„Gatta cenerentola“, Italien, 2017
Regie: Alessandro Rak, Ivan Cappiello, Marino Guarnieri, Dario Sansone; Musik: Antonio Fresa, Luigi Scialdone 

Cinderella the Cat

„Cinderella the Cat“ // Deutschland-Release // Kino: 27. September 2018

Vittorio Basile hat noch viel vor in seinem Leben. Da wäre seine Heimatstadt Neapel, die er mit seinem Geld und seinem Einfallsreichtum entscheidend voranbringen will. Und da ist die schöne Angelica Carannante, die er zur Frau nehmen wird. Was ihm in seinem Glück verborgen blieb: Sie hat gar nicht vor, ein Leben lang mit ihm zu verbringen. Zumindest nicht ihr Leben lang. Seines dafür schon: Gemeinsam mit dem Drogenhändler Primo Gemito plant sie, in kurz nach der Hochzeit zu ermorden. Was sie auch tun. 15 Jahre später ist Vittorios imposantes Schiff ein wenig heruntergekommen, seine Tochter Mia lebt aber immer noch dort – unterdrückt von Angelica und ihren sechs Kindern. Doch die Dinge werden sich bald ändern, schließlich steht der letzte Schritt des großen Plans noch bevor: die Hochzeit zwischen Angelica und Primo.

Bei dem Titel Cinderella dürften die meisten erst einmal an die Disney-Versionen des berühmten Märchens denken, sei es der Zeichentrickklassiker von 1950 oder die Realfilm-Neuauflage von 2015. Mit diesen hat Cinderella the Cat jedoch nur wenig gemeinsam. Einige Elemente der großen Liebesgeschichte tauchen hier auf, darunter eine böse Schwiegermutter und deren Töchter sowie auch das Motiv des gläsernen Schuhs. Aber auch diese sind kaum wiederzuerkennen. Eine der Töchter ist beispielsweise ein Transvestit, der Schuh wiederum ist Teil von Primos Drogenimperium.

Menschen sind zum Sterben da
Und auch vom Genre ist nicht wirklich viel übriggeblieben. Aus einer fantasievollen Romanze wurde ein dreckiger Krimi, der Prinz musste einem Cop Platz machen. Wo bei dem uns vertrauten Märchen ein bisschen Herumgeschnippel am Fuß schon den Gipfel des Blutvergießens ausmachte, dürfen hier schon mal ein paar Menschen das komplette Leben verlieren. Auf eine etwas unschöne Art und Weise versteht sich, im Umfeld der Mafia ist das mit der Lebenserwartung schließlich so eine Sache.

Von einem Actionfilm ist Cinderella the Cat dennoch weit entfernt. Der Beitrag vom Anima Festival 2018 ist eher traurig, von Melancholie durchtränkt. Mia streift alleine durch das langsam zerfallende Schiff, stumm, sie hat die Sprache während der traumatischen Ermordung ihres Vaters verloren. Auch der Vogel von Angelica hat das Singen verloren, sitzt einsam in seinem Käfig. Die Erinnerungen sind dafür umso lebendiger, geistern als Computerprojektionen durch das Schiff.

Viele Abgründe, wenige Erklärungen
Warum sie das tun, wird nie so wirklich verraten. Vieles an dem Film entzieht sich dem normalen Verständnis, tänzelt zwischen surrealen, märchenhaften und futuristischen Szenen umher. Streift mal Erwartungen, oft auch nicht, lebt in einer ganz eigenen, nicht klar definierten Welt. Düster ist Cinderella the Cat, verborgen im Abgrund, einem Friedhof weggeworfener Objekte, Menschen und Träume. Denn träumen tun sie hier alle, von einem besseren Leben, Liebe oder Geld. Und selbst wer wie Angelica alles hat, alles haben könnte, hat doch nichts am Ende.

Zumindest als Zuschauer hat es einen hier sehr viel besser erwischt. Nicht nur dass wir hier eine sonderbare Atmosphäre genießen dürfen, die gleichzeitig wie aus einer früheren Zeit wie aus der Zukunft zu stammen scheint. Das italienische Animationsstudio MAD Entertainment verwöhnt zudem durch eine einzigartige Optik. Sicher, die 3D-Figuren hätten noch mehr Details oder geschmeidigere Bewegungen vertragen können, da meint man manchmal ein zehn Jahre altes Videospiel vor sich zu haben. Und doch verschmelzen sie mit den ausgefeilten Szenenbildern, die an alte Computer-Adventures erinnern, und den ausdrucksstarken Lichteffekten zu einem visuellen, vielschichtigen Rausch, aus dem man gar nicht mehr erwachen mag.

Cinderella the Cat
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Cinderella the Cat
Nein, „Cinderella the Cat“ ist kein Fall für kleine Prinzessinnen oder Romantiker. Der italienische Animationsfilm nimmt zwar Elemente des bekannten Märchens, macht aus ihnen aber etwas ganz anderes, während er das Publikum mit in den Abgrund reißt. Das ist mindestens eigen, manchmal sogar surreal und grotesk und beschenkt uns dabei mit einer einzigartigen Optik, die zeigt, wie viel mehr aus 3D-Techniken herauszuholen ist.
7von 10

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