(OT: „The Square“, Regie: Ruben Östlund, Schweden/Deutschland/Frankreich/Dänemark, 2017)

The Square

„The Square“ läuft ab 19. Oktober 2017 im Kino

Eigentlich hat Christian Nielsen (Claes Bang) derzeit ja alle Hände voll zu tun. Als Chefkurator des renommierten X-Royal-Museums in Stockholm steckt er mitten in den Vorbereitungen für eine neue Ausstellung zum Thema Vertrauen und Fürsorge. Nur kommt ihm dabei immer wieder sein Privatleben dazwischen. Erst geht er einer Gruppe von Trickbetrügern auf den Leim, die ihm Geldbeutel und Handy klauen. Und während er noch dabei ist, mit seinem Angestellten Michael (Christopher Læssø) das Diebesgut zurückzuholen, droht schon der nächste Ärger. Die amerikanische Journalistin Anne (Elisabeth Moss), die ihn anlässlich der geplanten Ausstellung interviewt, hält nicht so wahnsinnig viel von der Grenze zwischen privat und Arbeit.

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Sollen doch andere in ihren Filmen auf fremde Planeten reisen oder Ausnahmesituationen kreieren. Ruben Östlund reicht es, sich sein Umfeld anzuschauen. Wobei er dabei eigentlich eher wenig Gutes vorfindet. Vielmehr scheint es dem schwedischen Regisseur und Drehbuchautor eine Menge Spaß zu bereiten, die hässlichen Seiten seiner Mitbürger hervorzukehren und heile Fassaden zu demontieren. In Höhere Gewalt begnügte er sich noch mit einer Familie, die nach einem Beinahe-Unglück auseinanderbricht. In seinem in Cannes auszeichneten neuen Film nimmt er so ziemlich alles und jeden aufs Korn, dem er im Alltag so begegnet ist.

Farce mit wahrem Kern
Die von Christian betreute Ausstellung basiert auf einer tatsächlichen von Östlund und dem Filmproduzenten Kalle Boman. Auch die anfängliche Raubszene sowie ein späterer Moment, in der ein Künstlergespräch immer wieder von einem der Anwesenden unterbrochen wird, basieren auf wahren Erfahrungen des Filmemachers. All diese Anekdoten nahm Östlund nun auf und spann daraus einen ganzen Film. Oder zumindest fast einen ganzen Film. Genauer merkt man The Square durchaus an, dass er keinen so richtig roten Faden hat. Er keine fortlaufende Geschichte erzählt, sondern lieber Einzelmomente zum Thema macht. Einige davon – zum Beispiel das besagte Künstlergespräch – hätte man problemlos aus dem Film streichen können, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre. Umso mehr, da die Laufzeit stolze zweieinhalb Stunden beträgt.

Und doch sind diese Momente oftmals so brillant, dass man gar nicht merkt, wie sehr die Zeit vergeht. Schon eine der ersten Szenen, wenn Anne Christian interviewt, entlarvt beide als ziemliche Windbeutel: Ihre Fragen sind dämlich, seine Antworten aufgeblasen. Medien und Kunstbetrieb müssen sich im Folgenden unentwegt Spott gefallen lassen. Ob es das verfressene Publikum der Ausstellung ist, bizarre Installationen oder ein Dinner, bei dem aus Spaß schnell Todernst wird, vor Östlund ist niemand sicher. Lediglich ein paar herumlaufende Kinder kommen heil davon,  werden nicht völlig der Lächerlichkeit preisgegeben, vielleicht auch weil der Film sich an anderer Stelle nicht gerade zimperlich zeigt bei der Darstellung von Kindern.

Nachdenklich, spöttisch und albern in einem
Einige der Stellen regen dabei auch zum Nachdenken an. Die Ausstellung selbst beispielsweise erleben wir leider nur in Ausschnitten. Doch die geben dem Publikum einiges mit auf den weiteren Weg. Wie sehen wir andere Menschen? Vertraue ich ihnen? Und auch die zur Ausstellung geplanten Marketingkampagne zwingt uns ein wenig, uns mit unser aller Medienerwartung auseinanderzusetzen. Andere Situationen sind dafür reine Albernheit mit Hang zum Absurden. So oder so, The Square ist witzig, wie es nur wenige Filme in der letzten Zeit gewesen sind – wobei der eine oder andere Lacher gerne mal im Hals stecken bleibt. Zudem ist der moralische Fleckenteppich äußerst kunstvoll umgesetzt: Edle Aufnahmen aus der High Society und dem Museum wechseln sich mit düsteren Bildern ab, zu sehen gibt es hier eine ganze Menge. Vor allem aber beeindruckt Östlund mit seiner Schärfe. Der Film mag überlang sein, die einzelnen Bestandteile sind dafür umso stärker auf den Punkt gebracht. Die Art und Weise, wie der Schwede aus kurzen Sequenzen ein Maximum an Bösartigkeit herausholt, die ringt Respekt ab. Und auch ein klein wenig Furcht, was wohl als nächstes auf seinem Programm stehen wird.

The Square
3.7 (73.91%) 23 Artikel bewerten

The Square
Schöne Bilder, hässlicher Inhalt: In „The Square“ nimmt Ruben Östlund ganz genüsslich die Kunst- und Medienlandschaft auseinander. Ein richtiger roter Faden ist nicht in diesem Großangriff auf seine Mitmenschen. Spaß dafür umso mehr: Wer Satire und schwarzen Humor mag, für den führt kein Weg an diesem Werk vorbei, das trotz Überlänge bestens unterhält.
8von 10

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3 Responses

  1. Coolray

    Zitat: „Schöne Bilder, hässlicher Inhalt: In „The Square“ nimmt Ruben Östlund ganz genüsslich die Kunst- und Medienlandschaft auseinander. Ein richtiger roter Faden ist nicht in diesem Großangriff auf seine Mitmenschen. Spaß dafür umso mehr: Wer Satire und schwarzen Humor mag, für den führt kein Weg an diesem Werk vorbei, das trotz Überlänge bestens unterhält.“
    dazu nur folgendes:
    1. Schöne Bilder machen keinen guten Film.

    2. Spaß macht dieser „Film“ auch nicht.

    3. aha..wo soll hier Satire und schwarzer Humor sein ??

    4. und er ist nicht unterhaltsam.

    so leid mir das tut.

    Das ist ein pseudo intelektueller Versuch , etwas verbissen satirisch und humorvoll dar zustellen. Das ganze ist langweilig und langatmig und ..*gähn* einschläfernd.

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    • Oliver Armknecht

      Es steht jedem frei, einen Film gut oder schlecht zu finden. In der Pressevorführung sind wir aus dem Lachen nicht mehr herausgekommen. Und das ist mehr, als ich von den meisten „Komödien“ behaupten kann, die einem zugemutet werden. Satire gab es hier an allen Ecken und Enden. Wenn kann man dem Film zum Vorwurf machen, dass er sich zu sehr mit dem Spott befasst und zu wenig mit der Geschichte. Und schöne Bilder sind sehr wohl ein Kriterium für einen guten Film. Schließlich sind Filme ein visuelles Medium.

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  2. Max

    Ich finde das Thema gut, habe auch häufig gelacht. Das Hauptthema des Films empfand ich als „Feigheit“. Nur leider ist der Scheinwerfer auf die Feigheit des Hauptdarstellers gerichtet und thematisiert und fokussiert diesen. Obwohl der Charakter aufgrund seines Feigheitsproblems leider unfassbar uninteressant ist und keinen wirklichen Konflikt damit entwickelt. Er hat fast keinen wirklichen Gegenspieler außer dem kleinen Jungen, der brillant ist, aber im Film leider nicht ausbuchstabiert wird.

    Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob das wirklich interessant ist. Von feigen Menschen ist man schon zur Genüge umgeben…so fand ich die sehr langen Szenen mit Fokus auf den ganz und gar leeren Hauptcharakter zwar schön, aber aufgrund der fehlenden Reibung mit der Außenwelt langweilig. Wüsste aber auch ehrlich nicht, wie man Feigheit besser darstellen können. Denn die Kunst der Feigheit ist ja, mit der Außenwelt nicht in Kontakt zu kommen. Von daher … 🙂

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