„23 Paces to Baker Street“, USA, 1956
Regie: Henry Hathaway; Drehbuch: Nigel Balchin, Philip MacDonald; Musik: Leigh Harline
Darsteller: Van Johnson, Vera Miles, Cecil Parker

„23 Schritte zum Abgrund“ erscheint am 9. Februar 2018 auf Blu-ray

Der Balkon, welcher zur Wohnung von Philip Hannon (Van Johnson) gehört, bietet einen wunderbaren Ausblick hinunter auf die Themse. Freilich hat der aus New York in die englische Hauptstadt übergesiedelte Theaterautor davon nichts – schließlich ist er seit einem Unfall erblindet. Dieser führte dazu, dass Hannon fortan nicht nur seine Augen, sondern auch sich selbst vor der Welt verschloss. Einzig seinem Diener Bob (Cecil Parker) gegenüber gibt er sich noch menschlich; selbst seine ehemalige Verlobte Jean (Vera Miles), welche aus den Staaten zu Besuch kommt und ihm vom dortigen Erfolg seines Theaterstückes erzählt, wird kalt hinauskomplimentiert. Aufgebracht zieht sich Hannon danach in einen nahegelegenen Pub zurück, in dem er unfreiwillig Ohrenzeuge einer Konversation zwischen einem Mann und einer Frau wird, die anscheinend ein Verbrechen planen. Bei der Polizei hingegen stößt er mit seinem Verdacht auf taube Ohren, weshalb er, unterstützt von Bob und Jean, seine eigenen Ermittlungen aufnimmt.

Berühmte Vorbilder und Nachahmer
Ein Invalider, der Zeuge eines (geplanten) Verbrechens wird und auf eigene Faust ermittelt? Es fällt schon äußerst schwer, nicht sofort an Das Fenster zum Hof zu denken. Lässt man sich von dieser gedanklichen Hürde jedoch nicht aufhalten, versteht 23 Schritte zum Abgrund es, den geneigten Zuschauer mit einem spannenden Kriminalfall zu unterhalten. Und während es unbestreitbare Parallelen zum genannten und einigen weiteren Filmen gibt, hat das Werk von Henry Hathaway (True Grit – Der Marshal), der in vierzig Jahre 67 Credits als Regisseur sammeln konnte, auch einige Nachahmer gefunden. Der prominenteste dürfte sicher Warte, bis es dunkel ist mit Audrey Hepburn in der erblindeten Hauptrolle sein. Unter anderem weist auch einer der dortigen Höhepunkte eine große Ähnlichkeit mit dem hiesigen Finale auf.

Spannend inszeniert ist es ja, das Finale. Während der Weg dorthin hier und da das ein oder andere Portiönchen suspension of disbelief verlangt, ist alles am Film charmant genug, um leicht darüber hinwegzusehen: Die schauspielerische Leistung aller Beteiligten ist angenehm, die Bindung zum Protagonisten wird von den Drehbuchautoren Nigel Balchin und Philip MacDonald mit einigen Kniffen leicht ermöglicht und auch die Kameraführung ist überwiegend gelungen. Ohne zu viel zu spoilern kann gesagt werden, dass das Finale von 23 Schritte zum Abgrund dennoch einen Tick besser hätte sein können, wenn eine bestimmte Einstellung besser geblockt worden wäre. So aber gibt sie unbeabsichtigt die Auflösung etwa eine Minute zu früh preis.

Der Originaltitel 23 Paces to Baker Street ist eine klare Anspielung an Sherlock Holmes, die sich in einem Kriminalfilm an sich ja nun mal anbietet, und leitet sich von einer kleinen Szene im Film ab, die leider keinerlei Bedeutung hat, sondern anscheinend einzig und allein für diesen Zweck eingebaut wurde, und ohne Weiteres hätte weggelassen werden können. Der deutsche Titel hingegen ist schon passender, wobei „23 Stufen bis zum Abgrund“ aus meiner Sicht eine deutlich bessere Wahl gewesen wäre, mit der sich zwei wichtige Szenen beschreiben ließen.

23 Schritte zum Abgrund
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23 Schritte zum Abgrund
"23 Schritte zum Abgrund" weiß charmant über seine Schwächen hinwegzutäuschen und wartet mit einem spannenden Finale auf, welchem allerdings durch eine einzige suboptimale Inszenierung etwas die Luft rausgelassen wird. Generell werden nicht nur Krimifans hier auf ihre Kosten kommen.
7von 10

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