Abel Ferraras neuer Film Tommaso und der Tanz der Geister (Kinostart: 13. Februar 2020), der 2019 auf den Filmfestspielen in Cannes erstmalig gezeigt wurde, ist in gewisser Weise als Selbstporträt zu verstehen. Willem Defoe spielt Tommaso, einen in Rom lebenden Filmemacher, der zunehmend Probleme hat, seine Kunst, seine Familie und sein Leben in Einklang zu bringen. Wir sprachen mit dem Regisseur über die Themen seines neuen Films, über Veränderungen im Filmgeschäft und über die Attraktivität der italienischen Hauptstadt als Schauplatz eines Films.

Sie haben gesagt, dass die Produktion von Tommaso für Sie eine Art „neue Freiheit“ war. Wie meinen Sie das?
Na ja, das Projekt erinnerte mich, wie übrigens auch die Produktion von Siberia, sehr an die Art des Filmemachens, wie sie in den 70ern betrieben wurde. Da hatte ich nur eine sehr kleine Crew, bestehend aus einem Kameramann, einer minimalen Besetzung und mir, die schnell arbeitete und in der Nähe unserer Wohnungen drehte. Wir hatten einen Plan, wussten, aus was wir hinauswollten. Bei diesen Projekten vermied ich aber die Details dieses Plans, wollte mich nur auf eine Richtung oder eine grobe Wegbeschreibung, wenn man so will, festlegen.

Wie hoch ist der Anteil der geskripteten Szenen in Tommaso? Szenen, wie die mit dem Obdachlosen wirken improvisiert.
Im Falle von Tommaso haben wir mit Menschen gearbeitet, die keine Schauspieler sind. In dieser Szene hatten wir den Mann, der den Obdachlosen spielt, gebeten, an den Drehort zu kommen und wir wussten, dass etwas an diesem Ort passieren wird und worauf die Szene hinausläuft. Die Art und Weise, wie wir zu diesem Ziel kommen, wussten wir nicht, weswegen das Gespräch zwischen Tommaso und dem Obdachlosen so natürlich wirkt. Das heißt, wir hatten immer einen Rahmen für die Szenen, hatten immer einen Startpunkt, aber wie wir zu unserem Ziel kommen würden, haben wir nicht festgelegt.

In Ihrem Werk zeigen Sie sich als Filmemacher, der sich vor allem für die Herkunft, die Umgebung und die Einflüsse seiner Figuren interessiert. Was hat Sie an der Figur des Tommaso und seinem Umfeld interessiert?
Bei der Arbeit mit den Schauspielern, in diesem Falle Willem Dafoe, gehen wir auf Spurensuche, erforschen, wie Tommaso in einer Situation reagiert und handelt. Wie bei den einzelnen Szenen haben wir mit dem Charakter einen Start beschrieben, lassen uns aber im Verlauf des Films darauf ein, wohin uns die Geschichte dieser Figur hinbringen wird. Gleiches gilt für die anderen Figuren im Film.

Wenn ich mit einer fertigen Absicht an einem Film wie Tommaso arbeite oder die Figuren entwerfe, nehme ich mir diese, wie Sie sagen, Neugier weg und kann mich nicht von dem treiben lassen, was diese Charaktere vielleicht noch anzubieten haben und in der Lage sind zu tun. Deswegen vermeide ich solche Absichten, Ziele oder gar fertige Lösungen in meinen Filmen. So ist es nun auch im Leben: Man macht einfach weiter und morgen ist schon ein neuer Tag.

Da der Film eine so offene Natur hat, gab es für Sie Momente oder Entwicklungen, die Sie überrascht haben?
Vielleicht nicht so sehr beim Dreh an sich oder beim Schnitt, aber wenn ich den Film mit einem Publikum sehe und beobachte, wie es auf den Film reagiert, sehe ich vieles, das mich überrascht. Die Zuschauer sehen viele Szenen mit ganz anderen Augen und eröffnen neue, unerwartete Sichtweisen.

Haben Sie eine Lieblingsszene im Film?
Sehr viele. (lacht) Vielleicht zu viele und deshalb ist der Film so lang geworden.

Tommaso scheint mir auch ein Film zu sein, der die Beziehung des Künstlers zum Kunstwerk thematisiert und fragt, an welcher Stelle man zwischen der Person im echten Leben und dem Künstler unterscheidet. Was halten Sie von diesen Unterscheidungen?
Ich glaube, die Überschneidung zwischen der Person, die man ist, und dem Künstler geschieht sehr oft. Wenn ich einen Film wie Pasolini drehe, denke ich auch darüber nach, ob der Regisseur im Film an dieser Stelle von einem neuen Projekt redet oder ob es sich um ein Ereignis handelt, was ihm selbst widerfährt oder widerfahren ist. Es wird zunehmend schwierig zu erkennen, wann er sich an etwas erinnert und wann er im echten Leben mit anderen interagiert.

Willem Dafoe ist ein Schauspieler, der schon viele verschiedene Rollen gespielt hat, unter anderem die des Jesus von Nazareth in Martin Scorseses Die letzte Versuchung Christi. Gerade zu diesem Film gibt es viele Anspielungen in Tommaso, sodass nicht ganz klar ist, ob es nun ein Ereignis ist, das seiner Figur geschieht, oder ob es so etwas wie eine Erinnerung des Darstellers Willem Dafoe ist. Vielleicht ist es aber auch in dem Moment Tommaso in seiner Rolle als Regisseur, der an sein Projekt denkt oder an eines, an dem er noch arbeiten wird.

Das hört sich verwirrend an, aber das ist gleichzeitig das Schöne an einem Film, denn man muss ihn nicht definieren. Man hat die Freiheit, diese Grenzen zu überschreiten. Ein Film bewegt sich von Natur aus in dieser Grauzone aus Traum, Erinnerung und Wirklichkeit.

Der Film zeichnet sich durch ein hohes Maß an Ambivalenz aus, sehr viel Interpretationsraum. Denken Sie eigentlich an den Zuschauer, wenn Sie ein neues Projekt schreiben?
Nein, eigentlich nicht. In dem Moment des Schreibens bin ich diese Person, dieser Zuschauer. Ich folge meinem Instinkt und lasse mich treiben. Später bin ich dann Teil des echten Publikums und nicht mehr länger der Regisseur.

Beide Filme, Pasolini und Tommaso, scheinen, abgesehen von der Besetzung der Hauptrolle mit Willem Dafoe, sehr viel gemeinsam zu haben.
Das stimmt. Die Version von Pier Paolo Pasolini im Film denkt auch viel an potenzielle neue Projekte nach und bricht dabei immer wieder die Grenzen zwischen Film, Erinnerung und der Wirklichkeit, die ihn umgibt.

Sie haben bereits bei vielen Projekten mit Willem Dafoe kollaboriert. Auch wenn sein Talent außer Frage steht, was trägt er zu einer Rolle wie Tommaso bei im Gegensatz zu anderen Darstellern?
Die Frage sollte vielmehr lauten: warum nicht er? Willem ist ein sehr engagierter Schauspieler, der von der ersten Minute an mit einem zusammen arbeitet, solange bis die letzte Szene im Kasten ist. Darüber hinaus begleitet er den Schreibprozess und andere Teile der Produktion.

Willem war von Anfang an Teil des Konzepts von Tommaso. Ohne ihn hätte ich das Projekt nicht weiter verfolgt. Er sowie andere Menschen waren essenzielle Teile dieser Produktion.

War Ihre Frau Cristina Chiriac, die Tommasos Frau im Film spielt, ebenfalls von Anfang an Teil dieser Überlegungen?
Natürlich. Ebenso wie die Drehorte des Films, die wir, Christine und ich, jeden Tag sehen. Diese Orte wie der Piazza Vittorio liegen praktisch vor unserer Haustür, also war es offensichtlich, dort zu drehen. Diese Menschen, wie die alten Italiener, die im Straßencafé tratschen, oder die Einwanderer, die sich in vielen öffentlichen Park versammeln. Das ist die Realität, also warum sollte man die nicht filmen?

In Tommaso finde ich die Dynamik der Beziehung zwischen Willem Dafoes Charakter und dem Ihrer Frau sehr spannend. Wie ergibt sich dieses Zusammenspiel?
Diese Dymanik, von der Sie reden, wechselt, verändert sich von Moment zu Moment und damit von Szene zu Szene. Insgesamt müssen es circa sieben Szenen zwischen den beiden sein, bei denen ich als Regisseur alles aus der Inszenierung und dem Spiel der beiden herausbringen und zum Vorschein bringen wollte.

Bisweilen wirkt der Film gerade in diesen Szenen wie ein Theaterstück.
Das sind meist sehr lange Szenen. Willem ist ein Schauspieler, der das Theater kennt und schätzt. Ob er eine Szene spielt, bei der nach zwei Dialogzeilen Schluss ist oder er auf der Bühne eine Vorstellung von insgesamt zwei Stunden Laufzeit spielt, macht für ihn keinen Unterschied.

Wir hatten das Glück mit Peter Zeitlinger einen Kameramann zu haben, der sich auf diese langen Szenen einstellen konnte und diese, weil er vorher an sehr vielen Dokumentationen mitarbeitete, gewohnt war.

Joe Delia, der die Musik für die Mehrheit Ihrer Filme schrieb und komponierte, arbeitet auch bei Tommaso wieder mit. Können Sie uns was zu der Zusammenarbeit mit ihm sagen?
Joe war auch von Anfang an bei dem Projekt involviert, wie auch Cristina und Willem. Wir haben uns im Vorfeld ausgetauscht und während der Dreharbeiten bekommt er die Szenen und fängt an zu arbeiten. Für Tommaso hat er viel mit dem Piano komponiert.

Die Zusammenarbeit mit ihm hatte ein bisschen was von jenem Beitrag der Musiker in den 20er Jahren, als man die Musik während des Films live einspielte.

Was ist für Sie als Regisseur und Drehbuchautor das Attraktive daran, einen Film in Rom spielen zu lassen?
Rom ist eine der schönsten Städte der Welt. Es ist eine Stadt wie fürs Kino gemacht wegen seiner Architektur, aber auch wegen des tollen Lichts, das es nur dort gibt, egal ob bei Tag oder bei Nacht. Gerade bei Nacht bemerkt man anhand der Art, wie Gebäude beleuchtet werden, die große Kunst und das Auge fürs Detail, das dort am Werke ist.

Die Menschen dort sind von Natur aus Schauspieler und wenn man einen Film drehen will ohne oder mit wenigen professionellen Darstellern, dann findet man in Rom sehr viele Naturtalente, jede Menge Opernstars, wenn man so will.

Rom schenkt einem Regisseur so viel. Warum sollte ich woanders hingehen wollen? Wenn ich doch all diese Elemente Roms zusammennehme, erhalte ich diese einzigartige Grundstimmung, die sich auch in Tommaso wiederfindet.

Sie sind so etwas wie eine Legende des amerikanischen Independent-Kinos geworden. Wenn Sie heute auf die Welt des unabhängigen Kinos blicken, gibt es da Entwicklungen, die Sie als positiv oder problematisch betrachten?
Die Tatsache, dass man heutzutage einfach losziehen kann, einen Film auf seinem Handy drehen und dann zu Hause am PC schneiden kann, ist einfach phänomenal. Diese Werkzeuge stehen jedem zur Verfügung, müssen aber korrekt benutzt werden und dürfen nicht von Silicon Valley und großen Unternehmen monopolisiert werden. Im Idealfall kann Technologie eine große Befreiung sein, da man nicht mehr länger für eine Kamera sparen muss, sondern im Prinzip direkt losfilmen kann, wenn man will.

Wenn Sie so optimistisch von neuen Technologien reden, die Ihnen letztlich auch zur Verfügung stehen, bekommt man den Eindruck, dass noch so viele Geschichten und Ideen für Figuren in Ihnen sind. Welche Geschichten oder Charaktere würden Sie als Filmemacher noch reizen für weitere Projekte?
Wahrscheinlich mehr als meine Lebenszeit es zulässt (lacht)

Können Sie uns über Ihr derzeitiges Projekt Siberia oder andere Projekte, an denen Sie arbeiten, etwas erzählen?
Bei Siberia arbeiten wir gerade an der Tonmischung. Der Film steht also kurz vor der Fertigstellung.

Zudem arbeite ich an einer Geschichte über Pio von Pietrelcina. Er war ein einfacher Mönch, der die Stigmata besaß und deswegen in Konflikt mit der Kirche geriet. Später wurde er heiliggesprochen. Das ist eine unglaubliche Geschichte, die nahe der Heimat meines Großvaters spielt. Viele waren überzeugt, Pio könne Wunder vollbringen, doch egal, ob dies nun stimmt, ist alleine schon das Gerücht Grund genug, um Ärger mit dem Vatikan zu bekommen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Abel Ferrara

Zur Person
Abel Ferrara wurde am 19. Juli 1951 in New York City geboren. Der Filmemacher kann auf eine Karriere zurückblicken, die in den 70er Jahren begann. Bereits in seiner Jugend drehte Ferrara Super 8-Amateurfilme und ist bis heute dem Independent-Kino verschrieben. Seine ersten Erfolge feierte der Regisseur und Drehbuachautor mit Filmen wie The Driller Killer (1979), King of New York – Zwischen Tag und Nacht (1990), Bad Lieutenant (1992) und The Addiction (1995). Auch wenn seine Filme nicht immer kommerziell erfolgreich waren, teils sogar von der Kritik verrissen wurden, erfreut sich Ferrara eines treuen Fankreises. Nach den Anschlägen vom 11. September verließ Ferrara die Vereinigten Staaten und zog nach Europa, wo er nach eigener Aussage seine Projekte besser finanziert bekam. Seitdem entstanden solch facettenreiche Projekte wie Welcome to New York (2014), welcher inspiriert wurde von den Missbrauchsvorwürfen gegen Dominique Strauss-Kahn.



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Abel Ferrara [Interview]
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