Kritik

Funny Games 1997

„Funny Games“ // Deutschland-Start: 11. September 1997 (Kino) // 25. Februar 2016 (DVD/Blu-ray)

Als Anna (Susanne Lothar) und Georg (Ulrich Mühe) mit ihrem Sohn Schorschi (Stefan Clapczynski) zum Ferienhaus am See fahren, deutet nichts darauf hin, dass dieser Urlaub anders sein könnte als die Male davor. Warum auch? Zugegeben, der etwas tollpatschige Peter (Frank Giering) geht Anna recht schnell auf die Nerven, als er die geborgten Eier fallen lässt und danach ein bisschen zu fordernd auftritt. Doch erst als sich auch dessen Kumpel Paul (Arno Frisch) hinzugesellt und die Situation aus dem Ruder läuft, dämmert der Familie, dass diese Begegnung sehr viel gravierendere Folgen für sie haben wird als ein paar verlorene Eier …

Als Michael Haneke 1997 bei den Filmfestspielen von Cannes sein neuestes Werk Funny Games vorstellte, wusste das Publikum natürlich schon vorab, dass ihnen kein besonders angenehmes Erlebnis bevorsteht. Schließlich war der Österreicher schon zuvor mit seinem verstörenden Der siebente Kontinent dort zu Gast gewesen, in dem er in eisiger Detailgetreue aufzeigte, wie eine Familie mit erschütternder Radikalität den Bezug zu der Welt verliert. Später setzte er diesen Beobachtungen in Benny’s Video und 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls noch eins drauf, die sich jeweils mit dem Thema Gewalt auseinandersetzten, die mal banal, dann wieder zufällig ist.

Ein Thriller auf mehreren Ebenen
Wenn es in Funny Games dann wieder um dieses Thema ging, war das grundsätzlich also erst einmal keine Überraschung. Und doch war der Film deutlich anders als die vorangegangenen. War es bei jenen eine beiläufige, geradezu gleichgültige Gewalt, die einem jede Wärme aus Körper und Seele entzog, da packte Haneke sein Anliegen diesmal in einen auf den ersten Blick deutlich konventionelleren Film. Statt eines weiteren nüchternen Gesellschaftsporträts erwartete die Zuschauer und Zuschauerinnen hier ein Home-Invasion-Thriller. Das ist ein Genre, das gerne immer wieder mal bedient wird, erzeugt man doch auf diese Weise quasi automatisch Spannung und Unbehagen. Die Vorstellung, in deinem eigenen Haus überfallen zu werden, die kratzt so sehr an unserem Bedürfnis nach Rückzugsmöglichkeiten und Sicherheit, dass die Filmemacher prinzipiell nicht viel tun müssen.

Ganz so einfach ist der Fall Haneke da natürlich nicht. Er nimmt als Gerüst zwar etwas, das bekannt und bewährt ist, macht aber eine ganz eigene Fassung daraus. In vielerlei Hinsicht ist Funny Games weniger Thriller als vielmehr Meta-Thriller, wenn der Regisseur und Drehbuchautor die mit dem Genre verbundenen Erwartungen nimmt und sie ins Leere laufen lässt oder gar ad absurdum führt. Dazu passt dann auch, wie hier immer mal wieder die vierte Wand durchbrochen wird, um den Leuten daheim vor den Fernsehern zu zeigen, dass sie keine unbeteiligten Passanten sind. Filme werden stattdessen gedreht, um Bedürfnisse zu befriedigen. Und eben das macht Haneke deutlich.

Unterhaltsame Grausamkeit
Ob dieser Angriff auf Sehgewohnten so erfolgreich ist, darüber kann man sich natürlich streiten. Tatsächlich ist Funny Games trotz seiner Genre-Dekonstruktion deutlich zugänglicher als seine anderen meist eher spröden, stille Filme. So manch einer dürfte die Spiegel entweder nicht gesehen oder sie komplett ignoriert haben, die diversen Abweichungen vielmehr als Quelle der Unterhaltung genutzt. Denn auf eine perfide Weise macht das Grausame hier ja Spaß, vergleichbar zu den Foltermethoden etwa eines Saw. Man durfte einfach neugierig sein, welche Grausamkeiten Haneke und seine beiden Handlanger als nächstes wohl auf Lager hatten. Zumal durch die Zerstörung von Illusion und Immersion – man weiß hier immer, in einem Film zu sein – auch keine Gefahr des schlechten Gewissens droht. Ist doch alles nicht echt!

Und überhaupt, zumindest bei der ersten Sichtung werden die wenigsten die Gelegenheit haben, über das Geschehen zu reflektieren. Denn dafür ist das, was da vorne geschieht, dann doch zu packend. Zu überraschend auch, in seiner konsequenten Perfidie, wenn Gesetze gebrochen werden, von denen man gar nicht wusste, dass es sie gibt. Auf den ersten Blick erkennbar ist hingegen, wie fabelhaft das Ensemble für diesen etwas anderen Horrorausflug ausgewählt wurde. Susanne Lothar und Ulrich Mühe ist das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Auf der Gegenseite ist es vor allem der vornehm auftretende Arno Frisch, der schon in Benny’s Video nachhaltig verstörte und hier als genüsslicher Folterer großen Eindruck hinterlässt, selbst mehr als zwanzig Jahre später, zu einer Zeit, in der die Abstumpfung gegenüber Gewalt noch einmal stark zugenommen hat.

Credits

OT: „Funny Games“
Land: Österreich
Jahr: 1997
Regie: Michael Haneke
Drehbuch: Michael Haneke
Kamera: Jürgen Jürges
Besetzung: Susanne Lothar, Ulrich Mühe, Arno Frisch, Frank Giering, Stefan Clapczynski

Bilder

Trailer

Filmfeste

Cannes 1997
Toronto International Film Festival 1997
Rotterdam International Film Festival 1998

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Funny Games (1997)
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Funny Games (1997)
„Funny Games“ führt dem Publikum die Mechanismen von Gewalt in Filmen vor Auge, indem einerseits das Prinzip des Home-Invasion-Thrillers genommen wird, gleichzeitig dessen Gesetze aber gebrochen. Das schwankt zwischen unterhaltsam und verstörend, ist trotz diverser perfider Ideen deutlich zugänglicher, als es die sonst meist nüchtern-spröden Werke von Michael Haneke sind.
8von 10

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