Ohrensausen

„Ohrensausen“ // Deutschland-Start: 14. März 2019 (Kino)

Es ist ein Tag, den der Mann (Daniele Parisi) so schnell nicht wieder vergessen wird. Oder verstehen. Erst ist da dieses komische Pfeifen in seinem Ohr, mit dem er an diesem Morgen aufgewacht ist. Und dann entdeckt er auch noch die Nachricht seiner Freundin, dass sein guter Freund Luigi gestorben sein soll. Das ist traurig. Aber auch verwirrend, denn er hat so gar keine Ahnung, wer dieser Luigi sein soll. Während er sich auf den Weg macht, um hinter die Geheimnisse seines Ohrensausens und seines unbekannten Freundes zu kommen, muss er sich mit diversen Gestalten herumärgern, die nur auf ihn gewartet haben – teilweise sogar vor der eigenen Wohnungstür.

Ihm sei von vorneherein klar gewesen, dass er mit herkömmlichen Mitteln seinen Film niemals hätte realisieren können, so schrieb Alessandro Aronadio zu seinem neuen Werk Ohrensausen. Und tatsächlich tut der italienische Regisseur und Co-Autor auch alles dafür, dass man sich hier erst einmal ein wenig verwundert die Augen reibt. Die Aufnahmen sind in Schwarzweiß, das anfängliche Bildformat ist seltsam. Und auch inhaltlich ist Ohrensausen zunächst ein großes Fragezeichen.

Sind hier denn alle bekloppt?
Ein unterhaltsames jedoch. Denn der namenlose Protagonist ist noch nicht mal zur Tür rausgekommen, da wartet schon die erste eigenartige Begegnung auf ihn. Und es wird nicht die einzige bleiben. Das Mysterium um seine Krankheit und den unbekannten Toten ist zunächst mal nur ein Anlass, um den Mann durch Rom zu schicken. Es ist jedoch weniger das Rom, das wir aus dem Urlaub oder Filmen kennen. Wo andere städtische Schnitzeljagden oft gleichzeitig auch eine Liebeserklärung an die jeweilige Stadt sind – etwa Berlin bei Cleo –, da fühlt man sich hier eher so, als wäre man in einem Roman von Kafka gelandet.

Skurril sind die Ereignisse, die Aronadio seinem Anti-Helden auf den Leib geschrieben hat. Manchmal hat Ohrensausen auch eine leicht surreale Note, wenn die Figuren sich alle ein klein wenig seltsam verhalten. Einem die Szenen hier einerseits bekannt vorkommen, dann aber auch wieder nicht. Das ist oft komisch, wobei der Humor zwischen Klamauk und leiseren Tönen wechseln kann, auch satirische Spitzen auf die Gesellschaft finden sich in der kleinen Odyssee wieder. Hauptdarsteller Daniele Parisi braucht dafür nicht einmal groß eine Miene zu verziehen. Im Gegenteil, es ist sogar sein ungläubiger bis versteinerter Gesichtsausdruck, der auf den größten Blödsinn stößt, der den Film oft lustig werden lässt.

Zwischen hier und anderswo
Aber auch die besagten schönen Schwarzweiß-Aufnahmen sind ein guter Grund, um sich Ohrensausen trotz des wenig einladenden Titels nicht entgehen zu lassen. Ein bisschen märchenhaft sind sie, nicht ganz von dieser Welt, aus der Zeit gefallen. Eine Mischung aus alltäglicher Banalität und nächtlichem Wunderland, in das wir zusammen mit dem herumirrenden Namenlosen gestolpert sind. Letzterer darf natürlich, nicht nur wegen der fehlenden namentlichen Identität, ein bisschen für uns alle stehen. Und es fällt auch nicht so wahnsinnig schwer, sich in ihm wiederzufinden.

Vor allem der letzte Teil verrät doch viel über uns und unsere Gesellschaft, hat viel Wahres darüber zu sagen, wer wir sind und wie wir sind. Allerdings geht dies mit einem doch recht starken Kontrast einher, der nicht bei allen auf Gefallen stoßen wird. Auch wenn hier Elemente wiederaufgegriffen werden, die sich vorher immer wieder fanden, der tonale und inhaltliche Umschwung ist doch etwas abrupt. Aber es passt eben auch zu einem Film, der sich nicht so recht in Schubladen pressen lassen will, mal etwas über diese Welt sagt, mal ins Groteske geht, und zum Schluss auch eine Besinnlichkeit in die Absurdität bringt, die für das eine oder andere tränende Auge sorgen dürfte.

Ohrensausen
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Ohrensausen
Die Bilder sind komisch, die Situationen sind es auch, von den Figuren ganz zu schweigen: Wenn in „Ohrensausen“ ein namenloser Mann den Grund für sein akustisches Leiden und die Identität seines unbekannten toten Freundes sucht, dann vermischen sich banaler Alltag und leicht surreale Kuriositäten. Das ist sicher nicht für jeden geeignet, aber doch unterhaltsam, streckenweise auch überraschend bewegend.
7von 10

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