Mary Shelley

„Mary Shelley“ // Deutschland-Start: 27. Dezember 2018 (Kino) // 9. Mai 2019 (DVD/Blu-ray)

Mit ihrer lebhaften Fantasie und ihrem rebellischen Wesen eckt die 16-jährige Mary Wollstonecraft Godwin (Elle Fanning) regelmäßig an, zum Leidwesen ihrer Familie. Und so schickt ihr Vater William Godwin (Stephen Dillane) sie eines Tages nach Schottland, damit sie zu einer anständigen Frau heranwächst. Stattdessen läuft sie dort aber dem Dichter Percy Shelley (Douglas Booth) über den Weg, in den sie sich bald drauf verliebt und der ihr auch nach London folgt. Doch dort halten sie es nicht lange aus: Zusammen mit Marys Stiefschwester Claire Clairmont (Bel Powley) reißen die drei aus und ziehen später bei Lord Byron (Tom Sturridge) aus, mit dem Claire eine Affäre hat.

Inhaltlich ist der Sprung auf den ersten Blick natürlich schon etwas größer. Nachdem Haifaa al-Mansour in ihrem ersten Spielfilm Das Mädchen Wadja noch über das Leben im aktuellen Saudi-Arabien sprach, da wechselt sie diesmal ins England des frühen 19. Jahrhunderts, statt einer fiktiven Allerwelt-Jugendlichen erzählt sie das Schicksal einer bedeutenden Autorin. Und doch haben die beiden Filme natürlich jede Menge gemeinsam, drehen sie sich doch jeweils um junge Frauen, die sich in einer von Männern dominierten Welt behaupten müssen. Ein Schicksal, das die saudi-arabische Filmemacherin nur zu gut selbst kennt.

Eine Linie rebellischer Frauen
Heute kaum mehr denkbar, wurde der große Klassiker Frankenstein Anfang 2018 noch anonym veröffentlicht. Der Grund: Frauen schrieben damals keine Bücher. Dabei hatte Shelleys Mutter Mary Wollstonecraft unter eigenem Namen diverse philosophische und feministische Texte verfasst. Dass ihre Tochter den Freigeist und den Hang zum Wilden von ihr geerbt hat, daran lässt Mary Shelley keinen Zweifel: al-Mansour porträtiert ihre Titelheldin als einen impulsiven, fantasiebegabten Wirbelwind, der in keine der damaligen Schubladen und Rollenmuster passte.

Das ist von Elle Fanning (The Neon Demon) sehr ansprechend gespielt, wie sie sich aufbäumt und ihre eigene Stimme sucht. Ohnehin ist die Besetzung sicher ein größerer Pluspunkt. Gerade auch Bel Powley (The Diary of a Teenage Girl) ist als fast ebenbürtiger Wildfang eine echte Bereicherung für die Geschichte. Gemeinsam führen sie vor, wie Frauen seinerzeit kein eigener Wille zugestanden wurde, womit der Film eindeutige Parallelen zu heute und der noch immer aktuellen Debatte zur Gleichberechtigung von Mann und Frau zieht.

Gute Nachricht mit viel Nachdruck
Zu eindeutige: al-Mansours engagiertes Plädoyer für Shelley und Frauen im allgemeinen ist nicht unbedingt sehr subtil ausgefallen. Ganz abgesehen davon, dass sie die Männer gerne mal etwas einseitig als vergnügungssüchtige Windbeutel darstellt, spricht sie ihre Themen lieber einmal zu oft als einmal zu wenig an. Wer im Kino nicht unbedingt Lust auf geistige Transferleistungen hat, der darf sich freuen. In Mary Shelley werden Querverweise und Metaphern mit der Brechstange ins Publikum geprügelt, selbst denken muss dabei keiner. Ärgerlich ist dabei außerdem, dass sich der Film nie entscheiden mag, ob Shelley nun ein Opfer oder ein tatkräftiger, selbstbewusster Mensch sein soll. Der Versuch, beides aus ihr zu machen, führt dazu, dass nichts wirklich überzeugt, der Charakter selbst dadurch verwässert.

Doch trotz dieser inhaltlichen Mängel, sehenswert ist das Biopic, welches auf dem Toronto International Film Festival 2017 debütierte, für sich genommen natürlich schon. Es gibt nicht nur Einblicke in das Leben einer bedeutenden, oft unterschätzten Autorin, sondern hat auch den Menschen von heute jede Menge zu sagen. Und zu zeigen: Mary Shelley wurde sehr schön ausgestattet, Anhänger von historischen Filmen dürfen hier jede Menge aufwändiger Kostüme, unzähliger Kerzen und dunkel-muffiger Einrichtungsgegenstände begutachten. Es fehlt dem Film dabei nur eben die Wildheit, welche er inhaltlich für seine Heldin beansprucht.



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Mary Shelley
4.14 (82.86%) 7 Artikel bewerten

Mary Shelley
Mary Shelley schuf mit ihrem Roman „Frankenstein“ nicht nur eines der großen Horror-Werke der Literaturgeschichte, sie war auch eine feministische Vorreiterin. Das zumindest will das Biopic betonen, um jeden Preis, verzichtet dabei auch auf Subtilität und Konsequenz. Wichtig ist das Thema aber trotz allem, zudem überzeugt der Film durch die Besetzung und stimmige Ausstattung.
6von 10

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