(„Animal Farm“ directed by John Halas, Joy Batchelor, 1954)

animal-farmNachdem wir zuletzt in Texhnolyze einen düsteren Blick auf eine alternative Zukunft geworfen haben, reisen wie in Teil 135 unseres fortlaufenden Animationsspecials wieder weit in die Vergangenheit. Überholt ist dessen Geschichte jedoch nicht, vielmehr ein noch immer erschreckend aktuelles Beispiel dafür, dass Menschen nicht aus ihrer Haut können. Selbst wenn diese keine Menschenhaut ist.

Die Bewohner der Manor Farm haben wirklich nichts zu lachen. Ständig ist dessen Besitzer, der Bauer Jones, betrunken, spart an allen Ecken und Enden an Komfort für seine Tiere, wenn er diese nicht gleich richtig misshandelt. Doch damit soll nun Schluss sein! Kurz vor seinem Tod versammelt der alte Eber Old Major deshalb alle Tiere in der großen Scheune, um sie zu einer Revolution aufzurufen. Tatsächlich gelingt es den anderen mit vereinten Kräften, den verhassten Bauer zu verjagen und selbst den Hof zu übernehmen. Alle sollen nun gleich sein, kein Tier dem anderen ein Leid zufügen. Für eine Weile gelingt das Projekt auch. Doch je mehr Zeit verstreicht, umso mehr erheben sich die Schweine unter Anführung von Napoleon zu den neuen Herrschern und beginnen nun ihrerseits, die Tiere auszunutzen.

Zeichentrickfilme sollen nur für Kinder sein? Dass dies falsch ist, wusste man in Japan schon lange. Aber auch im Westen gab es immer wieder Beispiele dafür, dass man mit dem Medium erwachsene Geschichten erzählen kann, seien es die dramatischen Abenteuer von Richard Adams (Unten am Fluss, Die Hunde sind los), die derben Späße von Ralph Bakshi (Fritz the Cat, Coonskin) oder auch die surrealen Sci-Fi-Ausflüge von René Laloux (Der phantastische Planet, Herrscher der Zeit). Dabei gibt es einen Titel, der bereits deutlich davor erschienen war und ebenfalls dem vermeintlich jungen Publikum einiges zumutete.

Aber um Wohlfühlszenarien ging es dem englischen Buchautor George Orwell (1984) ohnehin nie, es sind seine dystopischen Schreckensvisionen, die uns in Erinnerung geblieben sind. Und die sind auch in der Zeichentrickfassung von Animal Farm erhalten, welche neun Jahre nach dem gleichnamigen Roman erschien und den ersten abendfüllenden Animationsfilm Europas markierte. Zunächst könnte man noch meinen, hier bei einem Disney-Film gelandet zu sein, schließlich waren die von Anfang an von sprechenden, tierischen Protagonisten geprägt. Und wenn diese in einer leicht überzeichneten Slapstickmanier ihre Freiheit erkämpfen, scheint die Welt auch noch in Ordnung.

Später jedoch mögen die vereinzelten Slapstick- und Comicelemente bleiben, der Film selbst wird jedoch deutlich düsterer. Richtig explizit wird die Gewalt unter den Tieren zwar nicht, die Hinrichtung der nicht schweinegetreuen Vertreter findet außerhalb des Gezeigten statt. Dass aber überhaupt Exekutionen stattfinden, das war in diesem Medium dann aber doch ein starkes Stück. Das eigentlich Erschreckende, vor allem aus erwachsener Sicht, ist aber, dass am Ende alles beim alten bleibt. Ehemals unterdrückte Leute schwingen sich nun selbst zu Unterdrückern auf, der einst so schöne Traum eines gleichwertigen Miteinanders mündet schließlich doch in eine Schreckensherrschaft, in der sich jeder selbst der nächste ist – wenn es die Situation erlaubt.

Das bezog sich in erster Linie natürlich auf den Kommunismus, der aus einer gut gemeinten Idee in der Sowjetunion ein Unrechtsregime ableitete, die Denker von einst verjagte und alle ermorden ließ, die sich gegen einen stellten. Bei der Zeichentrickversion wird dies noch ein bisschen deutlicher, aus gutem Grund: Die CIA war maßgeblich, wohl ohne Wissen des Filmteams, an der Finanzierung beteiligt und drängte auf einige Änderungen. So wurde aus dem Schwein Schneeball, welches im Buch noch tatsächlichen Idealen folgte, ein sehr viel weniger bewundernswerter Zeitgenosse. Vor allem aber das Ende, welches eher universell und damit ausgesprochen deprimierend gehalten wurde, musste einem weichen, das sehr viel mehr in das Konzept der amerikanischen Anti-Kommunismus-Propaganda passte. Das ist zwar etwas bedauerlich, trübt den positiven Eindruck aber nur wenig, zumal man sich hier trotz allem nicht in ein reines Happy End rettete.

Audiovisuell kann man Aufstand der Tiere – Animal Farm ohnehin kaum Vorwürfe machen. Mit den überwältigenden Szenerien von Disney kann es der europäische Kollege natürlich nicht aufnehmen, dafür mangelt es allein schon an Details. Aber die Animationen sind flüssig, sehen teils auch witzig aus, der Film schafft den Balanceakt zwischen realistisch und stilisiert. Wer zur englischen Tonspur wechselt, darf übrigens der Stimme von Schauspielveteran Maurice Denham lauschen, der hier nahezu alles selbst spricht. Aber auch die deutsche Synchronisation lässt sich sehr gut anhören, der Film ist selbst 60 Jahre nach seiner Produktion trotz seiner durch äußere Umstände gefärbten Entstehungsgeschichte ein düster-satirischer Klassiker der Zeichentrickgeschichte, der bis heute kaum an Relevanz eingebüßt hat.

Aufstand der Tiere – Animal Farm
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Aufstand der Tiere – Animal Farm
Einmal Verlierer, immer Verlierer: „Aufstand der Tiere – Animal Farm“ erzählt, wie ein Bauernhof nach einer Revolution unter neuer Führung sämtliche Ideale begräbt und zu einer alten Schreckensherrschaft zurückkehrt. Das wurde zwar im Vergleich zum Roman von George Orwell etwas abgeschwächt, ist aber eine noch immer erschreckende Parabel auf die menschliche Natur.
8von 10

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