Kritik

Liam Gallagher As It Was

„Liam Gallagher: As It Was“ // Deutschland-Start: 24. April 2020 (DVD)

Der Dokumentarfilm Liam Gallagher: As It Was begleitet das enfant terrible der britischen Musikszene beim Versuch, sich nach dem Ende seiner Bands Oasis und Beady Eye auch als Solokünstler zu behaupten und zu etablieren. Nicht ohne Pathos, aber dafür erstaunlich offen zeigt die Rockumentary einen verletzlichen Mann zwischen Familie und Fans, zwischen Wohnzimmer und Bühne, zwischen Selbstzweifeln und Größenwahn.

Trennungsschmerz
Über den musikalischen Stellenwert von Oasis ist eigentlich alles gesagt. Über den Zwist zwischen den Gallagher-Brüdern Liam und Noel erst recht. Umso erstaunlicher daher, dass Liam Gallagher: As It Was dieses Fass doch noch einmal aufmacht. Im fragmentarischen Schnelldurchlauf wird der beispiellose Aufstieg von Oasis in den 90er Jahren nacherzählt, dann ein abrupter Schnitt und die Einblendung „Paris 2009“. Eingeweihte wissen sofort, was jetzt kommt: der große Crash zwischen den gleichermaßen temperamentvollen Brüdern, der zum Ende von Oasis führte.

Songwriter Noel Gallagher, der damals die Band verließ, kommt im Film – wenig überraschend – nicht zu Wort und ist lediglich in Form von Archivaufnahmen anwesend. Erzählt wird die Trennungsgeschichte aus der Sicht von Liam, unterstützt von seinem Freund (und Ex-Oasis-Gitarrist) Paul Arthurs alias „Bonehead“ sowie dem dritten Gallagher-Bruder, Paul. Vielleicht ist diese Rückblende ein erzählerisches Zugeständnis an die Nachgeborenen, vielleicht aber auch ein Zeichen dafür, dass der Stachel bei Liam nach wie vor tief sitzt. Dass Bruder Noel „seine Band“ zerstört hat, nagt merklich an Liam. Eine Texttafel verrät, dass die beiden sich seit der Trennung 2009 bis zum heutigen Tag nicht wiedergesehen haben.

Rise and Fall (and Rise)
Liam verlor nach dem Aus von Oasis keine Zeit und gründete beinahe trotzig mit den übrigen verbliebenen Oasis-Mitgliedern die Band Beady Eye. Womöglich, so legt es der Film nahe, eine Art Übersprungshandlung, die eine tiefere Auseinandersetzung Gallaghers mit dem Ende von Oasis verhinderte. Beady Eye konnten an die (zugegebenermaßen außergewöhnlichen) Erfolge von Oasis nicht anknüpfen. Grund dafür war nicht zuletzt das Fehlen von Songscheiber Noel. Das Experiment Beady Eye scheitert ebenso wie Liams Ehe. Es ehrt den Film, dass er daraus keinen Hehl macht und nicht versucht, Liams Post-Oasis-Zeit als geradlinige Erfolgsgeschichte zu inszenieren. Die Aufnahmen aus dieser Zeit zeigen einen desillusionierten und orientierungslosen Mann, für den vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben nicht alles läuft wie geschmiert.

Doch dem Tiefpunkt folgt natürlich das Comeback. Ermuntert von seiner neuen Lebensgefährtin Debbie beginnt Liam, selbst neue Songs zu schreiben. Als Songwriter war der geborene Performer bis dato nur sporadisch in Erscheinung getreten. Natürlich mit Band im Rücken, aber eben doch als Solokünstler nimmt Liam ein Album auf. Das mit Spannung (und nicht ohne Skepsis) erwartete neue Material wird im Mai 2017 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Kurz zuvor hatte ein Terroranschlag während eines Konzerts der Sängerin Ariana Grande Manchester, die Heimatstadt der Gallaghers, erschüttert. Beim darauffolgenden Benefzizkonzert „One Love Manchester“ legte Liam einen umjubelten Auftritt hin, doch um die Welt gingen insbesondere die Aufnahmen von Bürger*innen Manchesters, die in ihrer Trauer spontan und kollektiv Oasis-Songs anstimmten und so von der immensen Bedeutung dieser Band zeugen.

Familienbande
Interessanterweise ist im gesamten Film kein einziger Oasis-Song zu hören. Der Fokus liegt merklich auf dem Neustart einer zwischendurch ins Stocken geratenen Karriere. Dass dieser jedoch nicht voller Pathos als triumphale Auferstehung zelebriert wird, tut dem Film gut. So verschweigt die Rockumentary bis zuletzt nie die zermürbende Langeweile und den Leerlauf des Touralltags und zeigt wiederum einen Liam Gallagher, der alles andere als eine unantastbare Rock-Ikone ist. Immer wieder zeigt sich auch die Zerbrechlichkeit eines Unternehmens, ja einer ganzen Existenz, die letztlich vom Funktionieren einer unverwechselbaren Stimme abhängt. Letztlich jedoch ist die Karriere nicht das Entscheidende. Das letzte Viertel des Films zeigt Liam als liebevollen Familienmenschen, der seine Versäumnisse in der Vergangenheit bereut, sie wiedergutzumachen versucht und dabei auf keinem schlechten Weg zu sein scheint. Zwar trägt As It Was natürlich seinen Teil zur Legendenbildung um Liam Gallagher bei, aber man glaubt der Person ihm aufs Wort, wenn er beteuert: „Ich mache das nicht für mehr Ruhm – ich bin berühmt genug. Ich mache es nicht für Geld. Ich mache es, weil ich die Musik liebe.“

Credits

OT: „Liam Gallagher: As It Was“
Land: Großbritannien
Jahr: 2019
Regie: Gavin Fitzgerald, Charlie Lightening
Musik: Liam Gallagher, Tom Jenkins
Kamera: Jj Rolfe
Beteiligte: Liam Gallagher, Paul Gallagher, Peggy Gallagher, Debbie Gwyther, Paul Arthurs

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Liam Gallagher: As It Was
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Liam Gallagher: As It Was
„Liam Gallagher: As It Was“ zeichnet das Bild eines gereiften und vielleicht sogar geläuterten Künstlers, der sich dennoch immer treu geblieben ist. Zwar schwebt der überlebensgroße Schatten namens Oasis über allem, doch Liam Gallagher scheint mit sich und seiner Vergangenheit ausgesöhnt. Die geradlinige und unprätentiöse Rockumentary ist daher nicht nur für Britpop-Fans absolut sehenswert.
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