(„Coonskin“ directed by Ralph Bakshi, 1975)

CoonskinVon Mittelkindern heißt es ja immer wieder gerne, dass sie im Vergleich zu ihren älteren und jüngeren Geschwistern benachteiligt sind. Sie haben weder den Erstgeborenenbonus noch den des Nesthäkchens. Vielleicht gilt das ja auch für Filme, zumindest bei Ralph Bakshi drängt sich dieser Eindruck auf. Während sein kontroverses Debüt Fritz the Cat über 40 Jahre später längst einen Platz in den Geschichtsbüchern erkämpft hat und seine späteren Fantasyfilme wie die Herr der Ringe-Adaption oder Feuer und Eis regelmäßige Neuauflagen spendiert bekommen, wurde sein Coonskin von 1975 all die Jahre sträflich vernachlässigt. Der nahende, längst überfällige Release hierzulande ist daher ein wunderbarer Anlass, um in Teil fünf unseres fortlaufenden Animationsspecials fast vier Jahrzehnte in die Vergangenheit zu reisen.

Die ersten Minuten über wird man sich jedoch wundern, ob bei der Zeitreise nicht etwas schief gegangen ist – denn von Zeichentrick oder anderen Animationsformen ist hier wenig zu sehen. Stattdessen dürfen wir einem eifrigen, etwas sonderbaren Prediger bei der Arbeit Gesellschaft leisten, bevor der mit einem anderen aufbricht, um zwei Leute aus dem Gefängnis zu befreien. Also nicht unbedingt die Art Beschäftigung, die wir mit einem Geistlichen in Verbindung bringen würden. Trotz des sonderbaren Verhaltens sind wir hier aber noch in der Realität, auch im Gefängnis sind richtige Darsteller unterwegs. Erst als einer der Häftlinge die Geschichte von Bruder Hase und seiner Gang erzählt, wechseln wir in die Welt der gezeichneten Bilder. Manchmal zumindest.Coonskin Szene 1

Während die Protagonisten von nun an durchgängig als Trickfiguren auftreten, sind die Hintergründe weit weniger beständig. Mal sind auch sie gezeichnet, dann wieder starre Fotografien, im nächsten Moment auch bewegte Nachtaufnahmen aus Harlem. Hin und wieder interagieren sogar tatsächliche Darsteller mit ihren animierten Kollegen, ähnlich wie es Bakshi später bei seinem missglückten Comebackversuch Cool World gemacht hatte. Bei so viel Realitätssinn könnte man eventuell erwarten, dass auch die Charaktere einer eher naturgemäßen Erscheinung folgen würden. Fehlanzeige, mit ihren Überbissen, übertriebenen Proportionen und sonstigen Auffälligkeiten – die Ohren von Hase – sind wir hier den Looney Toons schon recht nahe. Mit dem Unterschied, dass hier nicht auf Familienentertainment gesetzt wurde.

Ganz in der Tradition seiner ersten beiden Filme Fritz the Cat und Starker Verkehr richtet sich auch Coonskin mit seinen expliziten Sex- und Gewaltszenen eindeutig an Erwachsene. Dazu passend wurden während der Haupthandlung ausschließlich Nachtszenen verwendet, auch die realen Innenaufnahmen von Clubs und Bars sind dunkel, oft nur von Rotlicht beleuchtet. Gleichzeitig kommt der Humor aber nicht zu kurz. Tatsächlich ist die Geschichte über einen Bandenkrieg zwischen Bruder Hase, Bruder Bär und Prediger Fuchs und diversen anderen Gruppierungen (unter anderem ein korrupter Bulle und die Mafia) eine deftige Satire auf die Blaxploitation-Welle der 1970er und die Darstellung von Afroamerikanern in Filmen allgemein.

Als solche wurde Coonskin damals aber nicht verstanden. Wenn hier ohne Ende Stereotype ausgepackt und bis zur Schmerzgrenze ausgebreitet wurden, sorgte das seinerzeit für richtig viel Kontroverse und Proteste. Die Vorwürfe, Bakshi würde rassistische Vorurteile bestätigen, wurden so lautstark und vehement, dass der Film sogar von Paramount vorzeitig fallengelassen wurde. Ein kleinerer Vertrieb versuchte den umstrittenen Real-/Animationshybriden doch noch zu Erfolg zu verhelfen, musste aber bald Konkurs anmelden. Es blieb also bei einem kolossalen Flop, der auch Bakshis weiteres Werk beeinflusste. Ursprünglich hatte der Regisseur vor, direkt im Anschluss Hey Good Lookin’ zu veröffentlichen, scheiterte aber an den Bedenken der Studios, erneut unverkäuflichen Ballast herumzuschleppen. Und so wendete sich Bakshi erst einmal dem deutlich unproblematischeren Die Welt in zehn Millionen Jahren zu, Hey Good Lookin’ wurde erst 1982 und auch stark verändert veröffentlicht.Coonskin Szene 2

Wer Coonskin gesehen hat, weiß wie unsinnig die Rassismusvorwürfe waren und sind. Dass von der Sprache über die Kleidung bis zum gewalttätigen Verhalten Klischees bedient werden, stimmt natürlich. Nur wurden sie hier stark überzeichnet und ins Groteske übersteigert, um genau diese alltäglichen Stereotype dem Zuschauer ins Gesicht zu knallen und bewusst zu machen. Zudem sind Afroamerikaner nicht die einzige Zielscheibe seines Spotts, so ziemlich jede Figur und Gruppe hier wurde zur Karikatur verunstaltet. Besonders die Mitglieder der Mafia müssen später dran glauben: Schockiert von deren doch recht heroischen Darstellung in Der Pate gibt sie Bakshi der Lächerlichkeit preis, macht aus ihnen verweichlichte, betont feminine Clowns.

Ungeachtet der Kontroverse ist Coonskin daher für jeden interessant, der sich für derbe Cartoonabsurditäten erwärmen kann, wo typische Saturday-Morning-Sounds mit exzessiver Gewalt einhergehen. Dass das alles nicht so zusammenpasst, ist klar und voll beabsichtigt, letztendlich sogar Teil des Reizes. Und auch der wilde Ritt durch ständig wechselnde, manchmal fast surreale Real- und Trickbildmischungen hält einen bei der Stange. Die Geschichte ist dafür, ganz wie bei vielen Blaxploitation-Filmen, nicht viel mehr als ein Mittel zum Zweck. Wer eine richtige Handlung und Charaktere braucht, könnte sich hier deswegen langweilen und den Dauerbeschuss ermüdend finden. Animationsfans und Filmhistoriker dürfen sich dagegen freuen, endlich auch den verlorenen Bakshi ins Regal stellen zu können – schließlich empfindet der Regisseur seine schwarzhumorige Satire sogar als sein bestes Werk.

Coonskin erscheint am 10. Juni auf DVD und Blu-ray



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Coonskin
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Coonskin
Mit seiner bewusst überzeichneten Darstellung von Afroamerikanern und den expliziten Sex- und Gewaltszenen war die Blaxploitation-Satire Coonskin seinerzeit das kontroverseste Werk von Ralph Bakshi. Animationsfans dürfen sich jedoch über eine irre Mischung aus Realaufnahmen und Zeichentrick und derben Humor freuen, sofern sie über die dünne Geschichte hinwegsehen können.
7von 10

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