„Await Further Instructions“ // Deutschland-Start // nicht angekündigt

So richtig groß ist die Lust von Nick (Sam Gittins) ja nicht, mit seiner Freundin Annji (Neerja Naik) zu seiner Familie zu fahren. Aber es ist nun mal Weihnachten. Außerdem haben sie sich Jahre schon nicht mehr gesehen. Wie schlimm kann es also werden? Ziemlich, wie er schnell herausfindet. Während seine Mutter (Abigail Cruttenden) um Harmonie bemüht, hat sein Vater Tony (Grant Masters) nur Verachtung für ihn übrig. Als auch noch sein Großvater (David Bradley) rassistische Sprüche gegenüber Annji loslässt und Nicks hochschwangere Schwester Kate (Holly Weston) und deren mittelbemittelter Mann (Kris Sadler) sich einmischen, reicht es den beiden. Nur weg von hier! Aber das ist leichter gesagt denn getan. Denn plötzlich umgibt das Haus eine schwarze Wand, die nichts und niemanden durchlässt. Und dann wären da noch die eigenartigen Nachrichten und Anweisungen, die auf dem Fernseher erscheinen.

Viele Menschen, wenig Raum, ein hoher Stressfaktor, jede Menge Sticheleien – Weihnachten mit der Familie kann schon unter normalen Bedingungen die absolute Hölle sein. Kein Wunder also, dass Filmemacher diese besondere Zeit nicht nur für Wohlfühldramen und turbulente Komödien nutzen. Auch düstere Stoffe sind immer mal wieder angesagt: In Gremlins macht ein harmloses Geschenk eine blutige Wandlung durch, Krampus kombinierte Home Invasion mit einer alten Saga.

Das kann nicht euer Ernst sein, oder?
Auch Await Further Instructions nimmt das alljährliche Fest, um kräftig in menschlichen und weniger menschlichen Abgründen zu buddeln. Auf die ersten muss man nicht lange warten: Nach wenigen Sätzen schon wird klar, warum Nick so lange nicht mehr daheim war. Ein rassistischer Großvater, ein herablassender Vater, eine hysterische Schwester, deren Dämlichkeit nur von der ihres Freundes übertroffen wird, da bräuchte es gar nicht mehr, um das Publikum in Angst und Schrecken zu versetzen. Oder auch Gelächter zu erzeugen, denn abgesehen von Nick und Annji sind alle Figuren so überzogen, dass sie nur mit größter Mühe noch als menschlich durchgehen.

Normalerweise sind derart unrealistische Charaktere in Filmen eine Schwäche. Bei Await Further Instructions funktioniert es aber. Denn hier ist nichts normal. Die Situation, von einer schwarzen Masse daheim eingesperrt zu werden, das ist noch klassisches Mystery-Material. Wer oder was steckt dahinter? Ist tatsächlich draußen eine Epidemie ausgebrochen und zum eigenen Schutz wurde die Familie in ihrem Haus eingesperrt? So lautet eine der Theorien. Vielleicht handelt es sich aber auch um ein Experiment, um herauszufinden, wie sich Menschen in einer Extremsituation verhalten.

Moment, wie, was war das eben gerade?
Während das Publikum kräftig miträtseln und Theorien aufstellen darf, wird das Geschehen immer eigenartiger, skurriler, bizarrer. Das liegt zum einen an den Anweisungen im Fernsehen, die sich so gar nicht darum kümmern, ob sie Sinn ergeben oder nicht. Es liegt aber auch an den Familienmitgliedern, die jeden Blödsinn mitmachen und dem Ganzen noch eins draufsetzen. Await Further Instructions hätte leicht ein Film über blinden Gehorsam werden können, über den Wegfall von Scham und eigenen Grenzen, wenn es um das eigene Überleben geht – von Das Experiment bis zu Wahrheit oder Pflicht haben viele diese Fragen gestellt. Doch Drehbuchautor Gavin Williams pflegt offensichtlich viel zu sehr eine Vorliebe für das Surreale, um sich derart menschlichen Überlegungen hinzugeben.

Das Ergebnis gehört sicher zu den seltsamsten Beiträgen, die das Fantasy Filmfest 2018 zu bieten. Seltsam auch deshalb, weil hier so vieles zusammenkommt, was nicht zusammengehört. Mal ist Await Further Instructions komisch, wenn sich die Figuren einen Wettbewerb um das dümmste Verhalten liefern, mal ist es spannend, während man auf Antworten wartet. Und manchmal ist der Film etwas, das sich klaren Definitionen entzieht. Teilweise erinnert das an David Cronenbergs Sci-Fi-Klassiker Videodrome oder auch die Kultserie Twilight Zone, auch weil Regisseur Johnny Kevorkian eine schöne Retroanmutung auf die Leinwand zaubert. Wenn auf den modernen Flachbildschirmen einfarbige Anweisungen im 8-Bit-Schrift-Look zu sehen sind, dann ist das schon ein ziemlicher Kontrast. Wären da nicht die Fernseher und die Handys, man könnte sich hier auch tatsächlich in den 1980ern vermuten. Zum Ende hin entgleist der ständig grünlich schimmernde Film ein wenig, wenn er sich zu sehr von den Figuren wegbewegt. Insgesamt wäre manches mit mehr Bodenhaftung wirkungsvoller gewesen, spannender auch. Von dem gesellschaftskritischen Potenzial ganz zu schweigen, das nicht genutzt wird. Freunde seltsamer Horrorfilme sollten dennoch einmal hineinschauen. Und sei es nur, um den Fernseher anschließend mit ganz anderen Augen zu sehen.

Await Further Instructions
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Await Further Instructions
Eine Familie wird an Weihnachten daheim eingesperrt, das hört sich nach einem absoluten Albtraum an. Zum Teil ist es das auch. „Await Further Instructions“ ist jedoch kein reiner Horror, sondern mischt kräftig mit Mystery und Science-Fiction, mit mal spannendem, mal komischen Ergebnis. Manchmal ist das schon ein bisschen zu überzogen, da wäre weniger mehr gewesen. Spaß macht diese surreale Retro-Genremischung aber durchaus.
7von 10

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