Kritik

Der Islam der Frauen

„Der Islam der Frauen“ // Deutschland-Start: 1. April 2020 (TV)

Schon seit vielen Jahren ist der Ruf nach einer Reformation des Islam in vielen Teilen der Welt laut geworden. Nicht erst seit den Terroranschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo oder dem Aufkommen des Islamischen Staats fragt sich der Westen, wie umzugehen ist mit einem radikalisierten Islam, bisweilen sogar mit dem Islam überhaupt. Es sind diese in den Medien verbreiteten Taten, aber auch der Alltag auf den Straßen eines Landes, welcher die weite Kluft deutlich macht, wenn es darum geht, wie man Muslimen begegnet und wie sie sich selber wahrnehmen. Dies ist nach wie vor eine zentrale Herausforderung, die unser Land wie auch viele andere noch deutlich länger beschäftigen wird als jedes Virus.

In ihrer Dokumentation Der Islam der Frauen, welche Anfang April auf Arte zu sehen sein wird, versammelt Nadja Frenz verschiedene Stimmen zu den Fragen, ob eine Reformation des Islam möglich sein kann und wenn ja, wie diese aussehen sollte. Zum Kreis ihrer Interviewpartner gehören Künstlerinnen wie Safa Al Belushi, die Architektin Aysha Farooq oder die deutsche Autorin Sineb El Masrar, um nur drei Beispiele zu nennen. Darüber hinaus wirft ihre Dokumentation einen Blick auf die Entwicklung einzelner Länder wie Tunesien oder Marokko, wo sie nicht zuletzt anhand derer Geschichte aufzeigt, ob es Bestrebungen hin zu einer liberaleren Auslegung des Koran gibt. Hierzu befragt sie auch Koranwissenschaftler, die einen Einblick in ihre Arbeit und die verschiedenen Lesarten der heiligen Schrift des Islam geben am Beispiel einzelner Suren.

Von außen oder innen heraus
Nach nur wenigen Minuten in Frenz’ Dokumentation erhält der Zuschauer eines der zentralen, wegweisenden Bilder des Filmes. Eine Künstlerin legt zunächst ihr Kopftuch an, nur um es gleich wieder abzunehmen. Der veränderte Blick auf die Frau, eine Künstlerin, die im Interview ihre Arbeit beschreibt, soll demonstrieren, wie die Frau oft im Islam gesehen wird und wie sie der Westen geprägt von Vorurteilen immer wieder sieht. Die Verhüllung wird zu einer Bestätigung der Tabuisierung des weiblichen Körpers im Islam, der, gestützt auf die Auslegung einer entsprechenden Sure im Koran, die Sünde, die Verführung im Körper sieht und ihn vereinnahmt. Der Körper wird sexualisiert und zum Objekt eines vornehmlich maskulinen Moraldiktats.

Diese und andere Symbole, Traditionen und Meinungen finden sich immer wieder in Frenz’ Dokumentationen, die sich über vor allem über die Stellungnahmen der einzelnen Interviewpartner hinarbeitet zu den politischen Dimensionen des Islam und damit zu der Möglichkeit der Reformation. Interessant ist hierbei, dass es Frenz nicht um eine Art Konsens geht, fängt ihre Kamera doch auch Widersprüche, wenn es darum geht, ob eine Veränderung des Islam von außen oder innen möglich ist. Manche schließen eine solche Möglichkeit gar vollends aus.

Zentral ist in Der Islam der Frauen, dass der Zuschauer mit dem Irrtum konfrontiert wird, dass es im Film nur um Feminismus geht. Immer wieder wird deutlich gemacht, dass es um die Freiheit des Körpers geht und um das Zusammenleben in der Moderne, welches ein Großprojekt wie eine Reformation notwendig macht und auf die globale Agenda setzt.

Credits

OT: „Der Islam der Frauen“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Nadja Frenz
Drehbuch: Nadja Frenz
Musik: Kolja Erdmann, Wndrss
Kamera: Isabelle Casez, Dennis Wienecke

Bilder



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Der Islam der Frauen
„Der Islam der Frauen“ ist eine spannende, sehr informative Dokumentation, die Fragen aufwirft, Ansätze für Antworten gibt und die Themen des Films für jeden greifbar macht. Nadja Frenz gelingt ein Rundumblick über die Bestrebungen hin zu einer Reformation des Islam, die mehr als eindrücklich betont, wie wichtig ein solcher Schritt für die Zukunft ist.
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