(„Hello, Goodbye“ directed by Takeo Kikuchi, 2016)

Hello Goodbye

„Hello, Goodbye“ läuft im Rahmen des 18. Japanischen Filmfests Hamburg (31. Mai bis 4. Juni 2017)

Aoi (Sayu Kubota) ist ein freundliches, hilfsbereites Mädchen aus gutem Haus, das als Klassensprecherin viel Verantwortung, jedoch keine Freunde hat. Bei ihrer Mitschülerin Hazuki (Minori Hagiwara) ist es das genaue Gegenteil: Die ist ausgesprochen beliebt, steckt aber regelmäßig in Schwierigkeiten. Beispielsweise hat sie vor Kurzem mit dem Freund einer guten Freundin geschlafen und befürchtet nun schwanger zu sein. Kontakte zwischen den beiden gibt es nicht, so lange Hazuki nicht gerade wieder etwas von Aoi braucht. Durch einen Zufall begegnen sich die zwei aber in einer ungewohnten Situation: Die ältere Dame Etsuko (Masako Motai) steht sichtlich verwirrt auf einer Treppe, nachdem sie mit Aoi zusammengestoßen ist. Trotz ihrer Differenzen beschließen die zwei Mädchen, die Fremde zu begleiten – jedes aus ganz eigenen Gründen.

Auf dem Papier liest sich Hello, Goodbye wie eines dieser typisch verfrachteten Dramen, die nicht nur die japanische Filmlandschaft so plagen. Da gibt es eine ungewollte Schwangerschaft, Seitensprünge, Diebstahl, Anflüge von Mobbing, Vernachlässigung und Demenz. Und das alles in nicht einmal 80 Minuten. Oft mündet eine derart hohe Konzentration von Unglücken in überzogenen, wenig überzeugenden Filmen, welche die Tragödie zum Lebensprinzip erklären und keine Gelegenheit auslassen, den emotionalen Vorschlaghammer auszupacken. Filme, die sich gar nicht für die Realität interessieren oder ihre Figuren, sondern diese nur als Mittel zum Zweck sehen, um den Taschentuchverbrauch in die Höhe zu treiben.

Ernste Themen ohne großes Drama

Bei Hello, Goodbye ist das zum Glück anders. Natürlich: Ernste Themen gibt es hier noch und nöcher. Regisseur Takeo Kikuchi macht um diese aber kein großes Aufheben, versucht mit ihnen nicht, das Publikum zu manipulieren. Sie sind einfach irgendwie da, werden manchmal Hello Goodbyezur Kenntnis genommen und beim Namen genannt. Manchmal aber auch nicht. Beispiel Demenz. Während in westlichen Filmen wie Still Alice oder Mr. Holmes ganz gerne mal der persönliche Verfall gezeigt wird, indem brillante Köpfe ihr Gedächtnis verlieren oder den Weg zur Toilette nicht finden, ist Etsuko einfach nur eine unscheinbare ältere Dame. Jemand, an dem man einfach vorbeilaufen würde, hätte man sie nicht wie hier versehentlich anrempelt.

Das wirft natürlich die Frage auf: Wie wollen wir mit den Alten umgehen, die offensichtlich nicht mehr in der Lage sind, sich um sich selbst zu kümmern? Das ist besonders in Japan relevant, wo der demografische Wandel den Nachwuchs auffrisst, gleichzeitig aber traditionelle Familienstrukturen gepflegt werden sollen – was ein Widerspruch in sich ist. Aber Hello, Goodbye fragt eben auch nach dem Nachwuchs selbst, der hier nicht weniger vernachlässigt wird. Wo früher noch Familien den Alltag bestimmten, sind es nun Beruf oder auch Schulhierarchien, die dem Leben Struktur geben. Freundschaften, die mehr wie Interessengemeinschaften wirken, keinen Schutz bieten, keine Geborgenheit.

Die Suche nach nach dem Glück … und sich selbst
Doch inmitten dieser menschlichen Tristesse gibt es eben doch kleine Momente des Glücks. Unerwartete Gemeinsamkeiten. Einfache Mitsummlieder, die einen an früher erinnern, an einen selbst. Das einfühlsame Indie-Drama sucht im Unglück nicht die Katharsis, sondern das flüchtige Hello GoodbyeLächeln. Wir sollen uns in Hello, Goodbye wohlfühlen. Das wird zum Ende hin konventioneller, als es die ungewöhnliche Figurenkonstellation erwarten lässt. Dafür wird aber auch der große Kitsch vermieden: Bis auf kleine Holprigkeiten behält der Film seinen ruhigen Weg bei, schafft es trotz der geballten Ausnahmesituationen natürlich zu wirken. Es ist also schon ein kleiner Geheimtipp, der hier auf die Besucher des 18. Japanischen Filmfests Hamburg  wartet, wo der Film seine internationale Premiere feiert. Ein bisschen schade ist es, wie kurz die eigentliche Suche kommt, aufgrund der Laufzeit wird das Kennenlernen und Eintauchen im Schnellverfahren abgehandelt. Dennoch: Wer gerne nachdenkliche Werke über den Ernst des Alltags sieht, die wissen, wo ihr Platz ist, sollte den zweiten Spielfilm des Nachwuchsregisseurs im Auge behalten, denn ein regulärer Deutschlandstart ist sehr unwahrscheinlich.

Hello, Goodbye
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Hello, Goodbye
Zwei Schulmädchen finden eine geistig verwirrte Frau und beschließen, diese eine Weile zu begleiten. Das geht mit vielen ernsten Themen einher, die schnell den Film unter sich hätten begraben können. „Hello, Goodbye“ verzichtet jedoch darauf, diese zu sehr ausschlachten zu wollen und erzählt lieber eine ruhige Geschichte darüber, wer wir sind und wie wir miteinander umgehen wollen.
7von 10

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