Kritik

Ueber die Unendlichkeit

„Über die Unendlichkeit“ // Deutschland-Start: 17. September 2020 (Kino)

Viele verschiedene Momente sind durch die Erzählerin miteinander verknüpft, die sich an alltägliche Ereignisse, Tragödien wie auch heitere Situationen erinnert. Sie erinnert sich an einen Mann, der seinen alten Schulfreund eines Tages durch Zufall wiedersieht und diesen grüßt, aber keine Antwort erhält. Ein junges Mädchen ergreift zum ersten Mal die Hand des Jungen, den sie seit langem anbetet. Ein anderer Mann bindet seiner Tochter, die er zu einer Geburtstagsparty begleitet, im Regen die Schuhe. Und wieder eine andere Episode zeigt einen Moment im Führerbunker, als der sichtlich erschöpfte Adolf Hitler von seinen ebenfalls müden Generälen begrüßt wird. Auf der anderen Seite sehen wir deutsche Soldaten, wie sie in Reih und Glied in ein Kriegsgefangenenlager ziehen.

Über das Erhabene
Eine Geschichte zu erzählen, die so gut ist, dass man als Zuschauer gar nicht will, dass der Film aufhört, ist ein wunderschöner Gedanke, den wahrscheinlich jeder Geschichtenerzähler, unabhängig vom Medium, schon einmal hatte. Dies schient aber der Gedanke gewesen zu sein, der den schwedischen Regisseur Roy Andersson bei seinem neuen Film Über die Unendlichkeit anleitete. Inspiriert von den Geschichten Scheherazades aus Tausendundeine Nacht sowie Werken wie Alain Resnais Hiroshima mon amour sucht Andersson jene Momente der Erhabenheit, des Glücks und der Tragik in unserem Alltag und überwindet hierbei Grenzen von Zeit und Raum. Auch ins Fantastische driftet der Film immer wieder.

Vom Aufbau her lässt sich Über die Unendlichkeit in vielen Aspekten mit Anderssons Songs from the Second Floor vergleichen, der auch einer nicht-linearen Form folgte. Zusammengehalten durch das Voice-over sind die einzelnen Vignetten eine Art Flickenteppich der Momente: Aufnahmen, Begegnungen und Kuriositäten. Ähnlich wie die einzelnen Figuren erlebt man als Zuschauer, so man sich auf Anderssons Bilderreigen einlässt, das Besondere an jeder Situation, jenen Moment, der diese erhebt und speziell macht. Die vermeintliche Unverbundenheit der Szenen wird letztlich zu einer Einheit von Möglichkeiten des Glücks sowie der Trauer und der großen Liebe.

Unendliche Geschichten
Passend zu der Art vieler der Episoden bleibt das Visuelle bei Anderssons meist minimalistisch. Gergely Pálos’ Kamera bleibt statisch und verleiht den Bildern, nicht zuletzt durch die Musik Henrik Skrams, eine Atmosphäre, die in ihren schönsten Momenten an die Gemälde eines Edward Hopper erinnert, der auch jene Zwischenstationen in unserem Alltag oder unserem Leben porträtierte. Die Begegnung mit dem einstigen Schulfreund wird zu einer Begegnung mit einem Moment der Feigheit und der Schuld während der simple Akt des Schuhbindens eine berührende Geste wird.

Doch diese Geschichten vergehen nicht. Ihre Komik, ihre Trauer und ihre Freude verbleibt im Film und in unserer Welt. An einer Stelle zeigt der Film zwei Studenten bei der Vorbereitung auf eine Prüfung, wobei einer von ihnen jenen Satz der Thermodynamik zitiert, nach dem Energie unendlich ist und bleibt. Daneben beobachten wir einen Pfarrer, dessen tiefe Glaubenskrise, auf der einen Seite eine tiefe Tragik hat, aber dann auch wieder an den ewigen Kreislauf des Zweifelns und des Irrens erinnert, der unsere Leben ausmacht.

Credits

OT: „Om det oändliga“
Land: Schweden, Deutschland, Norwegen
Jahr: 2019
Regie: Roy Andersson
Drehbuch: Roy Andersson
Musik: Henrik Skram
Kamera: Gergely Pálos
Besetzung: Martin Serner, Bengt Bergius, Anja Broms, Thore Flygel, Jan-Eje Ferling

Bilder

Trailer

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Über die Unendlichkeit
4 (80%) 18 Artikel bewerten

Über die Unendlichkeit
„Über die Unendlichkeit“ ist ein Episodenfilm über Momente und Begegnungen in unserem Leben. Die offene Form sowie der bekannte Minimalismus Roy Anderssons machen seinen Film zu einem sehr glücklich machenden, berührenden Erlebnis.
9von 10

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