Kritik

„Darkroom – Tödliche Tropfen“ // Deutschland-Start: 30. Januar 2020 (Kino)

Augenscheinlich führt Lars Schmieg (Bozidar Kocevski) ein normales Leben. Seine Arbeit als Lehramtsanwärter erfüllt ihn und er lebt mit seinem Freund Roland (Heiner Bornhard) in einer offenen, sehr liebevollen Beziehung. Erst kürzlich sind beide der Arbeit wegen vom Saarland in die deutsche Hauptstadt gezogen, in ihre erste gemeinsame Wohnung. Doch der Schein trügt. Nach einer Zufallsbekanntschaft wird Lars auf die tödlichen Auswirkungen von Felgenreiniger aufmerksam gemacht, der ohne Alkohol für einen betörenden Rausch sorgt, aber mit Alkohol den sicheren Tod bedeuten kann. So wird Lars zum Mörder, der in Schwulenbars oder auf den Straßen Berlin Männer anspricht und sie anschließend vergiftet. Als immer mehr Männer ihm zum Opfer fallen, ist ihm schließlich auch die Polizei auf den Fersen, doch Lars sieht sich außerstande, seine Taten zu beenden.

Mustergültig
Nach einer Reihe von Dokumentation kehrt der deutsche Regisseur Rosa von Praunheim für seinen mittlerweile neunzigsten Film zum Spielfilm zurück. Sein neuer Film Darkroom – Tödliche Tropfen basiert auf dem Fall des von der Presse so betitelten Darkroom-Mörders, der 2012 festgenommen wurde und drei Männer mittels K.-o.-Tropfen getötet hatte. Durch seine Bekanntschaft mit der Journalistin Uta Eisenhardt, die eine längere Reportage über den Fall schrieb, wurde von Praunheim wieder auf die Umstände des Falls aufmerksam und machte die Geschichte zum Fundament von Darkroom, wobei aus Respekt vor den Angehörigen alle Namen verändert wurden.

Alleine schon von seiner Anlage her ist ein Film wie Darkroom problematisch. Von Praunheim setzt den Täter ins Zentrum der Handlung, macht ihn zum Protagonisten, einer potenziellen Identifikationsfigur für den Zuschauer, der gerade durch die Morde dieses Menschen abgestoßen wird und sich in einem moralischen Dilemma befindet. Darüber hinaus verzichtet der Film auf jegliche Erklärung für die Taten, die von Natur aus unerklärbar sind, deutet Motive oder Hintergründe an, die sich zwar zu einem Netz verweben lassen, die aber keine Eindeutigkeit zulassen. So bleibt man als Zuschauer fassungslos, schockiert und alleine mit diesem Menschen, der sich selbst über sein Handeln wundert. Doch gerade diese Schockstarre gilt es zu überwinden.

So kann man Darkroom weniger als Spurensuche, sondern mehr als das Porträt eines Mörders bezeichnen. Die durchweg minimalistische Herangehensweise an Szenen, die von ihrer Dramaturgie her an Theaterszenen erinnern, konzentriert sich lupenhaft auf die Ambivalenz eines Menschen, der zu großer Zärtlichkeit fähig ist, mit seinem Lebensgefährten die gemeinsame Wohnung tapeziert, der aber auch des Nachts durch die Dunkelheit Berlins streift mit eben jenen titelgebenden tödlichen Tropfen im Gepäck. Gleichsam bemerkenswert wie auch erschreckend ist jener Akt der Transformation eines Menschen, der vom „mustergültigen“ Normalbürger vorm Spiegel zu einer dunkleren Person wird, welche die emotionale Finsternis nicht mehr länger ablehnt, sondern sie mit beiden Händen umarmt.

Das Narrativ des Täters
Innerhalb dieses formalen Aufbaus scheint es nur folgerichtig, dass von Praunheim seinen Protagonisten teils sogar zum Erzähler der Handlung macht. Das Narrativ des Täters bricht oder widerspricht immer wieder jenen Szenen vor Gericht, in denen beispielsweise die von Katy Karrenbauer gespielte Staatsanwältin Antworten einfordert. Genauso kommen die Angehörigen der Opfer zu Wort, als Zeugen oder in Interviews, die nicht nur das Gegengewicht zur Erzählung des Mörders bilden, sondern auch immer wieder die emotionale Distanz des Zuschauers einfordern.

Durch diese Distanz sowie die starke Bühnenhaftigkeit vieler Szenen gelingt von Praunheim sowie Kameramann Lorenz Haarmann eine aspektgeleitete Studie eines Milieus und von Personen. Die Auseinandersetzung mit (spieß-) bürgerlichen Werte, Katholizismus und provinziellen Moralvorstellungen wird immer wieder angedeutet, auch im Wechsel zwischen stark realistischen hin zu stark stilisierten Szenen. Die Idylle der Beziehung, wie sie sich Lars wünscht, wirkt, gerade bei fortschreitender Handlung, immer forcierter, immer etwas falsch, so, als ob auch der Protagonist die Dunkelheit in ihm nicht mehr länger beherrschen kann.

Credits

OT: „Darkroom – Tödliche Tropfen“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Rosa von Praunheim
Drehbuch: Rosa von Praunheim
Musik: Heiner Bomhard, Lars Niekisch, Andreas M. Wolter
Kamera: Lorenz Haarmann
Besetzung: Bozidar Kocevski, Heiner Bornhard, Katy Karrenbauer, Bardo Böhlefeld, Lucas Rennebach

Bilder

Trailer

Filmfeste

Filmfest Hamburg 2019
queerfilm festival Bremen 2019
Lesbisch-schwule Filmtage Hamburg 2019
Queer-Streifen Regensburg 2019
Max Ophüls Preis 2020



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Darkroom – Tödliche Tropfen
4.18 (83.64%) 11 Artikel bewerten

Darkroom – Tödliche Tropfen
„Darkroom – Tödliche Tropfen“ über einen Mann, der zum Mörder wird, ist ein schwieriger, weil ambivalenter Film. Rosa von Praunheim erzählt wie so oft eine Geschichte, die einfache Antworten ablehnt, die in ihrem Mut moralische Grenzen zu überschreiten, der Wahrheit näher kommt und den Diskurs mit dem Zuschauer verlangt. Dies mag kein Film für jeden Geschmack sein, aber etwas anderes hat man von diesem Regisseur auch nicht erwartet.
7von 10

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