Kritik

Honey Boy

„Honey Boy“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Dieses Mal muss es endlich klappen: Als der berühmte Schauspieler Otis Lort (Lucas Hedges) in eine Einrichtung gesteckt wird, um seine langjährigen Alkoholprobleme in den Griff zu bekommen, wird ihm gleich zu Beginn klar gemacht, dass dies seine letzte Chance ist. Entweder er stellt sich der Sache oder er kommt in den Knast. Also kommt er der Aufforderung nach, stellt sich seinen inneren Dämonen. Dabei kehren seine Gedanken immer wieder zu seiner Kindheit zurück. Schon als Kind stand Otis (Noah Jupe) vor der Kamera, angestachelt von seinem Vater James (Shia LaBeouf), einem ehemaligen Rodeo Clown. Einfach war die Zeit nicht, Otis litt unter der hässlichen Trennung seiner Eltern und den Ausfällen seines Vaters – vor allem als der anfing, Drogen und Alkohol zu verfallen …

Für die einen sind Filme eine Möglichkeit, den Alltag zu vergessen und sich einfach eine Zeit lang unterhalten zu lassen. Andere sind eher dafür da, das Publikum herauszufordern, auf Missstände aufmerksam zu machen oder in irgendeiner Form die Realität da draußen einzufangen. Dann und wann stolpert man aber auch über etwas, das weder das eine, noch das andere ist. Ein Werk, das so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, so persönlich, dass nicht mehr klar ist, ob beim Dreh überhaupt an ein Publikum gedacht wurde. Das muss nicht unbedingt ein Mangel sein, wie Honey Boy beweist, eine der faszinierendsten und kuriosesten, dabei emotionalsten Filmerfahrungen der letzten Zeit.

Eine filmische Therapiestunde
Verantwortlich hierfür ist Shia LaBeouf. Der war selbst als Jugendlicher bereits Schauspieler, wurde mit Transformers zum Star, war in den letzten Jahren jedoch in erster Linie aufgrund seiner eigenwilligen Kunstexperimente, juristischen Probleme und Alkoholexzesse in den Schlagzeilen. Tatsächlich geht Honey Boy aus eben diesen Exzessen hervor, LaBeouf schrieb das Drehbuch als eine Form von Therapie, während er auf Entzug war. Die Geschichte des Dramas ist dabei von seinem eigenen Leben inspiriert, der Film ist seine Form der Aufarbeitung. Und als wäre das nicht schon genug Nabelschau, übernimmt er auch noch die Rolle des Vaters – und damit seinen eigenen Vaters.

Über die psychologische Komponente eines solchen Werks und die sich daraus ergebenden Implikationen könnte man natürlich ewig diskutieren. Die dringendere Frage für das Publikum lautet jedoch: Lohnt sich das? Bringt der Film auch Leuten etwas, die sich nicht mit den Querverweisen auseinandersetzen wollen? Glücklicherweise lautet die Antwort hier „ja“, ohne größere Einschränkungen. Honey Boy ist ein Film über einen konkreten Schauspieler und dessen Kindheit. Es ist aber auch ein faszinierendes Drama um ein schwieriges Verhältnis und wie wir unsere Schmerzen an andere weitergeben, in uns herumtragen, davon beeinflusst werden, ohne uns dessen immer bewusst zu sein.

Ein Leben zwischen gestern und heute
Immer wieder wechselt der Film, der 2019 in Sundance Weltpremiere hatte, zwischen den beiden Zeitebenen hin und her, zeigt Otis mal als Kind, mal als einen jungen Mann. Ob sich Noah Jupe (A Quiet Place) und Lucas Hedges (Ben Is Back) nun wirklich ähnlich sehen, darüber kann man geteilter Meinung sein. Doch Regisseurin Alma Har’el findet auch andere Wege, um die beiden Verkörperungen miteinander zu verknüpfen. Das kann in Form von Flashbacks sein oder auch Wiederholungen von Erfahrungen. Manchmal sind die Übergänge etwas abrupt und forciert, in anderen Fällen hat das Drama eine leicht traumartige Atmosphäre, wenn die Verbindungen einer intuitiven, assoziativen Logik folgen.

Dazu passt auch die gezeigte Ambivalenz in dem Verhältnis zwischen Vater und Sohn: Auf der einen Seite kümmert er sich um ihn, gleichzeitig misshandelt er ihn. Momente der Zärtlichkeit und Fürsorge wechseln sich mit gewalttätigen Ausbrüchen ab, die oft aus dem Nichts zu kommen scheinen. Selbst James weiß oft nicht, wie ihm geschieht, wenn Zuneigung und Eifersucht im Wettstreit stehen, er selbst immer mehr die Kontrolle verliert. Honey Boy benennt die Abgründe, ohne sie zu beschönigen, aber auch ohne den Menschen dämonisieren zu wollen, der selbst einmal ein Opfer war. LaBeouf stellt sich dem Thema, den Nuancen, auf der Suche nach seinem Vater und sich selbst, und demonstriert dabei erneut, dass er einer der spannendsten Filmkünstler unserer Zeit ist. Auch wenn der zwangsläufig voyeuristische Blick auf ein von Problemen geprägtes Leben manchmal unangenehm und erschreckend ist, so hat diese Therapiestunde doch auch etwas Heilsames an sich.

Credits

OT: „Honey Boy“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Alma Har’el
Drehbuch: Shia LaBeouf
Musik: Alex Somers
Kamera: Natasha Braier
Besetzung: Shia LaBeouf, Lucas Hedges, Noah Jupe, FKA Twigs

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Film Independent Spirit Awards 2020 Beste Regie Alma Har’el Nominierung
Bester Nebendarsteller Shia LaBeouf Nominierung
Noah Jupe Nominierung
Beste Kamera Natasha Braier Nominierung
Gotham Awards 2019 Bester Nachwuchsdarsteller Noah Jupe Nominierung

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Honey Boy
4.13 (82.5%) 16 Artikel bewerten

Honey Boy
Shia LaBeouf dreht einen Film über seine schwierige Kindheit und spielt dabei seinen eigenen Vater? Das hört sich ziemlich kaputt an. „Honey Boy“ überzeugt jedoch als vielschichtiges Drama über einen innerlich zerrissenen Mann und die Schmerzen, die wir unser Leben lang mit uns herumtragen, ohne es immer zu wissen. Das schwankt zwischen direkt und eher traumartig, bleibt aber immer faszinierend.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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