(„Fuchi ni Tatsu“ directed by Kōji Fukada, 2016)

Harmonium

„Harmonium“ läuft im Rahmen des japanischen Filmfestivals Nippon Connection (23. bis 28. Mai 2017)

Es ist ein beschauliches Leben, das Toshio (Kanji Furutachi) und seine Frau Akie (Mariko Tsutsui) da führen. Er hat eine kleine gut gehende Werkstatt, sie kümmert sich um den Bürokram. Ihr ganzer Stolz ist jedoch Hotaru (Momone Shinokawa), ihre zehnjährige Tochter, die gerade dabei ist, das Harmonium zu lernen. Als eines Tages Yasaka (Tadanobu Asano) auftaucht, ein früherer Bekannter von Toshio, und um eine Anstellung in der Werkstatt bittet, kommt Bewegung in den Alltag. Mehr, als es den Beteiligten gut tut. Denn die positiven Impulse, die der Neuling anfangs auf die Familie ausübt, macht schnell Spannungen Platz – zumal die beiden Männer ein düsteres Geheimnis verbindet.

Der englische Titel des Films ist erst einmal ein wenig irreführend. Auch wenn sich Harmonium natürlich auf das entsprechende, im Heimgebrauch eher unübliche Tasteninstrument bezieht, so weckt der Begriff doch Assoziationen mit dem Wort „Harmonie“. Und davon gibt es in dem Drama nicht allzu viel. Ein Widerspruch also? Vielleicht. Aber auch einer, der sehr gut zu einem Film passt, der lange genug an der Oberfläche herumkratzt, bis etwas anderes darunter hervorkommt. Etwas Düsteres. Hässliches.

Konzentriert und trügerisch
Das Grauen schleicht sich dabei auf leisen Pfoten an. In Harmonium passiert recht lange recht wenig. Gleichzeitig lässt Regisseur und Drehbuchautor Kōji Fukada aber auch keinen Zweifel daran, dass da Unheil im Anmarsch ist. Er entlässt seine Protagonisten nur selten aus der dunklen, engen Wohnung. Es fehlen auch andere Figuren, die das Geschehen mit einer Außenwelt verbinden könnten. Das Drama konzentriert sich auf das Wesentliche: eine Familie, ein Fremder, eine ominöse Bedrohung. Zwischendurch erweckt es während eines Ausflugs den Eindruck, dass vielleicht doch da draußen irgendwo Freiheit lockt. Ein Ausweg. Aber als Zuschauer wissen wir es besser, auch da lauert hinter der trügerischen Harmonie die Tragödie.

Und doch ist Harmonium nur sehr bedingt mit Psychothriller à la Funny Games oder Replicas – In their Skin zu vergleichen, wo sich böse Eindringlinge an die Arbeit machen, nette Familien zu zerstören. Elemente davon sind natürlich zu finden. Aber es bleibt nur die halbe Wahrheit. Spannend ist es sicher, auf das unvermeidliche Unglück zu warten. Spannender aber noch ist der Teil, der sich mit den Folgen und den Figuren auseinandersetzt. Wie gehen diese mit der Situation um? Wie verändern sie sich dadurch? Damit verbunden sind auch ethische Fragen, die niemand so richtig beantworten kann. Oder will. Das wirkt zwar zuweilen eher wie eine Versuchsanordnung anstatt wie eine reale Geschichte. Stoff zum Nachdenken gibt es dafür mehr als genug.

Preisgekrönte Abgründe
Fukada scharte für den Sprungs ins existenzielle Niemandsland eine Reihe talentierter Schauspieler um sich. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei natürlich auf Tadanobu Asano (Lupin III – Der MeisterdiebRuined Heart: Another Lovestory Between a Criminal & a Whore), der zum einen der Bekannteste im Ensemble ist und mit der Rolle des undurchsichtigen Eindringlings auch die auf den ersten Blick dankbarste ergattern konnte. Und doch sind es eher die anderen, die „Normalen“, die hier schweren Eindruck hinterlassen. Denn sie sind es, die sich im Laufe der zwei Stunden wandeln.

Wer reine Genrekost erwartet, könnte dennoch etwas enttäuscht sein, dafür ist vieles einfach zu reduziert, zu spartanisch. Gerade angesichts der Länge wäre sicher mehr Handlung drin gewesen, zumal das Ende ein wenig befremdlich ist. Als Dekonstruktion einer Familie funktioniert das für mehrere Asian Film Awards nominierte Werk aber sehr gut, lässt einen selbst dann frösteln, wenn eigentlich die Sonne scheint. Besucher des japanischen Filmfests Nippon Connection Ende Mai 2017 in Frankfurt a M. sollten Harmonium deshalb einmal auf ihre Watchlist setzen, denn eine reguläre Deutschlandveröffentlichung ist derzeit wohl nicht in Sicht.

Harmonium
4 (80%) 21 Artikel bewerten

Harmonium
„Harmonium“ ist in erster Linie ein Familiendrama, reichert dieses aber mit Elementen des Thrillers an. Das ist trotz einer eher spärlichen Handlung recht spannend: Hier geht es nicht nur um das Böse, das in einer Familie Einzug erhält, sondern auch darum, was es mit den einzelnen Mitgliedern macht.
7von 10

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