(„Vergiss mein nicht“ directed by David Sieveking, 2012)

Vergiss mein nichtWie viel von seiner eigenen Persönlichkeit und privaten Erlebnissen sollte man in der Öffentlichkeit preisgeben? Das ist nicht nur in Zeiten von Facebook und übereifriger Geheimdienste ein wichtiges Thema, Künstler müssen sich von jeher mit der schwierigen Balance auseinandersetzen: Wo hört künstlerische Auswertung von Erfahren auf? Wo fängt die Ausschlachtung des Privaten an? Doch selten ist es einem als Zuschauer so schwer gefallen, diese Grenze zu ziehen, wie in Vergiss mein nicht: In seinem zweiten Dokumentationsfilm widmet sich Regisseur David Sieveking nämlich einem Thema, das so persönlich und bewegend ist, dass es richtig schmerzt.

Mit einem vergessenen Geschenk zu Weihnachten fing es an, einem Weg zur Schule, an den sie sich nicht mehr erinnern konnte. Zunächst sind es nur kleine Aussetzer, doch später verschwinden immer mehr Bestandteile aus ihrem Gedächtnis. Sie hat dann zwar noch ihren Vater vor Augen, der starb, als sie ein kleines Kind war. Ihren Mann Malte und ihre Kinder erkennt sie jedoch immer seltener, kann Aprikosen und Brote nicht mehr voneinander unterscheiden, weiß nicht, was sie mit einer Gießkanne anfangen soll. Davids Mutter Gretel leidet an Demenz. Aufopferungsvoll weigert sich Malte, ihr von der Seite zu weichen oder sie einem Heim anzuvertrauen, doch auch an dem über 70-Jährigen ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Um seinen Vater zu entlasten, beschließt David daraufhin, Malte in den Urlaub zu schicken, sich selbst eine Zeit lang um seine Mutter zu kümmern und seine Erfahrungen auf Kamera festzuhalten.Vergiss mein nicht Szene 1

Eine demenzkranke Frau zu filmen, die wahrscheinlich nicht einmal realisiert, das sie gefilmt wird – das hört sich nach einer Ausbeutung an, neben denen selbst die sogenannten Reality-TV-Shows aus dem Fernsehen verblassen. Doch weit gefehlt, David Sieveking geht es nicht darum, seine Mutter vorzuführen, sie lächerlich zu machen oder auch aus der traurigen Geschichte Kapital zu schlagen. Vergiss mein nicht kein bloßes Abbild einer grausamen Krankheit, entwürdigende Szenen werden hier nicht gezeigt. Im Gegenteil: Zusammen mit David, der für einige Zeit wieder zu seiner Mutter zieht, lernen wir Gretel von einer ganz anderen Seite kennen, erfahren, wer die Frau auf den Schwarzweißbildern eigentlich war.

Vergiss mein nicht Szene 2

Eine Kämpferin für gleiche Rechte? Aktives Mitglied einer kommunistischen Vereinigung? Befürworterin einer freien Liebe? Kaum zu glauben, wenn man sich die freundlich lächelnde, leicht gebrechliche Gretel von heute anschaut. Und auch für David sind diese Informationen neu und überraschend. Neugierig erfährt er so mehr über eine starke Frau, die er in der Form so nie wahrgenommen hatte. Diese Mischung aus einer Reise in die Vergangenheit und der Annäherung in der Gegenwart ist nicht nur faszinierend, sondern auch mit so viel ehrlicher Zuneigung gedreht, dass einem die alte Dame selbst ans Herz wächst und man sich selbst fast als Teil der Familie fühlt. Ob dieser distanzlose Zugang dadurch legitimiert wird oder nicht, ist auch nach den rund anderthalb Stunden schwer zu sagen, denn die Dokumentation gleicht einem Blick ins Tagebuch eines anderen Menschen: eigentlich viel zu privat für unsere Augen aber doch ungemein fesselnd.

Vergiss mein nicht ist seit 23. August auf DVD und Blu-ray erhältlich



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Vergiss mein nicht
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Vergiss mein nicht
Darf man über seine demenzkranke Mutter einen Film drehen oder nicht? Regisseur David Sieveking entscheidet diese Frage mit einem eindeutigen Ja und vermischt seinen Beitrag über eine erschreckende Krankheit mit einer faszinierenden Reise in die Vergangenheit. Für manche mag dieser Einblick zu intim sein, fesselnd und liebevoll gemacht ist Vergiss mein nicht aber auf jeden Fall.
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