen Belanglosigkeiten von sich gibt. Wenn man schon Kopfaus-Trash macht, sollte man wenigstens dazu stehen.

Viel Spektakel, wenig Spannung
Doch die haarsträubenden Ereignisse von Lucy sind gar nicht mal das eigentliche Problem. Tatsächlich kann man mit diesen wenigstens noch seinen Spaß haben, wenn der Film von Minute zu Minute absurder wird. Schwieriger ist, dass er so gar keine Spannung erzeugt. Geschichten tun sich natürlich immer ein wenig schwer damit, wenn die Hauptfigur – wahlweise der Antagonist – quasi unzerstörbar sind. Denn das nimmt das Ergebnis immer vorweg. Wenn sich Lucy also mit lauter namenlosen, profillosen Gegner anlegt, dann entsteht daraus keine Dramatik, man weiß ja schließlich, worauf alles hinausläuft. Der Weg dorthin ist brachial, nervenaufreibend eher weniger.

Leider ist aber auch Lucy selbst ohne jegliches Profil. Die durchaus genreaffine Scarlett Johansson (Ghost in the Shell, Under the Skin) mag hier viele Fähigkeiten entwickeln. Eine Persönlichkeit ist unter diesen Neuerwerbungen jedoch nicht dabei, Charisma auch nicht. Anders als bei besagten Comic-Verwandten hat man hier nie das Bedürfnis, tatsächlich Zeit mit der Figur als solchen zu verbringen. Bessons Vorstellung einer starken Frau ist die, dass sie einem Roboter ähnlich ihre Arbeit macht – was angesichts der Vergewaltigungsvorwürfe gegenüber dem Regisseur eine sehr unangenehme Note entwickelt. All das kann man natürlich ausblenden, die inhaltlichen Schwierigkeiten, die fehlenden Charaktere, und Lucy einfach nur als temporeiches Spektakel annehmen. Aber selbst dann bietet der Film von einigen späteren visuellen Spielereien einmal abgesehen viel zu wenig, ist trotz der kurzen Laufzeit von nicht einmal anderthalb Stunden vergleichsweise langweilig und weit von dem Adrenalin-Trip entfernt, der er sein möchte.

Credits

OT: „Lucy“
Land: Frankreich
Jahr: 2014
Regie: Luc Besson
Drehbuch: Luc Besson
Musik: Éric Serra
Kamera: Thierry Arbogast
Besetzung: Scarlett Johansson, Morgan Freeman, Min-sik Choi, Amr Waked

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Lucy
4.13 (82.5%) 8 Artikel bewerten

Lucy
In „Lucy“ nimmt eine Frau gegen ihren Willen eine Überdosis einer neuen Hightech-Droge und entwickelt daraufhin Superfähigkeiten. Der Film schmückt sich mit existentiellen Überlegungen, ist letztendlich aber nur absurdes, pseudotiefgründiges Spektakel. Und selbst als solches funktioniert er nicht so wirklich, da aufgrund der Unbesiegbarkeit der Titelfigur keine Spannung auftritt und diese zudem völlig ohne Persönlichkeit und Charisma bleibt.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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