(„Over the Garden Wall“ directed by Patrick McHale, 2014)

hinter-der-gartenmauerUnd es bleibt unheimlich: Wie schon letzte Woche bei Ghost Hound folgen wir auch im 131. Teil unseres fortlaufenden Animationsspecials Kindern, die in einer abgelegenen Gegend seltsamen Wesen begegnen. Dieses Mal können wir jedoch nie so ganz sicher sein, ob wir uns dabei fürchten oder lachen wollen.

Wo sind wir hier eigentlich? Weit weg von zu Hause können die beiden Halbbrüder Wirt und Greg eigentlich nicht sein. Aber dunkle Wälder sind meistens etwas unübersichtlich, da kann man sich schon schnell mal verirren. Vor allem wenn man gar nicht vorhatte, dorthin zu gehen. Zum Glück sind die zwei aber nicht lang allein, bald gesellen sich ein Frosch sowie die leicht reizbare Vogeldame Beatrice zu ihnen. Gemeinsam treten sie die Heimreise ein, versuchen es zumindest, und begegnen dabei vielen außergewöhnlichen Menschen und andersartigen Kreaturen.

Märchen, das waren früher oft düstere Geschichten, welche Kindern mit Fabelwesen und grausigen Schicksalen auf den rechten Weg führen sollten. Davon ist heute kaum mehr etwas übrig, aus Angst den jungen Seelen großen Schaden zuzuführen, gibt es heute meist sehr entschärfte Versionen. Allein deshalb schon kann man bei Hinter der Gartenmauer nie wirklich sagen, ob das jetzt eine Serie für Kinder oder Erwachsene sein soll. Wir haben zwei junge Protagonisten, tierische Begleiter, Humor – alles, was das heutige Kinderherz begehrt. Aber eben auch in den dunklen Wäldern umherstreifende Wesen, bei denen man insgeheim ganz froh ist, dass sie „nur“ in animierter Version zu sehen sind.

Auf Patrick McHale geht diese eigentümliche Mischung aus Fantasy und Komödie zurück. Der hatte sich zunächst einen Namen als Regisseur der ersten beiden Staffeln von Adventure Time gemacht, bevor er sich dem nächtlichen Ausflug der beiden Halbbrüder zuwendete. An denen hatte er zehn Jahre zuvor schon einmal gearbeitet, damals noch mit einem stärkeren Horroranteil, bevor am Ende Hinter der Gartenmauer herauskam. Brutal ist die Miniserie nicht, benutzt aber doch regelmäßig düstere Bilder und Kreaturen mit stark folkloristischem Einschlag, wie man sie eben aus alten muffigen Büchern kennt.

Die von den Cartoon Network Studios produzierte Serie sieht dabei insgesamt auch richtig gut aus. Die Mischung aus retro-comichaften und finsteren Figuren ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, die Animation zudem wie zu erwarten eher etwas einfach. Dafür tummeln sich die Charaktere vor schönen Hintergründen, die nicht nur in trüb-unheimlichen Farben gehalten sind, sondern oft auch etwas Klaustrophobisches an sich haben. Der Blick streift hier nie sehr weit, wird an jeder Ecke durch Bäume, Wände oder Gebäude blockiert. Manchmal hat man dadurch auch den Eindruck, auf eine Bühne zu schauen, eine Schulaufführung vielleicht, wo sich niemand weit weg vom Platz bewegen kann.

Das passt natürlich dann auch gut zum Inhalt, der eben davon handelt, in einem Wald gefangen zu sein, aus dem es kein Entrinnen gibt, so weit man auch läuft. Zumindest die ersten der zehn Folgen beschäftigen sich dann größtenteils nur mit sonderbaren Begegnungen, ohne dass daraus ein roter Faden würde. Die meisten davon sind für sich glücklicherweise interessant genug, sodass das Herumirren zu keinem Manko werden kann – zumal bei gerade einmal elf Minuten pro Episode keine Geschichte allzu lange dauert. Nur manchmal gibt es kleinere Durchhänger, gerade auch bei den häufigeren Gesangseinlagen. Entschädigt wird man jedoch durch den Humor, der mal albern, mal aber auch recht bissig sein kann, vor allem, wenn Beatrice sich zu Wort meldet. Seine eigentliche Klasse zeigt Hinter der Gartenmauer jedoch, wenn die diversen Handlungselemente im weiteren Verlauf zusammenfinden, aus dem orientierungslosen Spießrutenlauf doch eine konkrete Reise wird. Eine der interessantesten, die man in den letzten Jahren sehen durfte – gleich ob animiert oder nicht. Bis heute ist die Serie hierzulande nicht auf DVD erschienen, wohl aber als Video-on-Demand. Wer Hinter der Gartenmauer lieber klassisch sein eigen nennen möchte, der greift zum US-Import, der für wenig Geld viel Spaß bietet.

Hinter der Gartenmauer
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Hinter der Gartenmauer
Kindlich, komisch, unheimlich – „Hinter der Gartenmauer“ erinnert bewusst an alte Märchen, in denen die jungen Protagonisten noch tatsächlich furchteinflößenden Kreaturen begegnen durften, lockert diese aber mit Humor auf. Auch wenn der eine oder andere Durchhänger nicht ausbleibt, ist die Animationsserie insgesamt ein Geheimtipp für jung und alt.
8von 10

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