Kritik

Der Fall Richard Jewell

„Der Fall Richard Jewell“ // Deutschland-Start: 25. Juni 2020 (Kino)

Schon immer hatte Richard Jewell (Paul Walter Hauser) davon geträumt, bei der Polizei für Recht und Ordnung zu sorgen. Wirklich geklappt hat das bislang aber nicht, immer wieder steht ihm sein eigener Übereifer im Weg. Eines Tages wird er genau deswegen jedoch zum Helden, als er während eines Konzerts eine verdächtige Tasche entdeckt, die sich tatsächlich als Bombe herausstellt. Zuerst von den Medien gefeiert, rückt er jedoch bald in den Mittelpunkt der Ermittlungen, denn FBI-Agent Tom Shaw (Jon Hamm) ist davon überzeugt, dass Jewell selbst die Bombe platziert hat, um am Ende als Held dazustehen. Und auch die Medien stürzen sich auf ihn, allen voran die ehrgeizige Journalistin Kathy Scruggs (Olivia Wilde). Lediglich der Anwalt Watson Bryant (Sam Rockwell), den er noch von früher kennt, steht ihm zur Seite während der folgenden Hetzjagd …

Zuletzt hat Clint Eastwood offensichtlich Gefallen daran gefunden, die Lebensgeschichten der unterschiedlichsten Menschen zu erzählen. Eine wirkliche rote Linie ist, abgesehen von dem Bezug auf wahre Ereignisse, jedoch nicht immer zu erkennen. Tendenziell befasst er sich mit Helden, seien es Piloten (Sully) oder Menschen, die Attentäter unschädlich machen (15:17 to Paris). Kontroverser ist schon sein Porträt eines Scharfschützen in American Sniper. Und dann wäre da noch The Mule, ein Film über einen 90-Jährigen, der Karriere als Drogenschmuggler macht und auf befremdliche Weise von Eastwood als der Gute inszeniert wird.

Eine klasse Besetzung
Da passt Der Fall Richard Jewell natürlich ins Programm, wenn sich Eastwood erneut eine reale Geschichte herauspickt und auf der Leinwand verdichtet. Geplant war die Adaption schon länger, eine Reihe von Schauspielern und Regisseuren waren mit dem Projekt verbunden. Geschadet haben die diversen Neustarts aber nicht. Vor allem in Hinblick auf die Besetzung mag man sich das gar nicht mehr anders vorstellen, zu gut ist das Ensemble, das hier zusammengekommen ist. Kathy Bates erhielt für ihre Darstellung von Richards Mutter eine Oscar-Nominierung. Jon Hamm und Olivia Wilde als zwischen schmierig und skrupellos auftretende Antagonisten dürfen für Empörung sorgen. Sam Rockwell überzeugt als Anwalt, der abwechselnd von den dreisten Gegenspielern und von seinem unverbesserlichen Mandanten genervt ist.

Im Mittelpunkt steht jedoch natürlich Paul Walter Hauser, der zuvor in I, Tonya schon unterhaltsame Auftritte als Möchtegerngangster hatte, der noch bei seiner Mutter lebt. In Der Fall Richard Jewell will er im Gegenteil das Gesetz bewahren, als es zu hintergehen. Ansonsten ähneln sich die beiden Figuren anfangs ziemlich: Der übergewichtige Sonderling, der gern mehr wäre, als er ist, und ein eigenes Verhältnis zu der Realität da draußen hat. Doch was komisch beginnt, wird später sehr ambivalent, Jewell selbst zu einer tragischen Figur. So lächerlich er zunächst wirkt, so unbeirrt ist sein Glauben an das System und an Gerechtigkeit, was ausgerechnet dazu führt, dass ihm eben keine Gerechtigkeit widerfährt.

Porträt und Anklage in einem
Der Fall Richard Jewell ist deshalb einerseits Porträt einer Einzelperson. Der Film ist aber vor allem auch eine Anklage an eine Gesellschaft und den Umgang mit dem einzelnen. Richard selbst macht im Laufe des Films keine nennenswerte Entwicklung durch, von einer einzelnen Szene einmal abgesehen, in der er doch mal eine andere Seite von sich zeigt, wird er von Eastwood auf sein stoisches, unerschütterliches Verhalten reduziert. Dafür ist drumherum umso mehr Dynamik. Das Drama zeigt einerseits das Bedürfnis nach Helden, sowohl auf der individuellen wie auch der kollektiven Ebene. Es zeigt aber auch, wie schnell eine Mobmentalität entstehen kann, die sich kaum noch aufhalten lässt und ein gefährliches Eigenleben entwickelt.

Auch wenn die Geschichte im Jahr 1996 spielt, an der Stelle werden Verknüpfungen zur Gegenwart mehr als deutlich. Was damals noch allein über das Fernsehen lief, ist dank allgegenwärtiger Vernetzung noch deutlich schneller und leichter möglich. An eine tatsächliche Auseinandersetzung damit wagt sich das von Billy Ray (Gemini Man) geschriebene Drehbuch nicht heran, da es sich zu sehr in die Anonymität flüchtet. Eindrucksvoll ist Der Fall Richard Jewell aber auch so, als Wiedergabe einer skandalösen Geschichte wie auch als Demontage einer Gesellschaft, die sich nicht wirklich für den Einzelnen interessiert, sondern in ihm nur einen Nutzfaktor sieht, und damit zumindest einen kleinen Anstoß gibt, auch das eigene Verhalten zu überdenken.

Credits

OT: „Richard Jewell“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Billy Ray
Musik: Arturo Sandoval
Kamera: Yves Bélanger
Besetzung: Paul Walter Hauser, Sam Rockwell, Kathy Bates, Jon Hamm, Olivia Wilde, Nina Arianda

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2020 Beste Nebendarstellerin Kathy Bates Nominierung
Golden Globe Awards 2020 Beste Nebendarstellerin Kathy Bates Nominierung

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Der Fall Richard Jewell
4.1 (82%) 10 Artikel bewerten

Der Fall Richard Jewell
In „Der Fall Richard Jewell“ nimmt sich Clint Eastwood einen Mann vor, der unbedingt Held sein wollte, tatsächlich einer wurde, dann jedoch vom FBI und den Medien verunglimpft wurde. Das ist anfangs unterhaltsam, später schockierend und tragisch und fesselt auch aufgrund der tollen Besetzung.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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