(„The Diary of a Teenage Girl“ directed by Marielle Heller, 2015)

The Diary of a Teenage Girl

„The Diary of a Teenage Girl“ läuft ab 19. November im Kino

Die 15-jährige Minnie (Bel Powley) weiß genau, was sie von ihrem Leben will: 1. Eine berühmte Comiczeichnerin werden. 2. Mit Monroe (Alexander Skarsgard) zusammen sein. Dummerweise ist Letzterer eigentlich der Freund ihrer Mutter Charlotte (Kristen Wiig). Moralische Skrupel hat Minnie dennoch nicht, baggert den deutlich älteren Mann ungeniert an. Damit hat sie sogar Erfolg, beide beginnen hinter dem Rücken von Charlotte eine Affäre. Der lebens- und sexhungrigen Minnie reicht das aber nicht, sie will Monroe ganz für sich allein.

Filme über eine erste Liebe, das bedeutet meistens, dass ein unsicherer Teenager über sich selbst hinauswachsen muss, um die High-School-Schönheit zu erobern – sei sie nun weiblich oder männlich. Eine Projektionsfläche für junge Zuschauer, die mithilfe der Leinwand von einem besseren eigenen Leben träumen dürfen. The Diary of a Teenage Girl ist da anders. Nicht nur, dass Minnie bei allen Selbstzweifeln von Anfang an das Heft in die Hand nimmt, hier geht es darum, der Mutter den Freund auszuspannen. Das macht es deutlich schwieriger, mit der Protagonistin mitzufühlen, sie gar anfeuern zu wollen. Die Verfilmung von Phoebe Gloeckners gleichnamiger Graphic Novel begibt sich dadurch auch in eine ungemütliche Nähe von sexuellem Missbrauch.

Tatsächlich ist The Diary of a Teenage Girl dabei überraschend explizit, scheut weder vor Nacktheit noch den eigentlichen Sexszenen zurück. Doch darum geht es hier eben: Das Leben eines Teenagers zu zeigen, wie es wirklich ist, ohne Prinzessinnenfantasien oder kitschige Happy Ends. Das soll nicht heißen, dass das Drama sich der drögen Schwermut ergibt. Im Gegenteil: Das Regiedebüt von Marielle Heller ist sogar ausgesprochen verspielt, erzählt einige Szenen im Comicstil, andere durch die im Titel angedeuteten Tagebucheinträge, ist von Humor geprägt – etwa wenn Minnies Vater Pascal (Christopher Meloni) auftaucht –, von Lebensmut und Spaß. Dass die Geschichte im San Francisco der 1970er spielt, ist kein Zufall, der farbenfrohe Zeitgeist und die Experimentierfreude spiegeln sich auch in der Stimmung des Films wieder, in der Musik, der Kleidung.

Doch hinter der heiter-harmonischen Fassade lauern dann doch die Dämonen des Alltags. Wenn Minnie jede Regung von Monroe zu Tode analysiert und versucht mit sich in Einklang zu bringen, dann dürfte das jeder nachvollziehen können, der sich als Teenager selbst gesucht und Bestätigung durch außen als Lebenselixier gebraucht hat. Zusammen mit ihrem sexuellen Heißhunger, der einen Mitschüler nur als Mittel zum Zweck zulässt, wird das Mädchen vielleicht nicht zu dem sympathischsten aller Zeit, wohl aber zu einem der authentischsten. Ein echter Charakter eben, dem man auch außerhalb eines Drehbuchs begegnen könnte.

Möglich wird das aber erst durch Bel Powley: Die eigentlich schon 23-Jährige macht sich ihre Rolle mit einer solchen Wucht und Energie zu eigen, dass selbst die etablierten und gewohnt gut spielenden Alexander Skarsgård und Kristen Wiig im Hintergrund verschwinden. Wirklich viel Neues hat die Coming-of-Age-Tragikomödie am Ende nicht zu erzählen, berichtet aber derart überzeugend und authentisch – streckenweise auch witzig – aus dem Leben eines Teenagers, dass der Film auch für solche Zuschauer einen Blick wert ist, die normalerweise um das Thema einen weiten Bogen machen.

The Diary of a Teenage Girl
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The Diary of a Teenage Girl
Direkt und doch verspielt, ungemütlich und gleichzeitig lustig – das erfrischend authentische „The Diary of a Teenage Girl“ erzählt mit Einfallsreichtum und einer umwerfenden Hauptdarstellerin aus dem Leben einer sexuell und emotional erwachenden 15-Jährigen.
8von 10

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