(„Rick and Morty – Season 1“, 2013/14)

Nachdem wir uns letzte Woche in Barakamon ein wenig mit der traditionellen Kunst der Kalligraphie auseinandergesetzt haben, widmen wir uns im 137. Teil unseres fortlaufenden Animationsspecials einer Serie, die auf Traditionen nur wenig Wert legt. Oder auf guten Geschmack. Dafür gibt es verrückte Ideen am laufenden Band und zwei der ungewöhnlichsten „Helden“, die das Fernsehen derzeit zu bieten hat.

Man kann nicht unbedingt behaupten, dass Rick Sanchez große Vorbildqualitäten hätte. Brillant ist er, keine Frage, ständig tüftelt er an revolutionären Erfindungen, reist durch die Zeit und verschiedene Dimensionen. Dafür ist ihm der Rest der Welt relativ egal. Lediglich an seinem Enkel Morty liegt ihm etwas, was aber in erster Linie damit zu tun hat, dass er für seine Abenteuer einen willigen Lakaien braucht. Und so bringt Rick, wenn er nicht gerade volltrunken auf dem Sofa liegt, regelmäßig alle Menschen in Gefahr oder sorgt für Chaos und Zerstörung.

Man muss diese ersten Schrecksekunden erst einmal überstehen, um Rick and Morty nicht vorzeitig den Garaus zu machen. Rick redet wirres Zeug, trinkt und rülpst ständig, missbraucht seinen Enkel, während ihm dabei grüner Speichel das Kinn hinunterläuft. Keine Frage, die Serienschöpfer Justin Roiland – der Rick im Original auch spricht – und Dan Harmon versuchten erst gar nicht, ihre Titelfigur als Identifikationsfigur oder Sympathieträger aufzubauen. Und auch der Rest der dysfunktionalen Familie würde kaum jemand als ideal empfinden, Morty darf man hin und wieder bemitleiden, richtig mögen eher weniger.

Aber das macht eben auch den Reiz, wenn nicht gar Charme der Serie aus, hier wird konsequent auf jegliche Konvention oder Erwartung geschissen, gefurzt oder übergeben. Das ist manchmal ein wenig anstrengend, der zur Hilfe gerufene Toilettenhumor hält sich des Öfteren für witziger, als er ist. Zumal das ständige Fummeln unterhalb der Gürtellinie gar nicht mal die Stärke der TV-Produktion ist, sondern die vielen verrückten Einfälle. Was als Parodie auf Zurück in die Zukunft begann, nimmt sich auch sonst gern mal ein paar große Namen der Film- und Fernsehgeschichte vor: Titanic muss ebenso dran glauben wie Freitag der 13. und Inception. Witziger noch ist aber, wenn das Team sich keine thematischen Grenzen setzt, die beiden Protagonisten in die bizarrsten Welten schickt.

Mal sind Rick und Morty in einer Welt unterwegs, in der telefonessende Stühle die Bevölkerung stellen, mal sehen wir Hamster, die in Hintern leben, auch der Besuch eines Anatomie-Vergnügungsparks steht auf dem Programm, in einer der witzigsten Episoden versuchen Hunde die Weltherrschaft an sich zu reißen. Chaos, gar Anarchie wartet in den elf Folgen der ersten Staffel, eine Ansammlung von absurden bis bescheuerten Ideen ganz im Stil von anderen Sci-Fi-Animationskomödien wie Futurama oder Space Dandywo die einzigen Grenzen die im Kopf sind.

Visuell kann es die vom kanadischen Animationsstudio Bardel Entertainment umgesetzte Serie nicht mit dem letztgenannten Verwandten aus Japan mitnehmen, bei Rick and Morty ist eher solides und sauberes Fast Food denn Gourmetküche angesagt. Aber auch das passt zu den grotesken Geschichten, die nicht besser, sondern nur anders sein wollen. Anspruchsvoll ist das nicht, auch wenn es immer mal wieder leicht philosophische Fetzen zu überdenken gibt, manchmal zudem das Zwischenmenschliche in den Vordergrund rückt. Aber schon im nächsten Moment heißt es wieder ab durch das nächste grüne Teleportportal und hinein in ein weiteres Abenteuer, welches zwar dramaturgisch kein Neuland betritt, das hinter zahllosen kuriosen, teils brutalen Szenarien und einer Menge spaßigen Blödsinn gut zu verstecken weiß.



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Rick and Morty – Staffel 1
Der Großvater ist ein genialer, aber selbstbezogener und alkoholkranker Wissenschaftler, der Enkel ein bemitleidenswertes Schaf von einem Jungen. Sympathisch sind die Figuren nicht, sollen es aber auch gar nicht sein: „Rick and Morty“ setzt voll auf Konventionsbrüche, Toilettenhumor und unglaublich verrückte Einfälle. Das ist wenig anspruchsvoll, manchmal sogar anstrengend, insgesamt aber ein großer Spaß.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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