Kritik

Romys Salon

„Romys Salon“ // Deutschland-Start: 30. Januar 2020 (Kino) // 29. Mai 2020 (DVD)

Weil ihre Mutter neuerdings so viel arbeiten muss, soll Romy (Vita Heijmen) in der nächsten Zeit nach der Schule zu ihrer Oma Stine (Beppie Melissen) gehen. Große Lust haben die beiden darauf ja eigentlich nicht, lassen sich aber doch darauf ein. Dabei stellen sie fest, dass das eigentlich sogar ganz schön ist, zusammen die Nachmittage zu verbringen, zumal in Stines Friseursalon immer etwas los ist. Doch nach einer Weile merkt Romy, dass da irgendwas nicht in Ordnung ist mit ihrer Oma. Immer wieder vergisst sie etwas oder bringt etwas durcheinander, verhält sich einfach etwas komisch. Als die daraufhin zum Arzt geht, erschüttert die Diagnose die Familie: Alzheimer. Doch Romy ist nicht bereit, ihre Oma einfach so aufzugeben …

Je älter die Menschen werden, umso größer ist das Risiko für sie, an einer Form von Demenz zu erkranken. Das ist keine ganz neue Erkenntnis, schon länger kündigt sich an, dass die Zahl der Fälle – dem demografischen Wandel sei Dank – zunehmen wird. Doch auch wenn Demenz immer mehr Leute angeht, weil es entweder sie selbst betrifft oder jemanden aus ihrem Umfeld, tatsächlich darauf vorbereitet ist niemand. Eine allgemeine Auseinandersetzung findet damit nicht statt, man hofft einfach insgeheim darauf, dass der Kelch an einem vorübergeht. Umso wichtiger sind daher Filme, die das Thema aufgreifen und den Leuten daheim oder in den Kinos vorführen, was es bedeutet, wenn Menschen in ihrem eigenen Kopf verlorengehen.

Ein großes Problem aus Kinderaugen
Beispiele für solche Filme gibt es inzwischen genug, in allen möglichen Varianten. Ob nun das naheliegende Drama (Still Alice), Thriller (The Chain – Du musst töten um zu sterben) oder Dokumentation (Vergiss mein nicht), man muss nicht lange suchen. Eine tatsächliche Erklärung des Themas liefern solche Filme nicht, es geht ihnen mehr um die Folgen für die Betroffenen und die Menschen drumherum. Das gilt dann auch für Romys Salon, das nach mehreren Festivalteilnahmen nun regulär in unsere Kinos kommt. Und es wäre dieser kleinen deutsch-niederländischen Coproduktion zu wünschen, dass möglichst viele sie dort sehen können. Das Thema selbst wird dabei nicht großartig anders gezeigt wie sonst auch. Es geht mal wieder um einen selbständigen, starken Menschen, der auf einmal nicht mehr so selbständig und stark ist und damit aus naheliegenden Gründen so seine Probleme hat.

Romys Salon unterscheidet sich jedoch von den oberen Filmen durch die Perspektive, da die gesamte Geschichte aus der von Romy erzählt wird. Sie ist die erste, die bemerkt, dass etwas nicht stimmt, kann das aber nicht einordnen. Wie auch, wenn selbst Erwachsene mit einer solchen Veränderung nichts anfangen können? Zumal Tamara Bos, die den zugrundeliegenden Roman wie auch das Drehbuch geschrieben hat, die Veränderung von Stine nur langsam vorantreibt. Mal etwas zu vergessen oder durcheinanderzubringen, das passiert jedem mal. Außerdem ist dieser Aspekt zunächst nur einer von vielen, der Film handelt über einen längeren Zeitraum erst einmal von der Familie und den Beziehungen untereinander.

Es geht auch leiser
Auch in der Hinsicht ist Romys Salon ein wohltuend subtiler und zurückhaltender Film. Wo andere Kollegen gerne alles bis ins Letzte ausbuchstabieren oder auch mal ganz dick auftragen – vor allem wenn Kinder die Zielgruppe sind – da überlässt es Regisseurin Mischa Kamp dem Publikum, eigene Schlüsse zu ziehen und Erklärungen zu finden. Sie verzichtet glücklicherweise auch auf den Kitsch, den ein solches Drama gerne einmal mit sich bringt. Gefühlvoll ist ihr Film, ohne dabei jedoch zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken. Zum Ende hin wird die Geschichte turbulenter und verabschiedet sich dadurch von dem stillen Realismus, der zuvor herrschte. Aber das lässt sich verschmerzen, zumal auch dann nicht alles so läuft, wie es nach Kinderlogik laufen sollte.

Behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen erzählt Kamp ihre Geschichte und wird dabei von ihren beiden Hauptdarstellerinnen tatkräftig unterstützt. Melissen gibt die starke Frau, die um ihre Würde kämpft, die ihr der eigene Körper versagt. Heijimen ist ein kleiner Wirbelwind, liebenswürdig, wenn auch nicht immer einfach, eine prima Identifikationsfigur für die jungen Zuschauer und Zuschauerinnen. Das macht Romys Salon zu einem schönen Beitrag, um eben Kinder an ein schwieriges Thema heranzuführen, der aber auch Erwachsene dazu anregt, sich damit auseinanderzusetzen – und sei es nur, wenn nach dem Kinobesuch mit dem eigenen Nachwuchs über das gesprochen wird, was hier in den anderthalb Stundne passiert ist.

Credits

OT: „Kapsalon Romy“
Land: Niederlande, Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Mischa Kamp
Drehbuch: Tamara Bos
Vorlage: Tamara Bos
Musik: Jacob Meijer, Alexander Reumers
Kamera: Melle van Essen
Besetzung: Vita Heijmen, Beppie Melissen, Noortje Herlaar, Guido Pollemans

Bilder

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Romys Salon
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Romys Salon
Wenn ein Mädchen entdeckt, dass ihre Oma sich plötzlich so komisch verhält, dann ist das eine einfühlsam erzählte Begegnung mit dem schwierigen Thema Demenz. „Romys Salon“ hält sich dabei angenehm zurück, ist von dem turbulenteren Ende einmal abgesehen ein recht ruhiger Film, der dem Publikum genug Raum lässt, um sich selbst mit all dem auseinanderzusetzen und eigene Schlüsse zu ziehen.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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