Die französische Tragikomödie Die Kunst der Nächstenliebe (Kinostart: 30. Januar 2020) erzählt die Geschichte der unverbesserlichen Weltverbesserin Isabelle (Agnès Jaoui), die vor lauter Einsatz ihre eigene Familie vernachlässigt und mit ihren ungewöhnlichen Methoden auch gern mal die Leute in den Wahnsinn treibt. Dabei stößt sie jedoch selbst an ihre Grenzen, wenn vieles nicht so läuft, wie sie es sich vorgestellt hat. Aber warum tut sie sich und anderes das eigentlich an? Und was können wir selbst im Alltag tun, um die Welt zu einem schöneren Ort zu machen? Diese und weitere Fragen haben Gilles Legrand gestellt, der bei dem Film Regie geführt hat und Co-Autor des Drehbuchs ist.

In Ihrem Film Die Kunst der Nächstenliebe zeigen Sie auf, dass der Einsatz für andere Menschen nicht immer ganz einfach ist. Wie sind Sie auf die Idee für den Film gekommen?
Meine Frau war immer sehr in wohltätiger Arbeit und Nichtregierungsorganisationen involviert und in den zwanzig Jahren hatte ich die Gelegenheit, viele Leute kennenzulernen, die Zeit und Kraft investieren, obwohl sie nicht die dafür notwendige Ausbildung haben. Bei meiner Co-Autorin Léonore Confino war es so, dass die Mutter stark engagiert war. Sie musste deswegen beispielsweise, als sie jung war, ihr Zimmer mit einem Flüchtling aus dem Bosnienkrieg teilen. Wir wollten aus dem Stoff aber kein Drama machen. Stattdessen stellten wir es uns lustig vor, so einem Menschen zu folgen und zu fragen: Was veranlasst jemanden, in einer solchen Organisation zu arbeiten?

Warum ist es für Isabelle denn so wichtig, anderen Menschen zu helfen?
Eine eindeutige Antwort darauf geben wir nicht. Aber es hat auch mit ihren Problemen zu tun, die sie mit ihrer Mutter hat, und ihrem Bedürfnis, geliebt zu werden. Es gibt viele Gründe, warum man eine solche Arbeit machen will. Geliebt zu werden, geschätzt zu werden. Vielleicht hat es auch mit der eigenen Familiengeschichte zu tun.

Isabelle schafft mit ihrem Helfen aber auch neue Probleme, gerade für die Familie, die sie vernachlässigt. Wie hält man die Balance zwischen dem Einsatz für andere und dem eigenen Privatleben?
Das ist natürlich schwierig. An einer Stelle stellt sie auch die Frage, was die Aufgabe einer Mutter ist. Soll sie sich allein um ihre Kinder kümmern? Oder soll sie ein Vorbild für die Kinder sein? Es ist natürlich, dass dein Umfeld sich vernachlässigt fühlt, wenn du dich mehr um andere kümmerst. Da spielt aber noch ein anderer Aspekt mit ein. Traditionell waren es immer die Männer, die arbeiteten, während die Frauen daheim blieben und sich für die Familie aufopferten. Vielen fällt es schwer, sich von diesem Bild zu lösen und zu erkennen: Frauen können genauso unterwegs sein und etwas Wichtiges tun.

Einer von Isabelles Versuchen, etwas Wichtiges zu tun, ist Erwachsenen das Lesen und Schreiben beizubringen. Wie oft kommt es vor, dass man das Erwachsener noch nicht gelernt hat?
Ich denke, dass das durchaus ein Problem ist. Das hängt zum einen mit der Immigrationssituation zusammen, wenn Menschen aus armen Ländern kommen, in denen es nur wenig Schulen gibt und einfach nicht das Geld da war für Erziehung. Aber auch bei Franzosen kommt es vor, dass sie es nie gelernt haben. Das macht es für sie sehr schwierig, Teil der Gesellschaft zu sein, da du das brauchst, um teilhaben zu können. Selbst um ein Handy zu bedienen, musst du lesen und schreiben können.

Nun hat Frankreich aber eine lange Geschichte als Einwanderungsland. Warum wurde Einwanderung in den letzten Jahren zu einem Problem und Streitthema?
Es stimmt, dass immer viele zu uns kamen. Aber vielleicht haben wir dabei zu viele Fehler gemacht. Vielleicht haben wir nicht genug für die Integration getan. Natürlich gibt es da auch große Unterschiede. Während die einen sich schnell integrieren, bleiben andere lieber unter sich und wollen gar nicht Teil der Gesellschaft sein. Religion ist hier ein Tabuthema. Es kann schwierig sein, Christen und Muslime zusammenzuführen, auch wenn das nur ungern angesprochen wird. Und natürlich ist es auch nachvollziehbar, wenn Einwanderer aus dem Ausland gern unter sich bleiben, weil das nun einmal einfacher ist. Schwierig wird es aber, wenn dadurch Ghettos entstehen. Da müssten wir einfach viel mehr dafür tun, dass Einwanderer und Einheimische sich austauschen.

In Die Kunst der Nächstenliebe gibt es viele, die Einwanderung ablehnen, sowohl unter den Franzosen wie auch unter denen, die selbst als Einwanderer gekommen sind. Wie können wir Leute dazu bringen offener und toleranter zu sein?
Letzten Endes müssen die Menschen erkennen, dass es keine Rolle spielt, woher du kommst. Dass wir alle gleich wertvoll sind und das miteinander teilen müssen, was da ist. Wir haben nun einmal nur eine Welt. Manche von uns hatten das Glück, in günstigen Umständen geboren worden zu sein, andere nicht. Ich bin auch überzeugt davon, dass es für die meisten Einwanderer nicht die erste Wahl war, ihre Heimat zu verlassen, die Familie und Freunde zu verlassen, um quer durch Europa laufen zu müssen.

In Ihrem Film gibt es die schöne Szene während des gemeinsamen Weihnachtsessens, in der jeder sich für ein Thema bzw. eine Organisation entscheiden muss, für die er spendet, anstatt ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen. Wenn Sie sich entscheiden müssten, wofür würden Sie sich einsetzen?
Ich würde ja liebend gerne kranken Menschen helfen, kann das aber nicht, da ich kein Arzt geworden bin. Ansonsten finde ich es wichtig, anderen Sprache beizubringen, damit sie eben nicht in unserer Gesellschaft isoliert sind. Denn dich austauschen zu können, ist Voraussetzung, damit du andere Leute triffst. Und nur wenn das geschieht, kannst etwas gegen Ausländerfeindlichkeit getan werden. Viele haben einfach Angst vor den Fremden, die da in ihr Land kommen. Lernst du sie aber erst einmal kennen, dann brauchst du diese Angst nicht mehr. Die Sprache beizubringen kann außerdem Spaß machen, da die ja wirklich lernen wollen.

Was tun Sie sonst noch Gutes für andere Menschen?
Ich bin der Ansicht, dass man Menschen immer ein Lächeln schenken sollte. Das kostet nichts und ist oft wichtiger als Geld.

Wie entwickelt sich die Gesellschaft insgesamt? Es wird beispielsweise immer mal wieder gesagt, dass die Menschen immer egoistischer werden und es ihnen egal ist, was um sie herum passiert.
Ich glaube nicht, dass das die komplette Wahrheit ist. Dafür ist die Welt, in der wir leben, auch zu widersprüchlich. Auf der einen Seite sind wir durch die neuesten Technologien alle miteinander vernetzt. Gleichzeitig gibt es immer mehr Menschen, die alleine sind. Im Großen und Ganzen denke ich aber, dass die Leute heute mehr mit der Welt beschäftigt sind und dass ihnen auch zunehmend klar wird, dass sie sich nicht alleine auf Regierungen verlassen können, sondern selbst etwas tun müssen. Diese Entwicklungen sind vielleicht langsam und laufen nur in kleinen Schritten ab, aber ich glaube, dass sie stattfinden und die Zukunft besser wird.

Und wie steht es um Ihre eigene Zukunft? Was sind Ihre nächsten Projekte?
Ich habe zuletzt eine Liebesgeschichte gedreht über einen jungen Mann, der blind ist, und eine etwas ältere Frau. Darin spiele ich damit, wie eine Frau damit umgehen muss, nicht gesehen zu werden. Es ist eine Komödie, jedoch eine, die auch mal etwas düster sein kann.

Gilles Legrand

© Neue Visionen

Zur Person
Gilles Legrand wurde am 16. Oktober 1958 in Paris, Frankreich geboren. Seit 1985 leitet er gemeinsam mit Frédéric Brillion die Produktionsfirma Epithète Films, die unter anderem Filme wie Belle & Sebastian (2013) und Sebastian und die Feuerretter (2015) produzierte. Sein Debüt gab der Regisseur und Drehbuchautor 2004 mit dem Familiendrama Malabar Princess. Die Tragikomödie Die Kunst der Nächstenliebe (2018) über eine Frau, die unbedingt anderen helfen muss, ist sein fünfter Film.



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Gilles Legrand [Interview]
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