Wir 2018

„Wir – der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt gegen die Wand fuhr“ // Deutschland-Start: 16. Mai 2019 (Kino)

Es ist der Beginn eines langen, heißen Sommers irgendwo in einem kleinen Ort an der belgisch-niederländischen Grenze. Nicht so für eine Gruppe Jugendlicher, die der Langeweile und Spießigkeit mit aller Macher entfliehen wollen. Das eingeschworene Team um die vier Jungs Simon (Tiymen Govaerts), Jens (Friso van der Werf), Thomas (Aime Claeys) und Karl (Folkert Verdoorn) sowie die vier Mädels Femke (Salomé van Grunsven), Ruth (Maxime Jacobs), Ena (Laura Drosopulos) und Liesl (Pauline Casteleyn) vertreibt sich die Zeit gemeinsam. Ein alter Bungalow wird zu einem Stück weit Freiheit ohne Eltern, deren monotones Leben hier niemand adaptieren will. Hemmungslos wird Freizügigkeit zelebriert und und so sind sich alle relativ schnell einig, dass Geld verdienen am einfachsten mit Sex funktioniert. Was mit Pornodrehs beginnt, setzt eine Spirale aus Gier und Gewalt in Gang aus der es so schnell kein Entkommen mehr gibt.

Als erstes sei vorweg gesagt wer sich mit explizit gezeigten Nackt- und Sexszenen nicht wohlfühlt, könnte es mit dem Film schwer haben. Denn damit hält sich Wir wahrlich nicht zurück und sorgte  im ersten Moment auch bei mir etwas für Erstaunen. Ebenso sollte man sich auf zwar nicht verherrlichte, aber dennoch realistische Gewaltszenen einstellen. Beides lässt weder das Plakat noch der Trailer in dem Maße vermuten. Als Vorlage für den bereits als Skandalfilm betitelten Debütfilm von Rene Eller, der auf dem International Film Festival Rotterdam 2018 Weltpremiere feierte, diente das 2013 erschienene gleichnamige Buch von Elvis Peeters, welches ebenfalls schon für große Empörung sorgte.

Eine Geschichte, viele Perspektiven
Was aber macht diesen Film nun so skandalös? Die Einführung in die Geschichte gestaltet sich erst einmal relativ unspektakulär. Ein Gerichtsprozess, bei dem der Zuschauer allerdings erst sehr viel später erfahren wird, worum es geht und wie es dazu gekommen ist. Mit einem eleganten Kameraflug bringt uns der Regisseur als erstes zum Ort des Geschehens – Wachtebeke. Gekonnt wiegt Eller uns in Erwartungen auf einen nahezu gewöhnlichen Coming-of-Age-Film, die selbsternannte „Sommerodyssee in vier Teilen“.

Jeder Teil wird von einem Charakter mal mehr mal weniger aus dem Off mit Hilfe eines überlagerten Gesprächs erzählt. Alle beginnen am 10. Juni, als die Gruppe sich den ersten Tag des Sommers wieder zusammenfindet, aber jedes mal erhält die Geschichte eine neue Perspektive und wird ein Stück weitererzählt. Ganz besonders interessant dabei ist die unterschiedliche Ausgestaltung und Darstellung der Figuren. Sowohl derer die erzählen als auch derer über die gesprochen wird. Der Ton wird zunehmend härter, gewissermaßen abgestumpfter und skrupelloser. Damit einhergehend durchläuft der Soundtrack eine ähnliche Entwicklung.

Im Zuge dessen ist es wirklich bemerkenswert, wie glaubhaft alle Jungdarsteller wirken, die ebenfalls ihr Leinwanddebüt feiern. Mitunter wirken Szenen schon fast zu echt, was dann unter anderem dafür sorgt, dass der Film so skandalös und kontrovers wird. Denn was dort gezeigt wird, erinnert im ersten Moment stark an Lars von Triers pornographisches Drama Nymph( )maniac I + II.

Eine Welt ohne Werte
Ob die unverhüllte Darstellung unbedingt so notwendig ist, darüber lässt sich streiten. Zweifellos trägt es aber nicht ganz unerheblich zur Handlung bei. Denn hierüber wird der Bogen zu weiteren Themen wie Prostitution und Kindesmissbrauch gespannt. Nicht zuletzt werden damit auch grundlegende Dinge wie Würde, sowie Werte- und Moralvorstellungen einer jungen Generation angesprochen, die zusehends eben diese verliert und weniger in Frage stellt was wirklich moralisch vertretbar ist.

Der Skandal entspringt also nicht nur aus dem bereits angesprochenen pornographischen Anteil sondern auch aus dem Verlauf der Erzählung, in der Jugendliche, vielleicht auch durch fehlendem Interesse an ihrer Persönlichkeit, scheinbar ohne Hemmungen und falschen oder nicht gelehrten Moralvorstellungen zu Entscheidungen in der Lage sind, die gesellschaftlich verwerflich und auch nicht akzeptabel sind. Zwar sorgt der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt gegen die Wand fuhr für viel Diskussionsbedarf, allerdings manövriert er sich gleichzeitig in ein eher unbefriedigendes Ende. Was wohl der größte Kritikpunkt des Films ist. Denn hier hofft man vergeblich auf eine Art Happy End durch Besinnung, Vernunft und Selbstreflektion.

Wir – der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt gegen die Wand fuhr
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Wir – der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt gegen die Wand fuhr
Kontrovers, skandalös, moralisch verwerflich und unverblümt. All das ist „Wir“, gleichzeitig aber bedeutungsvoll und handwerklich fantastisch. Sehenswert für hartgesottene Gemüter oder die, die es werden wollen.
8von 10

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